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AT: Erste Dialogplattform im Parlament mit Volksgruppen zum Thema Bildung – Sprache – Sprachkompetenz

DMZ –  POLITIK ¦ MM ¦ Lena Wallner ¦                                  

 

Auf Einladung von Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka fand am Montag die erste Sitzung der "Dialogplattform autochthoner österreichischer Volksgruppen im Parlament" statt. Die Dialogplattform soll zum Ausdruck bringen, dass es ein gemeinsames Anliegen aller im Parlament vertretenen Fraktionen ist, sich dieses Themas anzunehmen, so der Nationalratspräsident in seinen Begrüßungsworten. Er sehe die Volksgruppen als Bereicherung, was etwa die Sprache, Kultur und ihr Einbringen anbelangt. Was das Parlament tun könne, sei, das Bewusstsein dafür zu heben. Es gelte insgesamt, Vorurteile abzubauen bzw. gar nicht aufkommen zu lassen.

 

Erstmalig trafen in diesem Rahmen heute die BereichssprecherInnen für Volksgruppen im Parlament sowie die Beiratsvorsitzenden der sechs autochthonen Volksgruppen zu Gesprächen zusammen, um sich auch künftig über volksgruppenrelevante Themen auszutauschen und den Dialog weiter zu fördern und zu stärken. Im Mittelpunkt stand dabei das Thema Bildung – Sprache – Sprachkompetenz. Das Impulsreferat zum Thema "Minderheitensprachen als Zukunftsprojekt" hielt die Sprachwissenschaftlerin Brigitta Busch. Ziel der Dialogplattform ist, Entwicklungen, Schwerpunkte und Herausforderungen der autochthonen Volksgruppen in Österreich ergänzend zu bisherigen Initiativen zu diskutieren und den Diskurs auch parlamentarisch zu vertiefen.

 

Minderheitensprachen als Zukunftsprojekt

In ihrem Impulsreferat berichtete Sprachwissenschaftlerin Brigitta Busch von einem deutlichen Paradigmenwechsel in der Forschung zu Sprachminderheiten, um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen. So haben sich die Grundannahmen in der Forschung gewandelt, beispielsweise von einer Einheit Sprache – Territorium hin zu der Grundannahme einer erhöhten Mobilität von Menschen. Auch gebe es heute vielfältige, sich verändernde Sprachpraktiken im Gegensatz etwa zu einer reinen Standardsprache.

 

Busch führte außerdem zum Thema Mehrsprachigkeitsforschung aus, dass im eigenen Sprach-Repertoire sich "das Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Räume, an denen wir teilhaben", spiegle. Dieses Sprach-Repertoire umfasse alle kommunikativen Möglichkeiten, die uns in bestimmten Situationen zur Verfügung stehen. Das Spracherleben werde beeinflusst von Sprachideologien, führte die Wissenschaftlerin weiter aus. Gemeint seien unter anderem Machtbeziehungen wie wirtschaftliche und andere Abhängigkeiten, aber auch Assoziationen zur jeweiligen Sprache oder zum Sprechstil. Aktuelle Themen in der Minderheitensprachforschung umfassen ihr zufolge unter anderem Prozesse zur Wiederaneignung der Minderheitensprache und darüber hinaus auch die gesellschaftliche Bedeutung von Revitalisierung der jeweiligen Sprache. Sprachwechsel oder ein Verbot könne als traumatisch erlebt werden. Im Gegenzug könne Revitalisierung als Ressource zur Traumabewältigung wirken.

 

Die Wissenschaftlerin sprach sich dafür aus, dass Minderheitensprachen als ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital gesehen werden sowie Bedingungen für deren Erhalt und Revitalisierung zu schaffen und entsprechend gezielte Bildungsangebote bereitzustellen. Es gehe um ein Bemühen, dass die Heterogenität sprachlicher Ressourcen und Praktiken anerkannt wird, so Busch. Insgesamt brauche es auch neue Möglichkeiten wie Lernapps oder Übersetzungstools.

 

Vertiefung des parlamentarischen Diskurses

Aus Sicht von Nikolaus Berlakovich (ÖVP) gilt es, darüber nachzudenken, mit welchen Impulsen man der jeweiligen Volksgruppensituation gerecht werden kann. Mit dem aktuellen Regierungsprogramm sei bereits einiges gelungen, etwa die Volksgruppenmedien-Erhaltung oder beim Thema Digitalisierung. Ebenso wie Nationalratspräsident Sobotka hakte er beim Thema Mentoringprogramme nach, das im Impulsreferat erwähnt wurde. Busch hält dabei im Hinblick auf Erwachsenenbildung für den zentralen Moment in der Bildungslaufbahn, wenn Kinder eingeschult werden, wie sie sagte. Hier würden sich auch Eltern gut abholen lassen, wenn Angebote für sie bereitgestellt würden, parallel zur Einschulung der Kinder in die Sprache einzutauchen.

 

Josef Ofner (FPÖ) zeigte sich überzeugt, dass es ein entsprechendes Bildungsangebot geben müsse, das aus seiner Sicht in gewissen Bereichen ausgebaut werde könnte. Auf sprachliche Bildung zu setzen, sei für junge Menschen und zugleich auch für den Wirtschaftsstandort von Bedeutung. Der heutige Dialog stelle einen Beginn dar, darüber zu reden, dass es weitere Schritte, etwa im Bildungsangebot, brauche, meinte Olga Voglauer (Grüne). Ein zweisprachiges Bildungsangebot und entsprechende Bildungsqualifikation umfasst aus ihrer Sicht nicht nur Sprachunterricht, sondern stellt auch eine Anreicherung des kulturellen Kapitals dar. Michael Bernhard (NEOS) griff einerseits das Thema Revitalisierung auf, andererseits auch die Frage, wie sich Volksgruppen politisch organisieren. Wichtig sei aus seiner Sicht, auch darüber nachzudenken, wer Teil des Dialogs sei und wer noch fehle.

 

Austausch über volksgruppenrelevante Themen

Mit den Beiratsvorsitzenden der sechs autochthonen Volksgruppen (TschechInnen, SlowakInnen, KroatInnen, UngarInnen, SlowenInnen, Roma und Sinti) fand schließlich ein Austausch über volksgruppenrelevante Themen statt.

 

Mehrfach wurde dabei angesprochen, dass es Verbesserungen im Bildungswesen brauche. Aus Sicht des Beiratsvorsitzenden der Volksgruppe der KroatInnen brauche es hier etwa in Bezug auf Sprache eine Auflockerung bei Schulbesuchsmöglichkeiten statt der bisherigen Eingrenzung auf das autochthone Gebiet, im Sinne von mehr Anspruch für den/die Einzelne. Seitens des Beirats der slowenischen Volksgruppe kam unter anderem das Anliegen, dass eine Förderung der Kinder in ihrer slowenischen Sprache bereits im Bereich der Elementarbildung erforderlich sei. Dafür brauche es auch entsprechend ausgebildetes Personal. Der Bedarf an Lehrkräften wurde auch von Seiten des ungarischen Beiratsvorsitzenden thematisiert. Etwaig könnten hier mithilfe der Nachbarländer Fachkräfte gefunden werden, so die Überlegung.

 

Der Vertreter der tschechischen Volksgruppe sieht Lücken in der Absicherung der Bildungsangebote, sowohl im öffentlichen, als auch im privaten Bereich. Die Möglichkeit der durchgängigen Bildung bis zur Matura sei extrem wichtig für die Volksgruppe. Hier gelte es, für Unterstützungen auch entsprechende Regelungen zu finden, sie zu verankern und die Basis sicherzustellen. Von Seiten des slowakischen Volksgruppenbeirats wurde unter anderem darauf hingewiesen, dass aufgrund der Digitalisierung auch neue Muster gefunden werden müssen, um die jungen Generationen zu adressieren. Auch aus Sicht des Vertreters der Roma gebe es Handlungsbedarf, Jugendliche dazu zu bringen, sich als Volksgruppenangehörige zu verstehen. Es werde nach wie vor daran gearbeitet, herrschende Vorverurteilungen aufzuarbeiten.

 

 

 

Herausgeber / Quelle: Parlamentskorrespondenz Österreich ¦ 

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