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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Was wirklich mit Van Goghs Ohr geschah. Teil II

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Letzte Woche habe ich Euch auf die falsche Fährte gelockt. Oder vermeintlich auf die falsche Fährte gelockt, denn selbstverständlich geht es diese Woche weiter mit Van Gogh und dem Mysterium um sein abgeschnittenes Ohr. Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne.

 

Wer den ersten Teil verpasst hat, kann ihn hier gerne nachlesen: https://bit.ly/3NRNPl3

 

Am 20ten Februar 1888 erreichte Van Gogh nach einer mehrstündigen Reise mit dem Zug Arles. Er war voller Hoffnungen und Träume, denn hier wollte er eine Künstlerkolonie begründen. Heutzutage ist das schmucke Städtchen in der Provence eine glamouröse Touristendestination, die jeden Besuch wert ist.

1888 hingegen präsentierte es sich als abgelegenes Kaff, als eine bessere Müllhalde, klein, eng und rückwärtsgewandt.

 

Einer der Gründe, warum sich Van Gogh in Arles ansiedelte, war ein künstlerischer. Hier, wollte er das was er sein Studio im Süden nannte aufbauen, eine Schule progressiver Kunstmaler. Ein anderer Grund hingegen war ein ganz anderer, denn wenn man den ganzen Süden Frankreichs zur Verfügung hat, um sich ein Plätzchen für eine Künstlerkolonie auszusuchen, warum zum Teufel wählt man dann ausgerechnet ein derartiges Loch?

 

Die kürzeste Antwort ist: wegen dem weiblichen Geschlecht! Vincent kam nach Arles, weil er die Liebe suchte. Arles war damals nur für eine einzige Sache berühmt, und das waren seine Damen. Les Arlesiennes, wie man sie nannte, waren die schönsten Frauen Frankreichs. Bizet, der grosse Komponist der Oper Carmen, widmete ihnen schon 1872 einen musikalischen Tribut. Zwei Suiten voller Sanft- und Edelmut, voller Grazie und beglückenden ätherischen Momenten.

 

Unglücklicherweise war die legendäre Schönheit der Arlesiennes, aber genau das, was man über sie zu berichten schien: eine Legende. In der Realität waren die Damen des vergammelten Städtchens nämlich hartherzig, kalt und mürrisch und so gar nicht an dem rotblonden Kunstmaler interessiert. Weder wollten sie für ihn Modell stehen, noch mit ihm sprechen und schon gar nicht sich in ihn verlieben. So begann Vincent das lokale Bordell zu frequentieren. Für die Liebe bezahlend, die er so sehnsüchtig suchte.

Van Gogh hatte eine Vorgeschichte mit Prostituierten, denn bei Frauen hatte er nie eine glückliche Hand bewiesen. Die einzige, mit der er je zusammengelebt hatte, war Seen, eine Professionelle aus Den Haag. Als sie sich trafen, war er Student und sie mit ihrem vierten Kind schwanger. Er liess sie zu sich einziehen und kümmerte sich liebevoll um ihre kleine Familie. Seine eigene Familie hingegen war ausser sich, entsetzt und wie vor den Kopf gestossen. Insbesondere sein Vater, ein Pfarrer der reformierten Niederländischen Kirche. Wie konnte sein Sohn nur mit einer Hure zusammenleben? Aber es war genau diese zutiefst religiöse Erziehung, die ihn die Prostitution in einem biblischen Licht erscheinen liess. Für ihn waren die Damen der Unterwelt heilige, sakrale Figuren. Der Grund hierfür lag in der biblischen Gestalt der Maria Magdalena, der berühmtesten Prostituierten des Christentums.

 

Im neuen Testament allerdings wird dieser Umstand nirgends erwähnt, sie wird lediglich als Sünderin bezeichnet. Im Laufe der Geschichte deutete man die Bezeichnung Sünderin dann in Freudenmädchen um.

In Bildern der Kreuzigung ist Maria Magdalena auch diejenige Figur, die sich oft zu Fusse des Kreuzes befindet und den toten Jesus umklammert. Denn am Schluss war sie dabei, um sein Leiden zu bezeugen. Aber was hat dies alles mit Van Gogh zu tun?

 

Eigentlich, alles! Denn nur einige Meilen von Arles entfernt, an der Küste des Mittelmeeres liegt das kleine Städtchen Les Saintes Maries de la Mer. Laut der Überlieferung strandete hier Maria Magdalena mit ihrer Gefolgschaft, nachdem sie aus dem Heiligen Land vertrieben wurde.

 

Das berühmte gelbe Haus, in dem er sich niederliess, sollte der Kernpunkt seiner Künstlerkolonie werden. Doch aus diesem Traum wurde nichts. Denn der einzige andere Maler, der ihm hierher folgte, war Gauguin. Und dies entpuppte sich als grossen Fehler.

 

Gauguin erreichte Arles im Oktober 1888. Um sich für seinen Besuch vorzubereiten, stellte Van Gogh seine berühmte Serie von Sonnenblumen Bildern her. Dies waren die guten Nachrichten. Die schlechten waren, dass Gauguin sich als all das herausstellte, was Vincent nicht war: galant, gutaussehend und geübt im Umgang mit Frauen.

Im Nu hatte dieser dann auch Modelle, Verehrerinnen unter den leichten Mädchen, amouröse Liebeleien und, was mindestens so schwer wiegte, andere Ansichten. Gauguin sah die Dinge anders als sein Malerfreund. Und das betraf nicht nur den gemeinsamen Haushalt, sondern auch was die Kunst im Allgemeinen und die Ausführung von Gemälden im Speziellen anbelangte. Kein Wunder kam es zu Streitereien, gerieten sie sich immer öfter in die Haare...

 

Nächste Woche geht sie weiter, meine kleine Geschichte. Und sie wird ganz anders enden als Ihr denkt... Dies sei an dieser Stelle schon Mal versprochen.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

 

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