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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Nie wieder Krieg

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

«Nie wieder Krieg!» lautete die Losung nach dem Ersten Weltkrieg. Und was geschah? Nur zwanzig Jahre später folgte der Zweite! Ein Krieg, der über 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Und als ob die Welt nichts, aber auch gar nichts daraus gelernt hätte, erlebten wir nach 1945 hunderte von bewaffneten Konflikten, Schlachten, Genozide und Kampfhandlungen.

 

Denn immer wieder findet sich einer, einer der (wortwörtlich) das Klima vergiftet, einer der nicht ist wie keiner, sondern wie viele kleine (alte) weisse Männer. Wobei dieser Begriff viel zu kurz greift. Wir kennen sie auch aus Syrien, der Türkei, aus den Philippinen, aus Brasilien, aus Indien, aus Afghanistan und aus China. Und bestimmt auch aus Afrika. Und es sind nicht nur ausschließlich Männer. Es sind auch Frauen die hetzen, die persönliche Schicksalsschläge und unangenehme Erfahrungen auf ganze Gruppen ausweiten. Zudem gehören erschreckend viele Menschen Ideologien an, die geographische Gebiete nur bestimmten Bevölkerungsgruppen zugänglich machen wollen. Jeder der anders ist, ist nicht erwünscht. Und jeder der ähnlich ist, gehört heim ins Reich. Schläft man auf einer Erbse nicht gut, sind alle Erbsli schlecht und gehören in Mayonnaise ertränkt. Wobei das Perfide ja ist, dass oftmals der Hass auf andere nur ein Ventil ist, respektive man gar nie auf einer Erbse schlafen musste, um diese zu verabscheuen. Es reicht das Gerücht, es reicht die Geschichte. Die Geschichte der Prinzessin, die ganz furchtbar darunter litt, weil die Erbse nicht so tat wie sie sollte. Erwartet wurde selbstverständlich, dass sie sich platt machte. Aber Erbsen sind nun einmal klein und rund und führen ein Eigenleben. Sie ordnen sich nicht so leicht unter… (Schon einmal den Tell gelesen, liebe Eidgenoss*innen?) 

 

Und dann kommt so einer daher und stachelt sie alle an, die Wutbürger. Denn der alte weiße Mann ist genau das. Er ist auch eine Karen, eine Wutbürgerin, eine zu kurz Gekommene. Und so braut sich das Unheil zusammen. Er wird zum Chef de Cuisine erhoben. Auf Lebenszeit ernannt! Und fortan muss sich ihm die ganze Küchenbrigade unterordnen. Gekocht wird nur was ihm schmeckt! Und serviert nur was er bestimmt!

Zuerst werden Safran und Curry verbannt. Dann folgen Kreuzkümmel, Ingwer und Kurkuma. In einem nächsten Schritt geht es der Pizza, der Banane und der Guacamole an den Kragen. Bis wir nur noch monochrom essen: weiss an Wochentagen, rot an Wochenenden. Bratwurst und Poulet, Weisswurst und Forelle; als Beilage gibt es Semmeli, Sellerie, Blumenkohl, Spargeln und Fenchel. Und sollten doch einmal Kartoffeln oder Karotten auf den Tisch kommen, so werden sie mit Mayonnaise oder in einer Béchamelsauce serviert. Über die Jahre fallen dann auch die Hemmungen. Vom Sous Chef, über den Potager, den Rotisseur und den Patissier bis hinunter zum Lehrling und zum Tellerwäscher spucken alle ganz kräftig in die Speisen. Denn die Wut ist ja noch da, auch wenn alle vermeintlich Anderen entlassen wurden...

 

Samstag und Sonntag wird als Vorspeise eine Tomaten- oder eine Karottensuppe serviert. Auf der Speisekarte stehen Gerichte wie: Randensalat, Blutwurst, Carpaccio, Tartar, Steak und Eintopf aus roten Bohnen. In das Essen zu spucken ist dem Küchenchef zu wieder. Lieber lässt er das Blut seiner Mitarbeiter in die Teller tropfen... Und zum Dessert werden Blaubeeren gereicht.

 

Man könnte argumentieren, dass die Leute, die in dieses Restaurant gehen, selber schuld seien. Es gäbe ja schliesslich auch andere. Was sie dabei unterschätzen, ist der Sog. Der Sog, die Attraktivität, die Kraft der Anziehung, die von einer ausschliessenden Idee ausgeht. Denn im Gegensatz zu jeder anderen Gruppe, basiert die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Glauben, zu einer bestimmten Nation nicht auf einer besonderen Leistung, einem speziellen Interesse oder einer aussergewöhnlichen Fähigkeit, sondern einzig und alleine auf der Tatsache der «richtigen» Geburt. Ausgewählt wird man also aufgrund des Zufalls. Somit erhalten sehr viele Leute Zugang und können auf etwas Glänzendes und Schimmerndes stolz sein, zu dessen Erschaffung sie absolut nichts beigetragen haben. Eine ähnliche Sprengkraft entwickeln nur Querdenker und Hooligans.

 

Und nun der Krieg in der Ukraine. Hier geht es nicht um ein Erbsli, das sich sträubt und Widerstand leistet. Es geht um mehrere Büchsen hiervon. Und um all die Kartoffeln, Gurken, Karotten und Zwiebeln die Putin ebenfalls zuwider sind. Er will sie alle mit Mayonnaise überschütten. So, dass kein einziges Erbsli mehr auszumachen ist. So, dass es verschwindet, dass es keine Identität mehr besitzt und in einem weissen Meer untergeht. Putins Vision ist der «Russische Salat», der alles bedroht, der alles erstickt und jede Individualität zunichte macht. Sie alle sollen in einem russischen Grossreich unter seiner Herrschaft leiden.

 

Warum? Weil er es kann! Weil all diejenigen die sich nach einem starken Mann sehnten, und all diejenigen, die jahrelang an ihm verdienten, ihm eine ganz unglaubliche Machtfülle ermöglicht haben. Und die alle weggeschauten, als er sein Terrorregime aufbaute. Sie schauten weg, als er dem reichsten Oligarchen Russlands einfach sein Vermögen wegnahm und ihn jahrelang in den Kerker schmiss. Sie schauten weg in Georgien, in Tschetschenien, in Syrien und bei der Annexion der Krim. Und auch dann noch, als es ihnen selbst an den Kragen ging.

 

Historische Phänomene erscheinen nicht einfach. Sie bauen sich auf. Und es gibt Rezepte hierfür. Rezepte, die keinem schmecken aber überall zugänglich sind.

Wenn wir hiervor die Augen schliessen, erhalten wir letztlich das serviert, was wir selbst verschuldet haben.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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