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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Ich lasse die Hosen herunter - Teil III

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Es gibt Momente im Leben, da bricht alles zusammen, da stürzt alles ein. Wie der Turm aus Klötzchen, den man als Dreijährige*r kunstvoll errichtet, um ein buntes Teil nach dem anderen aufeinander zu legen, bis die Schwerkraft ein Machtwort spricht und das ganze Konstrukt tosend auf den Boden fällt.

 

Schicksalsschläge: die Frage ist, wie man damit umgeht und wie man diese meistert. Ich für meinen Teil, schleppe mich oft durch die Tage. Und daran ist unter anderem der sogenannte Brainfog, der Nebel in meinem Gehirn, Schuld.

 

Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne. Wisst Ihr, wie man Zuckerwatte herstellt? So unwahrscheinlich dies klingen mag: ihr Hauptbestandteil besteht aus Luft. Und damit meine ich nicht vierzig oder gar fünfzig Prozent. Sondern eher achtundneunzig! Der Rest besteht aus Zucker. Und zwar so wie Ihr ihn kennt: weiss, glitzernd und perlend. Würde man ihn haufenweise in Eurem Wohnzimmer verteilen und etwas befeuchten, es liessen sich die spektakulärsten Sandburgen daraus errichten.

 

Wie aber entsteht aus Luft und Zucker die Zuckerwatte? Was sich aus Luft und Liebe bildet, wisst ihr schon: der Heisshunger. Und der entsteht ganz von selbst. Bei der Zuckerwatte hingegen, benötigt es eine spezialisierte Maschine. Die – ihr habt es erahnt – Zuckerwattemaschine. Diese ist im Prinzip nichts anders als eine Zentrifuge. Also ein rotierender Behälter, der aufgrund der andauernden Umdrehung seinen Inhalt an den Rand drängt. In der Mitte des Behälters befindet sich bei unserer Süsswarenzentrifuge allerdings ein weiterer, kleinerer Behälter, in den man zwei bis drei Teelöffel Zucker hineingibt. Da, wird er auf 150 Grad erhitzt und eingeschmolzen. Die gewonnene Flüssigkeit dringt dann durch winzige Löcher vom kleinen Behälter in den grossen und wird durch das stetige Kreisen abgekühlt und herumgeschleudert. So entstehen lange, dünne Fäden, die sich auf einen Stab aufrollen lassen. Will man nun einen flauschigen Pompon auf seinen Stängel zaubern, wie man ihn vom Jahrmarkt kennt, muss man den Stock konstant im Behälter drehen, damit sich die Fäden aufwickeln. Und selbstverständlich lassen sich der Maschine die verschiedensten Lebensmittelfarben und Aromen beigeben, damit Ihr Euch Eure Zuckerwatte in Pink und mit Erdbeergeschmack auf der Zunge zergehen lassen könnt.

 

Was dies alles mit Brainfog zu tun hat? Nun, der Stängel bin ich. Süss, weich und klebrig haftet eine zähe Masse an mir. Oder viel mehr in mir. Und bis in die hinterste Ecke meines Schädels hat sie sich hineingewunden...

 

Gehirnnebel ist ein weitverbreitetes Phänomen, das einem die Konzentration raubt und den Blick auf das Wesentliche verwischt. Der Begriff beschreibt es schon sehr anschaulich. Man kann nicht mehr klar denken, vergisst die einfachsten Dinge und fühlt sich wie in Watte gepackt. Und dies nicht im Sinne eines Schutzes, sondern viel eher, als ob man in einer Zwangsjacke stecken würde.

 

Es ist, als ob man dauerbekifft durch seine Wohnung torkelt und krampfhaft versucht, die Orientierung zu wahren. Die Ordnung, die Tagesstruktur, die gewohnten Abläufe, all die Dinge von denen wir schon gar nicht mehr wahrnehmen, dass wir sie auch noch tun. Aufstehen, die Medikamente einnehmen, duschen, rasieren, Zähne putzen, den Boden wischen, den Briefkasten leeren, beim Hinauslaufen an Schlüssel, Brieftasche und Maske denken, einkaufen, den Einkauf in die Schränke und in den Kühlschrank räumen, den Müll hinaustragen... All diejenigen Sachen, die unseren Alltag bestimmen, die aber längst zu einem Automatismus verkommen sind. Denn während wir dies alles tun, sind wir mit unseren Gedanken schon zwei, drei Schritte weiter. Oder ganz woanders.

 

Stellt Euch nun vor, jeder dieser Handlungen würde eine Unmenge an Kraft und Konzentration in Anspruch nehmen. An Planung und an gutem Zureden. Es ist ein stetiger Kampf gegen innere Widerstände, gegen den inneren Schweinehund. Jeder Erledigung liegt ein inneres Ringen zu Grunde. Jede Ausübung einer Tätigkeit beginnt damit, dass man vor dem Himalaya steht und ihn überwinden muss.

Brainfog ist der Mann mit der Zuckerwatte! Der, der Dich niederdrückt und ins Bett zwingt. Der, der Dir das Knie auf die Brust legt und Dich mit seinem starren Blick in die Kissen bannt.

 

Von einer roten Zottelmähne umgeben, grinst Dir sein weisses Gesicht schon von weitem entgegen. Rot sind auch seine Lippen und die runde Nase. Schwarz die nachgezogenen Augenbrauen und die Träne auf der Wange. In einem weissen Rüschenhemd und viel zu grossen, khakifarbenen Hosen nimmt er Dich in die Arme und lässt Dich nie wieder los. So lieb hat er Dich.

 

Ich tue oft und vor allem am Morgen Dinge zwei Mal, weil ich nicht mehr weiß, ob ich sie nicht schon erledigt hatte. Mehrmals überprüfe ich auch, ob ich den Kühlschrank geschlossen, den Herd ausgemacht, das Pulver in die Waschmaschine geleert habe...

 

Bei längeren Gesprächen werde ich müde, ich verliere den Zusammenhang und muss mir in Erinnerung rufen lassen, um was sich die Unterhaltung gerade kreiste.

Oder mir fällt partout ein Wort nicht ein. Die letzten Tage kam mir andauernd «Jules Vernes» anstatt «Leonardo da Vinci» in den Sinn. Multitasking ist kein Thema mehr...

 

Was viele, zu viele Leute nicht verstehen: Interaktionen mit anderen Menschen sind anstrengend. Sie benötigen Energie. Und genau diese Energie ist mein kostbarstes Gut. Ich habe nur sehr, sehr wenig davon und muss sehr sparsam damit haushalten. Ich kann schlicht und ergreifend nicht für alle da sein. Auch wenn es noch so gut gemeint ist. Nur weil ich mich jetzt hier oute, kann ich nicht plötzlich dutzende Leute empfangen und mit hunderten schreiben. Es geht einfach nicht. Denn das was ich habe ist eine Erschöpfungskrankheit. Und trotzdem schätze ich es sehr, wenn Ihr an mich denkt, wenn Ihr für mich da sein und helfen wollt. Dies ist viel wert. Und wenn ich es wirklich benötige, komme ich auch sehr, sehr gerne darauf zurück.

 

Nächste Woche schreibe ich über Lösungsansätze. Und wie man Dinge bekämpft, die einen unerwartet befallen.

 

Ganz liebe Grüsse und eine wunderbare Woche Euch.

Euer Alon

 

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