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Zwangsversorgung in der Schweiz

DMZ - SOZIALES / HISTORISCHES ¦ Patricia Jungo ¦

 

Die stattliche Anzahl von 60‘000 Menschen wurden im letzten Jahrhundert unschuldig in Psychiatrien, Strafanstalten, Erziehungsheimen und Arbeitserziehungsinstitutionen untergebracht und so administrativ versorgt. Als Erziehungsmittel setzte man Zwangsarbeit ein.

 

Am Montag wurden die Erkenntnisse einer unabhängigen Expertengruppe in drei Büchern publiziert. Eine ehemalige Zwangsversorgte stellte sich beispielsweise in einem der Bücher die Frage, ob man zu der Zeit leere Gefängnisse mit unehelichen Kindern haben füllen wollen. Die Frau war in Bellechasse FR inhaftiert und kannte weder den Grund für ihre Anwesenheit dort noch die Dauer ihres Aufenthalts. Dabei konnte man den Inhaftierten keine Delikte vorwerfen. Vielmehr war ihre Lebensweise nicht nach dem Geschmack von Vormündern und Behörden. Sie wurde als «liederlich, arbeitsscheu» oder «sittlich gefährdet» bezeichnet. Manche Menschen wurden rasch als «geistig abnorm, aber arbeitsfähig» beurteilt und in einer Institution untergebracht. Im Jahre 2014 hatte der Bundesrat die Expertenkommission gegründet, welche seither tausende von Dokumenten aus Archiven prüfte; dies gestützt auf die Aussagen der administrativ Versorgten.

 

Seit September 2020 sind Schlussbericht und Empfehlungen beim Bundesrat und die Betroffenen bekommen Entschädigungen. Untersuchungszeitraum war die Zeit vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1981. Den genauen Beginn der Zwangsmassnahmen kann man zeitlich nicht situieren. In jedem Kanton galten zudem andere Regeln. Der administrativen Versorgung fehlte jegliche Gesetzesgrundlage und dennoch wurde sie für verschiedenen Zwecke gebraucht. Man wollte vor allem die ärmeren Bevölkerungsschichten unter Kontrolle haben, auch Süchtige und Personen, die als „unmoralisch“ galten; insbesondere Frauen. Mit der Zeit konnten auch «rebellische» Jugendliche dem System nicht mehr ausweichen. Die drei Bücher geben Einblick in den Alltag der Versorgten und auch die Praxis der Behörden wird beleuchtet. Im Mittelpunkt stand die Arbeit. Man sah in ihr das geeignete Mittel, eine Veränderung bei den Insassen zu bewirken. In Wirklichkeit waren aber für die Vorstände der Institutionen mehr Gewinn und Rentabilität im Vordergrund als die Besserung der Zöglinge. Es kam auch vor, dass diese für ein Taschengeld bei Privatunternehmen arbeiten mussten, an die sie vermittelt worden waren. Auch die Unternehmen Migros-Fleischverarbeitungsbetrieb Micarna, der Automatenbauer Selecta oder das Freiburger Elektronikunternehmen Saia profitierten von billigen Arbeitskräften aus der Anstalt Bellechasse. Auf der Internetseite der Expertenkommission können alle Publikationen unentgeltlich in elektronischer Form eingesehen werden.

 

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