· 

RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Leben mit Krieg

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Nun ist er also Alltag, der Krieg. Jeden Morgen stehen wir mit ihm auf. Und abends, da legen wir uns zu ihm ins Bett. Und es ist nicht nur so, dass er sich an uns anschmiegt und wir seine Bartstoppeln im Nacken spüren, seine unrasierten Beine an den unsrigen, er verfolgt uns auch in unseren Träumen. Wir leben mit ihm, so gut es geht. Und dabei geht es uns gut, sehr gut sogar! Verglichen mit den Menschen in der Ukraine leben wir alle noch. Und dies wie zuvor im Überfluss.

 

In der Regel haben wir in den letzten 58 Tagen keine Verwandten verloren und wenn, dann konnten wir sie nicht nur gebührend bestatten, sondern uns zumeist auch von ihnen verabschieden. Es war nicht so, dass wir plötzlich nichts mehr von ihnen hörten, von ihnen und ihren Liebsten, und uns niemand etwas über ihren Verbleib sagen konnte. Und wir hofften und bangten, dass sie doch noch zum Vorschein kommen würden, während sie im Fernsehen zunächst die ausgehobenen Massengräber um Kiew und dann diejenigen um Mariupol zeigten...

 

Unsere Häuser und Strassen sehen aus wie zuvor. Nichts hat sich verändert. Da wo wir noch über historische Altstädte verfügen, besteht die Grundsubstanz aus Bauten der Renaissance, des Barocks und vornehmlich aus der Architektur des 19ten Jahrhunderts. Wir treten vor unsere Haustür, und alles ist intakt. Keine Raketen haben über Nacht das Dach zum Einstürzen gebracht, die Stockwerke ausgeräuchert und die Kinderspielplätze vernichtet.

 

Die Promenaden, Wege und Gassen unserer Innenstädte sind belebt und zeugen von einer wechselhaften Geschichte. Wie das Opernhaus in Zürich, das von den gleichen Architekten (Büro Fellner und Helmer) erbaut wurde wie dasjenige in Odessa oder das Haus der Wissenschaftler in Lwiw, dessen Einträge ich auf Wikipedia seit einiger Zeit nicht mehr finde. Wie Ihr vielleicht wisst, ziert die Website der Rahmenhandlung das Foyer dieses fantastischen Gebäudes. Nun sind die Einträge auf Deutsch und Englisch verschwunden. Ist dies das Werk russischer Hacker? Hat es der ukrainische Denkmalschutz aus Sicherheitsgründen entfernt? Steht das Gebäude noch?

 

Es ist Kirschblütenzeit, und der etwas unterkühlte Frühling bringt uns die ersten Bienen ins Haus. Auch einer Wespe musste ich letzthin den Weg in die Freiheit zeigen. In der Natur herrscht Hochbetrieb. Überall brummt, summt und surrt es. Wir nehmen diese Klänge wahr, lauschen dem Balzen der Vögel und dem Klappern der High Heels auf dem Bürgersteig... Andernorts achtet man auf jedes Zischen, Pfeifen und Schrillen. Denn dieses kündigt den nahen Einschlag einer Bombe oder den Beschuss durch Gewehre und Artillerie an.

 

Und dennoch, er setzt uns zu, dieser Krieg. Psychologisch gesehen reagiert der Mensch, das Tier in uns, auf Gefahr mit Flucht oder Schockstarre. Einige wenige, schalten in den Kampfmodus. Aber wohin soll man flüchten? Das überwältigende mediale Ereignis, das dieser Krieg bildet, würde einen überall wieder einholen. Und hier in unserer Nachbarschaft, in unserem Quartier, in unserem Land rollten ja keine Panzer ein. Und auch in den umliegenden Staaten sind keine Kampfhandlungen auszumachen.

 

Der Krieg, wie er sich für uns gestaltet, findet hauptsächlich in unseren Köpfen statt. Der Schrecken, die Angst, die er verbreitet, nimmt aber dabei eine ganz andere Dimension ein als die zurückliegenden Feldzüge. Die Konflikte im Irak, in Syrien und in Yemen, in Afghanistan, im Sudan und in Libyen tragen und trugen sich in abgelegenen Weltregionen zu. Beim Jugoslawienkrieg war es anders, aber letztlich ging es dort um einen lokalen Konflikt... Niemand musste in den letzten Jahrzehnten befürchten, dass eine Atommacht Nuklearwaffen in Europa einsetzen und dass wir an den Rand einer Energie-, Wirtschafts- und sich dramatisch zuspitzenden Umweltkrise gedrängt würden.

 

Dieses Gefühl der Ohnmacht, des Zusehens und dabei nicht eingreifen, nicht stoppen, nicht aufhalten Könnens ist unsäglich. Und es macht uns klein und hilflos und hinterlässt den Eindruck, als ob wir diesen grauenhaften Mächten nichts entgegenzusetzen hätten. Wir verfallen in Schockstarre...

 

Und dies ist genau das, was wir nicht tun sollten. Denn dann hat die Gegenseite schon gewonnen. Trotz grauenhafter Kriegsverbrechen, trotz heftigster Widrigkeiten erleben wir diese Tage den unglaublichen Mut der ukrainischen Bevölkerung, ihren Willen zum Widerstand, ihren ungebrochenen Kampfgeist. Wir erfahren eine weltweite Welle der Solidarität, eine Einheit der Europäischen Union wie es sie schon seit Jahren nicht mehr gegeben hat, einen internationalen Zusammenschluss der demokratischen Staaten und endlich eine Klimadebatte, die uns hoffentlich weiterbringt. Trotz allem: es geht vorwärts. Auch wenn dies auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist.

 

Wir alle können im Kleinen dazu beitragen, indem wir den Kopf nicht hängen lassen, sondern uns engagieren und uns bewusst machen, dass die Dinge sich stetig wandeln und daher auch verändern lassen.

Es sind nicht die Albträume der Nacht, die unser Leben bestimmen, sondern wie wir unsere Wünsche, Träume und Hoffnungen umsetzen.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

Hier findet Ihr mich auf Social Media:

Facebook: Alon Renner

Instagram: alon_renner


Meistgelesener Artikel

Jeden Montag wird jeweils aktuell der meistgelesene Artikel unserer Leserinnen und Leser der letzten Woche bekanntgegeben.


Unterstützung

Damit wir unabhängig bleiben, Partei für Vergessene ergreifen und für soziale Gerechtigkeit kämpfen können, brauchen wir Sie.


Mein Mittelland

Menschen zeigen ihr ganz persönliches Mittelland. Wer gerne sein Mittelland zeigen möchte, kann dies hier tun
->
Mein Mittelland



Ausflugstipps

In unregelmässigen Abständen präsentieren die Macherinnen und Macher der Mittelländischen ihre ganz persönlichen Auflugsstipps. 


Rezepte

Wir präsentieren wichtige Tipps und tolle Rezepte. Lassen Sie sich von unseren leckeren Rezepten zum Nachkochen inspirieren.


Persönlich - Interviews

"Persönlich - die anderen Fragen" so heisst unsere Rubrik mit den spannendsten Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern.


Kommentar schreiben

Kommentare: 4
  • #1

    fritze (Montag, 25 April 2022 09:58)

    beim lesen des artikels stellt sich für mich heraus dass das narrativ doch schon sehr verkürzt ist bzw. nicht noch mehr andere sichtweisen und fakten einschliesst.
    -wenn mensch sich die mediale mainstream berichterstattung reinzieht, geht es immer um die bevorzugung von ukrainischen flüchtlingen und wie sie hier im westen (u.a. deutschland) aufgenommen werden, davon aber bewusst abgelenkt wird dass flüchtlinge ala people of colour, sei es aus nordafrika, syrien oder afghanistan etc systematisch von jener "willkommenskultur" made in EU von dieser hilfsbereitschaft ausgeschlossen sind. wie kommts? es werden erst mal, ganz in eurozentristischer rassistischer manier, "weisse" für "europäer" gehaltene und geltende flüchtlinge aus der ukraine bevorzugt...man will ja die EU sich nicht mit kaffern und niggern (sorry für den ausdruck) überschwemmt wissen. dies alles ist in meinen augen eine absolute heuchelei, medial geschickt verpackt.
    -uns wird im medialen mainstream verklickert dass es um die "sicherheit" europas geht...dass NATO und EU zusammenhalten müssen etc, weil da ein gewisser mr. putin einen angriffskrieg auf die ukraine (auf europa) gestartet hat usw., nunja, dass putin und sein regime diesen angriffskrieg losgetreten hat kommt ja aber auch nicht von ungefähr: seit jahren kümmert sich die NATO (übrigens: gesteuert von den USA!) um eine permanente "osterweiterung", und widerspricht sich somit etlichen vorangegangenen vereinbahrungen welche mit russland seit an die 30 jahre "vereinbahrt" wurden. nicht zu unrecht begründet putin seinen einmarsch in die ukraine mit eben jenen gescheiterten vereinbahrungen oder von der NATO missachteten(...) abkommen. NEIN, ich bin definitiv kein putin-versteher, er ist ein kriegsverbrecher und müsste längst schon in gewahrsam sein. und ich möchte mich nicht in jene "whataboutism" streitkultur einreihen welche vernunftbegabte kritische auseinandersetzung per se verhindert.
    -fakt ist dass auch in der ukraine, speziefisch im östlichen landesteil, paramilitärische faschistische einheiten ala "asow" ihr unwesen treiben, fakt ist dass herr selenskyj auch mit oligarchischen machenschaften dreck am stecken hat, fakt ist dass uns im medialen westlichen mainstream immer nur jene NATO/EU version um die ohren gehauen wird, das verbale säbelrasseln kommt mitunter auch und vorallem aus den USA, und die neue bundesdeutsche regierung pfeift mit im NATO-tenor. es geht um explizite NATO interessen, und uns wird das verkauft als " wir müssen das kulturelle erbe europas bewahren und alles(!!!) dafür tun damit das auch so bleibt". habe ich lust ein post-koloniales erbe ala europa zu bewahren?!
    - jeder krieg beruht auf misinformationen, propaganda und gegenseitig(!) begangenen kriegsverbrechen! der westen der gute? der osten das böse? aber so kann man die massen, egal ob in russland oder hier, im "zivilisierten" westen einschwören.DAS ist propaganda.
    -das damit erzeugte gefühl der "ohnmacht" innerhalb einer bevölkerung ist bewusst angewandtes kalkül um die massen bei der stange zu halten, lass die massen mal hier und da auf die strasse gehen und gegen den krieg(für die ukraine) zu protestieren, aber entscheiden tun immer noch die politischen eliten, auch im bundestag, ohne dass die eigentliche bevölkerung überhaupt nach deren meinung gefragt wurde. so funktioniert kapitalismus, so funktioniert sogenannte "demokratie". wer ist denn eigentlich die vielbeschworene "gegenseite" in diesem furchtbaren krieg? die bösen russen, das unberechenbare china, oder doch vielleicht irgendwelche kaltblütig agierende westliche supermächte welche uns eine heile welt von "westlicher/europäischen zivilisation" vorgaukeln?
    -das komplette system müsste und muss hinterfragt werden. wo sind die jeweiligen interessen der jeweiligen "supermächte", wo gibt und gäbe es konkrete annäherungsversuche um auf diplomatischem wege diese krise und den krieg zu beenden? ich habe auch keinen bock "ohnmächtig" zu sein...
    -mich kotzt diese made in europe einseitige "solidarität" mit geflüchteten einfach nur an (siehe oben im text),mich kotzt diese verfickte doppelmoral an,und dieser medial verbreitete hirnfick kotzt mich auch an, weil er hält die menschen vom wirklichen eigenständigen denken und handeln ab. und dass ist gewollt. dankeschön an die neue deutsche bundesregierung. einfach zum kotzen.
    -offen gesagt habe ich keine konkrete hoffnung im moment auf eine wirkliche beendigung dieses beschissenen krieges, dazu sind die jeweiligen machtverhältnisse und ihre internationalen verschiebungen zu offenkundig...sieht nach einem "dritten weltkrieg" aus , realistisch betrachtet.
    -arme arme dumme menschheit, wir leben immer noch in feudalen zeiten. das ganze problem kann nur global angegangen werden.
    -insofern wünsche ich mir eine mehr differenziertere berichterstattung generell.
    -fight war, not wars!!!!

  • #2

    fritze (Montag, 25 April 2022 18:38)

    fehlerkorrektur: nicht "vereinbaHrung", sondern "vereinbarung....das H darin ist fehl am platz...uppps

  • #3

    de brüeder vom fritze (Montag, 25 April 2022 21:25)

    Als Kriegsenkel (HH 1963) fällt es mir auf Anhieb grad schwer, mich an historische Altstädte zu erinnern. Teile davon – ja. Operation Gomorrha (Antwort auf Guernica) nicht erlebt – doch tausendfach durchlitten in meinen Träumen.

    Es kommt mir teilweise so vor, dass diese Ukraine-Solidarität zum Teil ein Schutzreflex ist: Je näher der Krieg, desto gösser die eigene Angst, umso stärker das Hilfsbedürfnis – damit wird so etwas wie ein Talisman konstruiert. Ein Bann- und Abwehrmittel. Und kaum treffen die Flüchtenden in der Schweiz ein, müssen sie vor Schweizer Menschenhändlern gewarnt werden. In den Köpfen und Herzen vieler herrscht immer Krieg.

    Es würde mich nicht wundern, wenn das ein eurasisches Afghanistan gibt. Man hätte beizeiten in die Bau- und Rüstungsindustrie investieren sollen :-(

    Ganz überspitzt kommt es mir manchmal so vor, dass Europa der 52. Staat der U.S.A. ist. Hawaii ist ja auch immer noch okkupiert.

    Nein – auch wenn die Deutschen einen Teil ihrer Befreiung den Russen zu verdanken wissen: Ich mag Krieg nicht. Nicht von Russland, nicht von Iran & Anverwandten, nicht von China, nicht von den „Guten“. Weder mit Waffen, noch als sozialer Rassismus blindwütiger Schweizer Intelligenzbehörden, noch als Schattenfinanzdienstleister des ersten Rangs (heute des dritten). Noch als Beherberger von organisierter Kriminalität (15‘000 getötete Menschen wurden von der FIFA in Kauf genommen / weltgewissen-katar.de).

    Und, man darf nicht vergessen: So ein Krieg lenkt ganz willkommen vom jahrzehntelangen Versagen der Bundesregierung ab. Lenkt ab, dass sich die totalitäre Schlinge um den Hals der Freiheit gnadenlos enger zieht. So mancher Vorfall, so mancher Unfall, so manche Pandemie oder Gewaltakt wird gerne zu einem Patriot-Act missbraucht, der dann aber alle trifft. Auch die Normalen.

    Hörtipp auf Achgut: „Broders Spiegel: Wir sind Kriegspartei“

    So, und nun muss ich mein Bankkonto kontrollieren. Gewinne, wisst schon…

  • #4

    fritze (Montag, 25 April 2022 22:29)

    auf den punkt gebracht!!! weiter so