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«Ich wünsche mir intensive Debatten»

DMZ – KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni ¦                                      

 

In seinem Buch «Mannsein» stellt Albert A. Feldkircher die Frage, was es heute bedeutet, die Rolle des Mannes zu erfüllen und hinterfragt die gesellschaftlichen Vorstellung der Geschlechter.

 

Urs Heinz Aerni: Herr Feldkircher, so von Mann zu Mann, wie geht es uns Männern heute?

Albert A. Feldkircher: Der Mann steht heute auf dem Prüfstand. Seine gesellschaftliche Rolle wird infrage gestellt. Einstmals Familienoberhaupt, Ernährer, Erzeuger, Vater, Beschützer, verliert er an Einfluss.

 

Aerni: Warum?

Feldkircher: Männlichkeit wird mit Macho-Gehabe verwechselt und Softies werden verächtlich belächelt – von Männern wie von Frauen. Das macht uns Männern zu schaffen. Kann stark am Selbstwert nagen. Fordert uns aber gleichzeitig zum Aufbruch.

 

Aerni: In Ihrem Buch mit dem Untertitel «Prügelknabe und Seiltänzer» erwähnen Sie Männer, die im Einsatz der Gesellschaft sind, im Rettungsdienst zum Beispiel, aber auch als Burn-out-Betroffene. Nun, was passiert denn grad mit uns?

Feldkircher: Tatsächlich sehe ich uns Männer im Spannungsfeld zwischen dem „Prügelknaben“ und dem „Seiltänzer“.

 

Aerni: Wie meinen Sie das?

Feldkircher: Zum einen geschlagene Männer – wortwörtlich - in meiner Generation war die Prügelstrafe noch Gang und Gäbe - aber auch im übertragenen Sinn sind sie die Verlierer in unserer Gesellschaft: die Obdachlosen, Gewalttätigen und Mordopfer zugleich, Suizidale, Süchtige, Ausgebrannte, verlorene Krieger in sinnlosen Kriegen. Zum Anderen sehe ich den Mann, der im Einsatz für die Gesellschaft ist, Im Rettungsdienst, Feuerwehr, Krisenintervention usw., der seine männlichen Stärken und Energien mutig einsetzt.

 

Aerni: Für diese Pattsituation steht der Seiltänzer...

Feldkircher: Ihn sehe ich im Balanceakt zwischen Leistung, Aufgaben, Pflichten und Herausforderungen einerseits und den leichten Seiten, die das Leben bereichern. Der gefällt mir besonders gut.

 

Aerni: Sie erwähnen im Buch auch Ihren Vater, wie er in der Wiese liegen konnte oder den Ameisen zusah. Es klingt etwas nach einer Verteidigung für uns Männer, dass wir es auch können, romantisch zu sein und poetisch veranlagt…

Feldkircher: Ja, definitiv! Wir können es auch – und wir sollten es noch viel mehr tun. Es entspricht dem männlichen Urbild des Liebhabers, der dem Leben Geschmack gibt.

 

Aerni: Dass das heutige Männersein einer Verunsicherung zum Opfer fiel, wurde in den letzten Jahren immer mehr zum Thema. Was lief denn falsch, aus der Sicht des Mannes?

Feldkircher: Die Verunsicherung vieler Männer, das stelle ich in meiner Männerarbeit fest, ist tatsächlich groß. Sie haben das traditionelle Rollenbild verlassen aber ihre eigene Rolle als Mann, als Partner, als Familienmann, als Mann in der Gesellschaft noch nicht gefunden. Natürlich fehlt es auch noch an guten Vorbildern. Für mich ist es wichtig, in der Paarbeziehung auf Augenhöhe mit der Frau zu sein.

 

Aerni: Sie schreiben von den Anpassungen der Rollen der Männer, die von den Frauen gefordert wird. Wurde des Guten zu viel gemacht?

Feldkircher: Es gibt die Männer, die sich über Anpassung versucht haben zu emanzipieren – mit zwei n’s. Vom dominanten Familienoberhaupt und karriereorientierten Berufsmann wandelten sich viele Männer zu netten Kerlen, die partnerschaftlich einfühlsam und sensibel sein wollen.

 

Aerni: Aber?

Feldkircher: Aber nur diese Anpassung funktioniert offenbar nicht. Das zeigen die vielen Trennungen und Scheidungen. Der Mann muss zu seiner männlichen Stärke finden und sie in seine Beziehungen einbringen.

 

Aerni: Aber es geschah doch in dieser Richtung einiges...

Feldkircher: Es hat sich in den vergangenen 30 Jahren viel getan: viele Männer sind zu starken Partnern für Ihre Frauen geworden, wertschätzen und unterstützen sie, gehen mit zur Geburtsvorbereitung und sind bei der Geburt – mittlerweile selbstverständlich - mit dabei, übernehmen verstärkt Aufgaben in der Familie und Erziehung der Kinder. Manche nehmen sich eine Auszeit für die Väterkarenz. Wünschen würde ich mir, dass Männer noch mehr Fürsorge- und Pflegedienste übernehmen. Es würde ihnen und der Gesellschaft tut tun.

 

Aerni: Verstehe ich Sie richtig, wir verließen ein Naturprinzip?

Feldkircher: Ich verstehe den Grundtenor der Natur so, dass wir Männer männliche Fähigkeiten mitbringen: Mut, Durchhaltevermögen, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit, rationales und analytisches Denken, physische Kraft. Talente, die wir eher dem Weiblichen zuschreiben – Empathie, Fürsorge, Mütterlichkeit, Wärmendes, soziale und kommunikative Kompetenz – suchen eine Ergänzung im Zusammenspiel von Mann und Frau. So verstanden lösen sich starre Rollenbilder auf und weichen einem partnerschaftlichen Verständnis.

 

Aerni: Die Lektüre Ihres Buches ist spannend und löst ein nachdenkliches Sinnieren aus. Aber wohl auch eine intensive Debatte. Wie haben Sie sich auf diese eingestellt?

Feldkircher: Wenn zu nachdenklichem Sinnieren und reflektieren auch ein Anstoß mit Mut zu Veränderungen kommt, sehe ich das Anliegen meines Buches erfüllt. Und ich wünsche mir intensive Debatten. Wir müssen wieder ins Gespräch kommen. Ich bin offen und dankbar dafür.

 

Aerni: Zu guter Letzt noch diese Frage. Wenn ich ein Gemälde malen würde, mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen, wie müsste dieses aussehen?

Feldkircher: Tolle Frage! Spontan stelle ich mir den Mann vor, der mit Jogginghose und hemdsärmlig auf der Wiese liegt, mein Buch in der Hand hält, die Augenbrauen hochgezogen und mit einem kleinen Lächeln im Gesicht.

 

Das Buch: «Mannsein heute – Prügelknabe und Seiltänzer» von Albert A. Feldkircher, Bucher Verlag, 2022, ISBN 978-3-99018-628-2, 144 Seiten.

 

Albert A. Feldkircher, geb. 1947, verheiratet seit 1969, zwei erwachsene Söhne, fünf Enkelkinder, wohnt mit seiner Familie in Egg/Bregenzerwald. Im Quellberuf Exportkaufmann wechselte er nach Ausbildungen 1994 in die Erwachsenenbildung und ist seither selbstständig als Trainer, Coach und Berater tätig. Seine Schwerpunkte sind Kommunikation, Konfliktmanagement, Stress- und Burnout-Prävention, Persönlichkeits- entwicklung sowie Männerberatung. 25 Jahre lang leitete er zusammen mit seiner Frau Paarseminare und Kommunikationstrainings. Bisherige Veröffentlichungen: Mit Freude zusammen leben. Kraftquellen in Paar- Beziehungen (1998), Meines Vaters Hände (2000), Das bist du mir wert. Gedanken für Paare (2008), Was unsere Liebe nährt. Ermutigungen für Paare (2012), TAXI. Erlebnisse eines Taxifahrers (2018)


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