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"Vorsicht Text! Nicht einsetzen"

DMZ –  KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni                          ¦           

 

Sandra Kreisler singt auf Ihrer Tour auch Unbekanntes von ihrem Vater Georg Kreisler, von denen in Archiven gewarnt werden und gibt Auskunft, warum sie ein Leben lang auch die Bühne liebt. Ein Interview mit der Künstlerin kurz vor ihrem Auftritt im Kulturkeller La Marotte in Affoltern am Albis (Kanton Zürich).

 

Urs Heinz Aerni: Ich hatte das große Vergnügen, Ihren Vater, Georg Kreisler, an einem Literaturfestival in Hall in Tirol live zu erleben. Sie widmen ihm zusammen mit dem Pianisten Andreas Kohl eine Hommage. Vermissen Sie in der heutigen Kulturszene den Schmäh, wie Ihr Vater ihn pflegte?

Sandra Kreisler: Der «Schmäh» wäre noch das wenigste. Es gibt kaum jemanden, der wie er verstand, Inhalt, Humor, Wahrhaftigkeit, Literarische Kraft, Reimstärke und – ebenso hochwertig nämlich! – auch Musik zu vereinen. Meist ist es heute so: Entweder die Texte sind gut, dann ist die Musik langweilig oder bieder – oder andersherum.

 

Aerni: Aber…?

Kreisler: Der Mut, die oft erschreckend zeitlose Weltbeobachtung, die Kompromisslosigkeit – und all das gleichzeitig handwerklich so firm: Das ist leider sehr selten geworden.

 

Aerni: Sie interpretieren auch unbekannte Texte und Chansons. Warum blieben die denn unentdeckt?

Kreisler: Einige davon hat er nie veröffentlicht. Da habe ich natürlich Glück, dass ich die ausgraben konnte. Aber bei vielen Liedern ist es eben auch so, dass sie den Leuten zu nah am Ziel eingeschlagen sind. Die Lieder haben zum Beispiel im Österreichischen Funkhausarchiv – und das wird in Deutschland und in der Schweiz nicht anders sein – oft einen Warnhinweis: «Vorsicht Text! Nicht einsetzen!»

 

Aerni: Echt?

Kreisler: Ernsthaft, ich habe es selbst gesehen. Er hatte auch Platten gemacht, die dann von der Plattenfirma aus Angst nicht auf dem deutschsprachigen Markt erschienen sind.

 

Aerni: Seit über 20 Jahren wirken Sie als Sängerin, Autorin, Schauspielerin und Dramaturgin. Was tun Sie, damit die Bühne nicht zum Alltag wird?

Kreisler: Gute Lieder singen, die aus mir sprechen und mich künstlerisch fordern. Und es sind dieses Jahr genau 40 Jahre. Ich liebe es! Übrigens hätte Georg Kreisler heuer seinen 100sten Geburtstag, kaum zu glauben – die Lieder sind so heutig und frisch!

 

Aerni: Ob Literatur, Kabarett oder Comedy, ja sogar der ARD-Tatort zeigen zwischen der österreichischen und der schweizerischen Art himmelhohe Unterschiede. Was machen wir falsch, in der Schweiz?

Kreisler: Oh, das würde ich so gar nicht sagen. Ich habe einige Videos von jungen Schweizern gesehen, die sind hinreissend komisch, klug und mutig, und dass die Schweiz literarisch nicht ganz vorne dabei ist, kann man nach Dürrenmatt, Mani Matter, Suter und Co. wirklich nicht sagen.  Ich glaube, dass so ein Ausspruch mehr aus einem gewissen schweizerischen Minderwertigkeitskomplex herauskommt, als dass das den Tatsachen entspräche.

 

Aerni: Die Schweizer Kulturschaffenden brauchen schon das Ausland, um Erfolge feiern zu können…

Kreisler: Ich habe unglaublich kreative, spannende, mutige, humorvolle und freie Schweizer kennengelernt – allerdings, ja, die beginnen oft erst im Ausland zu blühen. Aber das ist bei Österreichern nicht so viel anders. Ich arbeite seit Jahren mit einem Schweizer zusammen, Roger Stein, der auch schon etliche Kleinkunstpreise errungen hat, auch in der Schweiz, und dessen Chansons und Songs denen von Georg Kreisler wirklich nicht nachstehen!

 

Aerni: Und im TV?

Kreisler: Die Tatorte finde ich ehrlich gesagt in Wahrheit überall meistens schlecht, das liegt daran, dass man da strukturbedingt Redakteure mitreden lässt, anstatt künstlerische Freiheit zu gewähren. Fernsehredakteure trauen der Intelligenz des Publikums oft weniger zu als es die Künstler erfahrungsgemäss tun. Künstler kennen den alten Spruch – den ich oft bestätigt fand: «Behandle Dein Publikum wie Genies und Poeten und sie werden zu Genies und Poeten. «

 

Aerni: Welche Lektüre empfehlen Sie, wenn wir den Kosmos Georg Kreisler entdecken möchten?

Kreisler: Na, bitte nicht lesen, zu meiner Show kommen! Georg Kreisler sollte man hören, sehen, spüren.

 

 

+++

Sandra Kreisler, Berufsbezeichnung: Bühnenkraft. Sie ist in erster Linie Diseuse, im klassischen Sinn. Und dann noch Autorin, Regisseurin, Interpretationscoach, Schauspielerin, Mietstimme, und natürlich Wichtigtuerin, Rechthaberin und Trägerin verschiedener Preise. Geboren in München, Inhaberin mehrerer Staatsbürgerschaften, aufgewachsen im direkten Umfeld von Literatur, Theater, insbesondere des literarischen Chansons und des Kabaretts. Bühnendebut 1984, Filmdebut 1987, Solo-Chansondebut 1994. Sie arbeitet ausschließlich freiberuflich und lebt alternierend in Berlin und in der Schweiz. www.sandrakreisler.com  

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