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Die Folgen eines Gas-Embargos sind nicht modellierbar

DMZ – WIRTSCHAFT ¦ Dirk Specht ¦                           

KOMMENTAR 

 

Scholz´ Auftritt bei Anne Will war irritierend, weil er sich so gar nicht irritiert zeigte. Habeck macht im Unterschied dazu keinen Hehl aus dem Stress und auch der Hilflosigkeit, die er empfindet und die man ihm auch ansieht. Beide haben aber Recht, wenn sie „Gas-Modellrechnungen“ so mancher Ökonomen oder mit gar nichts hinterlegte Forderungen von der Oppositionsbank zurückweisen. Man darf das aber anders als Scholz formulieren, der es absolutistisch und damit wissenschaftsfeindlich abtut. Die Lage ist viel zu diffus, um so zu kommunizieren, denn sie ist vermutlich instabiler als Scholz zugibt. Vielleicht gibt er sich genau deshalb so „souverän“?

 

Der Fehler vieler Modelle zur Gasversorgung und ebenso pauschaler Forderungen insbesondere seitens der Union liegt in dem Versäumnis, zwischen Quoten und Wertschöpfungsketten zu unterscheiden. Viele schauen sich „von oben“ alleine die Anteile/Quoten von Gas bei der Energienutzung an. So schwankt unser Gesamtenergieverbrauch um ca. 2.500 Terrawattstunden (Chart 1). Davon sind drei Segmente ungefähr gleich groß, nämlich Industrie, Haushalte und Verkehr. Etwa halb so groß sind Gewerbe, Handel und Dienstleistungen.

Nebenbei bemerkt schwanken hier bei den Energieträgern die Erneuerbaren seit Jahren zwischen 15% an der Untergrenze und 20% an der Obergrenze. Höhere Werte sehen wir nur bei der Stromerzeugung, die aber nur einen Teil der Energie abdeckt. Wir dürfen also nicht übersehen, dass wir bei der alles entscheidenden Frage, nämlich der autonomen Produktion von Energie ohne fossile Energieträger noch einen sehr weiten Weg vor uns haben. Die Erkenntnis eines weiten Weges, der sowohl ökologisch als auch geostrategisch zwingend ist, sollte nun endlich zu einer höheren Geschwindigkeit und nicht mehr zu anhaltender Verzögerung führen.

 

Betrachtet man nun die Energieträger (Chart 2), so liegt Gas hier bei etwas weniger als einem Drittel, was sich aber sehr unterschiedlich verteilt, denn während Gas beim Verkehr kaum eine Rolle spielt, liegt es in den übrigen Segmenten über einem Drittel.

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit, denn auch hinter dem Energieträger Strom liegt Gas, jedoch mit einem kleinen Anteil. Der Energiemix beim Strom schwankt bekanntlich aufgrund der instabilen Ausbeute der Erneuerbaren, wie man in Chart 3 sehen kann: Deren Anteil lag im 1. HJ 2020 bei knapp 52% und in 2021 bei nur 44%. Der Wind fehlte im letzten Jahr. Gas hat bei der Stromerzeugung einen gerne vernachlässigten Anteil zwischen nur 12% und bis zu 15%.

Nimmt man nun diese Gesamtquoten und rechnet die noch um den inzwischen auf 40% gesunken Anteil an russischem Gas runter, nimmt dann noch ein paar Speicherreserven und die Annahme, im Laufe des Jahres den Anteil Russlands weiter reduzieren zu können, so mag man zum Ergebnis kommen, dass die verbleibende Menge eingespart werden könne. Die ganz „mutigen“ Modelle rechnen noch weiter, indem sie diese Quoten auf das BIP hoch rechnen: Hier würde also Gas eingespart, was zu entsprechend geringeren Transaktionen in der Volkswirtschaft führt. Da Energierechnungen und damit verbundene Primärproduktion ihrerseits ohnehin nur einen Teil des gesamten Waren- und Dienstleistungsverkehrs ausmachen, kommt dann ein Rückgang des BIP je nach „Modell“ um ein Prozent heraus.

Das können wir uns doch locker leisten – auf jeden Hundertsten Euro verzichten, um der Ukraine zu helfen? Da sind Twitter-Meldungen von der Oppositionsbank schnell geschrieben und Interviews mit entsprechenden Forderungen gegeben. Die Medien und darunter die sogenannten Sozialen sind voll davon.

Niemand würde solchen Annahmen gerne widersprechen, jeder versteht sofort, dass wir einen Teil des BIP hergeben müssen, um die Finanzierung der russischen Kriegsmaschine zu stoppen. Lassen wir sogar mal das Argument weg, dass der Weg von Sanktionen bis zur Finanzierung des Militärs in Russland ein weiter ist, dass gerade das Militär lange Zeit durch den Druck von Rubel weiter laufen kann. Sanktionen wirken langfristig, aber wie bei den Erneuerbaren Energien ist das kein Argument, damit zu zögern. Solche Beiträge sind einfach nur bedauerlich, denn gerade das russische System mit seiner auf Rohstoffexporte fokussierten „Monokultur“ und seiner Abhängigkeit von Technologieimporten ist durch die Sanktionen sehr effektiv und nachhaltig störbar.

 

Der Fehler bei diesen Forderungen auf Basis solcher unterkomplexen Quotenrechnereien liegt ganz woanders: Wir sprechen hier nicht von isolierten Ausfällen in unserer Wirtschaft oder ein paar Grad Raumtemperatur in unseren Wohnungen. Wir können dieses Gas nicht mit ein paar Prozent von irgendwas separat sparen. Wir können vielleicht 1% weniger Autos kaufen oder auch 1% weniger essen gehen, es mag möglich sein, 100% russische Waren nicht mehr zu kaufen. Bei Endprodukten industrieller Produktion sind solche Rechnereien möglich, aber nicht bei der Energie.

 

Es ist bereits sehr ambitioniert, die genannten Quoten von mehr als einem Drittel beim Gas um Ersatzlieferungen und Einsparungen auf weniger als ein Zehntel herunterzurechnen und dann anzunehmen, das müsse halt gespart werden. Die Verbraucher dieser Energie hängen nicht alle an einem gemeinsamen großen Topf und dann nimmt halt jeder ein Zehntel weniger ab, um den Rest des von Russland erforderlichen Gases zu kompensieren.

 

Tatsächlich ist die Abhängigkeit von Gas natürlich nicht einheitlich ein Drittel, die von russischem ist dabei nicht überall 40% und die Ersatzmöglichkeiten durch andere Lieferwege sind ebenfalls nicht homogen. Eine Gasheizung ist zu 100% von Gas abhängig und eine industrielle Produktion mit Gas als Wärmeträger ebenfalls. Vor allem in der Industrie können viele Anlagen dabei technisch nicht mit weniger Gas betrieben werden. Da ist rein gar nichts einsparbar. Vor allem in der Chemie, aber auch beim Glas oder der Stahlproduktion laufen Anlagen, die technologisch bestimmte Energiemengen benötigen, um zu funktionieren. Wenn da ein Zehntel fehlt, läuft die Anlage gar nicht mehr, das ist also ein digitaler Zustand: Läuft oder läuft nicht.

 

Entsprechend haben solche Anlagen dann auch nicht ein Zehntel weniger Output, sondern gar keinen mehr. Hier kommen nun die Wertschöpfungsketten in Spiel, denn es reicht leider nicht, den ökonomischen Ausfall solcher Produktionen zu kalkulieren, weil sie nicht isolierbar sind. An der Stelle fehlen dann gerade beim Ausfall von Energie als einer der primärsten Inputs von Wertschöpfungsketten essentielle Vorprodukte für viele weitere Produktionen. In Chart 4 ist eine Karte abgebildet, die zeigt, wie enorm unterschiedlich die Abhängigkeit von Gas regional ist. Hier kann man leicht erkennen, dass die Abhängigkeit lokal oft weit mehr als das durchschnittliche Drittel beträgt. Einer der größten Kreise ist der Region Ludwigshafen zuzuordnen. Dort sitzt mit BASF das größte Chemieareal der Welt. Das Unternehmen hat heute eindringlich vor den Folgen eines Gas-Ausfalls gewarnt: https://www.faz.net/…/gas-aus-russland-basf-warnt-vor…

BASF weist nicht nur auf die eigenen ökonomischen Verluste bei einem Produktionsausfall hin, sondern auf die vielen nicht ersetzbaren Vorprodukte für Automobil-, Pharma- oder Bauwirtschaft. Natürlich muss man solche isolierten Unternehmensmeldungen auch immer als interessengesteuert sehen. Wenn die Gesamtmodelle eine moderate Rezession von einem Prozent aussagen, bedeutet das für betroffene Unternehmen natürlich immer weit mehr – im Einzelfall vielleicht 100%. Entsprechend betroffene werden sich mit solchen Meldungen also bemerkbar machen. Die gesamtgesellschaftliche Entscheidung, ob solche Verluste tragbar sind, können von Einzelinteressen nicht abhängen. Aber BASF hat natürlich Recht, wenn sie darauf hinweisen, dass ohne den Output aus Ludwigshafen viele andere, darunter auch lebenswichtige Produkte nicht mehr herstellbar sind. Da brechen also nicht nur Wertschöpfungsketten, sondern auch wichtige Versorgungsketten – und das Problem an der Stelle ist: Das kann man nicht mehr valide modellieren.

 

Noch prekärer könnte es bei der Stromproduktion aussehen. Hier klingt der schwankende Gasanteil von 12% bis 15% als vernachlässigbare Größe. Davon dann weniger als die Hälfte aus Russland, das muss doch anders gehen. Auch hier gilt: Die Quote sagt wenig über die Folgen. Wir haben in Deutschland über 70 Gaskraftwerke und das ist DIE strategische Reserve zum Ausgleich von Netzschwankungen. Gaskraftwerke sind dazu hervorragend geeignet, weil sie sich anders als alle anderen tatsächlich aus dem Stand an- und ausschalten lassen. Daher war es ökologisch durchaus sinnvoll, die Grundlast in den Netzen durch diese vielen verteilten und sehr effizient an- und abschaltbaren Gaskraftwerke sicherzustellen. Das war aber in Verbindung mit der eklatanten Abhängigkeit von russischen Lieferungen, die zudem über fest installierte Netze und nicht austauschbare Infrastruktur erfolgen, aber schlicht nichts weniger als grob fahrlässig!

 

Der Betrieb von Stromnetzen ist hoch komplex und er ist ebenfalls nicht durch einen großen Topf an Strom, aus dem alle sich bedienen, zu beschreiben. Die Netze sind regional strukturiert, müssen in sich stabil laufen und können nur bedingt Mengen von außen dazu nehmen oder abgeben. Es fehlen leider die viel zitierten intelligenten und überregionalen Netze, um die erzeugte Energie großflächiger verteilen zu können. Das ist für den Einsatz von Erneuerbaren Energien auch ein großes Defizit, da deren Produktion bekanntlich sehr stark schwankt. Für die Frage der Gaslieferungen bedeutet das aber: Wie das für die Stabilität der regionalen Netze aussieht, kann in Regionen mit bisher starker Versorgung über die russischen Pipelines ausgesprochen kritisch aussehen und durch diese Zehntel-Rechnerei überhaupt nicht beschreibbar sein. Auch hier gilt: Das kann man nicht mehr valide modellieren.

 

Bei der Diskussion der Gas-Frage ist also die Dimension zu berücksichtigen. Es geht hier nicht um ein paar Hundertstel unseres Wohlstands. Es geht nicht um „die Wirtschaft“, die mal wieder nicht bereit ist, einen Beitrag zu leisten. Es ist keine Frage von Gier versus Hilfe für andere. Natürlich sind solche Stimmen auch dabei, aber die Dimension ist eine andere: Es geht um unsere Grundversorgung. Eine moderne Industriegesellschaft ist ohne Energie nicht überlebensfähig. Bereits die Frage, welche Versorgungsleistungen unsere Industrie nicht mehr aufrecht erhalten kann, sollte nicht unterschätzt werden. Beim Strom ist die Diskussion aber sofort zu Ende. Die Stromversorgung gleicht der Lebensmittelversorgung. Ohne Strom geht bei uns nichts mehr, kein Wasser, kein Haushalt, keine Produktion, keine Kommunikation. Ein Blackout gefährdet unser Leben und unsere Sicherheit existentiell.

Ich habe mir die prominenteren Studien zum Gasembargo durchgelesen und ich spreche den mir vorliegenden ab, die Folgen für Wertschöpfungs- und Versorgungsketten wirklich zu erfassen. Ich halte die Frage auch für kaum beantwortbar. Damit behaupte ich explizit nicht, dass ein Gasembargo unmöglich sei. Ich weiß es nicht, aber diejenigen, die es fordern, wissen es meiner Meinung nach auch nicht. Daher ist es seitens der Regierung leider richtig, in der Sache sehr defensiv vorzugehen. Es reicht schon, dass diese Entscheidung ja nicht nur bei uns liegt. Wenn Russland die Lieferungen einstellt, werden wir nicht mehr modellieren, sondern konkret erfahren, welche Folgen es tatsächlich hat.

 

In dieser Situation ist vor allem erkennbar, dass Energiepolitik zu einer der wichtigsten Aufgaben einer Regierung gehört. Da haben wir ganz erheblichen Nachholbedarf und sind aktuell leider in einer Lage, die keine Fehler mehr zulässt. Habeck steht das ins Gesicht geschrieben und es ist unverantwortlich, wie manche mit ihm umgehen. Niemand kann einschätzen, ob er Fehler macht, aber jeder sollte einschätzen können, dass er konstruktive Unterstützung braucht.

 

Es ist von außen kaum zu bewerten, wie sehr das System an der Kante steht. Ich fürchte, es ist von innen auch nicht leicht, das zu tun. Wir sind aber sehr wahrscheinlich nicht in der Lage, Probleme nun politisch auszunutzen. Dieses Spielchen muss schnell enden. Gerade in einem föderalen System müssen nun in der Krise alle politischen Kräfte zusammenrücken. Wir wollen von diesen Lieferungen weg kommen, das ist vollkommen unstrittig. Aber es nutzt nichts und niemandem, wenn dabei bei uns die Grundversorgung mit allen politischen und gesellschaftlichen Folgen zusammenbricht.

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