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Straumanns Fokus am Wochenende - FIFA fallera, dr Kasperli isch wieder da…

DMZ – POLITIK ¦ Dr. Reinhard Straumann ¦   

KOMMENTAR

 

Mindestens etwas Positives müssen wir der kommenden Fussball-Weltmeisterschaft zugestehen: dass endlich dieses angeblich gemeinnützige, steuerbefreite Kasperlitheater mit Sitz in Zürich, genannt FIFA, vor einem grossen Publikum durchleuchtet wird, ARD und NETFLIX sei Dank. Nur die Rollenverteilung ist unklar: Wer ist der Kasperli, wer das Krokodil, wer sind die anderen Witzfiguren? Zur Auswahl stehen der Blattersepp, dessen aalglatter Nachfolge-Walliser Infantino, ein verblasster Weltklassekicker namens Platini, ein schweizerischer Bundesanwalt namens Lauber und weitere sinistre Figuren.

 

Am Dienstag dieser Woche wurden die einschlägigen TV-Produktionen noch getoppt. Die «Süddeutsche Zeitung» wartete mit grossem Recherchejournalismus auf, Titel: «Der grosse Deal». Der Text liefert die Puzzleteile, die erlauben, die bisher ausgelegten richtig zu ordnen. Mit einem Mal ergibt sich ein Bild: das Bild eines durch und durch korrupten Sauhaufens, in dem Räder und Rädchen ineinandergreifen, Händchen sich hohl machen und Hände sich waschen. Jetzt kennen wir die Geschichte der FIFA und ihrer Korruption. Sie geht so:

 

Sir Stanley Rous, FIFA-Präsident der 60er-Jahre, Zeitzeuge des Untergangs des britischen Empires, hatte es versäumt, den neuen, durch Dekolonialisierung entstandenen Staaten zu hoffieren. Kein Wunder bei einem Briten von seinem Schrot und Korn, für den der angelsächsische Mann die Krone der Schöpfung war. Sein Nachfolger, ein Brasilianer namens Havelange, ein Intimus der Generäle der Militärdiktatur, machte es besser. Er baute seine Politik auf den Verbänden aus Afrika, Süd- und Mittelamerika auf. Deren Bestechlichkeit war der Nährboden seiner Macht.

 

Havelanges Generalsekretär hiess Joseph Blatter. Er brachte das Sponsoring in die FIFA, vermarktete die Endrundenturniere in grossem Stil und machte sich selbst und den Weltverband reich. Er erkannte die Bestechlichkeit Havelanges und nutzte sie, um dessen Abgang zu beschleunigen und sich selbst auf den Thron zu hieven. Korruption war Teil des Systems geworden, und zwar so, dass sie jeder Kontrolle entglitt. 2010, anlässlich der Vergabe der Endrunden von 2018 und 2022, erreichte die Selbstbereicherung des sog. Exekutivkomitees den Zenit: Nebst Russland (2018) erhielt nicht etwa der beste Bewerber – die USA – die WM 2022, sondern derjenige mit der miesesten Präsentation: Qatar.

 

Sonnenklar, dass Bestechungsgelder geflossen waren. Aber nicht nur. Wenige Tage vor der Vergabe hatte der französische Staatspräsident Sarkozy den Präsidenten des europäischen Fussballverbandes, seinen Landsmann Michel Platini, gemeinsam mit dem Thronfolger des Emirs von Qatar zum Business-Lunch geladen. Platini erhielt die Order, für Qatar zu stimmen – und nach Möglichkeit weitere Stimmberechtigte umzubiegen. Im Gegenzug belebten Milliardenaufträge Qatars die französische Wirtschaft.

 

Bill Clinton, der eigens nach Zürich gereist war, lächelte gequält in die Kameras, soll aber im Hotelzimmer mit Aschenbechern um sich geworfen haben. Die USA hatten keine Lust, die Schlappe auf sich sitzen zu lassen. Das FBI heftete sich an die Fersen von Chuck Blazer, einer mafiösen Figur von 300 Pfund, der als Präsident des Mittel- und Nordamerikanischen Kontinentalverbandes im Komitee sass. Für zugesicherte Straffreiheit packte Blazer aus. Im Mai 2015 wurden in Zürich 14 höchstrangige FIFA-Funktionäre verhaftet. Dennoch wurde Blatter, der wie immer von nichts wusste, wenige Tage darauf als FIFA-Präsident bestätigt.

 

Ab hier bevölkerten zwei weitere Figuren das FIFA-Kasperlitheater: Gianni Infantino, Platinis zweiter Mann bei der UEFA, und dessen Intimus Michael Lauber, Chef der schweizerischen Bundesanwaltschaft. Praktisch mit der Bestätigungswahl Blatters war Infantino für 48 Stunden kurzzeitig in New York. Für den Kurztrip hatte er nachweislich einen falschen Grund angegeben. Weshalb? Die «Süddeutsche» vermutet: Es ging in den USA darum, «den grossen Deal» einzufädeln. Die USA würden die Weltmeisterschaft von 2026 erhalten gegen das Versprechen an Infantino, die nächste Nummer Eins des Weltfussballs zu werden.

 

Die Macht der US-Justiz wirkte. Blatter, der sich verbissen an sein Amt geklammert hatte, trat überraschend zurück, nur Tage nach seiner Wiederwahl. Die Ethikkommission der FIFA suspendierte ihn umgehend und seinen designierten Nachfolger Platini ebenso – und als neuen Kandidaten zauberte Infantino sich selbst aus dem Hut. Er wurde gewählt und die USA erhielten die WM 2026.

 

Der Schlüssel zu dieser wundersamen Wendung war die Eliminierung Platinis als Kronfavorit der Blatter-Nachfolge. Wie war das gekommen? Lauber hatte der FIFA empfohlen, Anzeige gegen Unbekannt einzureichen. Durch diesen Trick machte die FIFA sich selbst zum Opfer und Lauber durfte ermitteln. Durch geschicktes, aber völlig unübliches Name-Dropping gab er Platini zum Abschuss frei und ebnete dadurch seinem Freund Infantino den Weg. Dass Lauber, der Schweizerische Bundesanwalt, Infantino in mehreren unprotokollierten Geheimtreffen gebrieft hatte, passt ins jämmerliche Bild, das die Schweizer Justiz abgab.

Das alles ist jetzt bekannt geworden, weil Infantino weit früher ein Lapsus unterlaufen war. Er hatte einst die TV-Rechte der UEFA für Südamerika weit unter Marktwert an eine Agentur verschachert. Der Vertrag mit seiner Unterschrift war Teil der Panama-Papers, die 2016 aufgedeckt wurden. Im Rahmen dieses riesigen Wusts von Steuerhinterziehung und Geldwäscherei war das nicht mehr als eine Fussnote – im Zusammenhang mit der FIFA hat sie jetzt aber den Hinweis auf Infantinos Verstrickungen gegeben.

 

So war das also. Weil die USA (wie immer…) den Fehler machten, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, steckt die FIFA weiterhin im Sumpf. Das Krokodil Infantino hat den Kasperli Blattersepp und den Prinzen Platini mit Hilfe der Witzfigur Lauber in die Pfanne gehauen. Um beide ist es nicht schade, auch nicht um Lauber, der ebenso den Hut nehmen musste. Ein Elend ist nur, dass Infantino weiter wursteln darf. Er hat sich nach Qatar abgesetzt und den Scheichs an den Hals geworfen. Was macht er dort, wenn die WM vorbei ist? Wir empfehlen ihm die Liga der Kamelrennen. Vielleicht sucht die auch einen Präsidenten. Und Geld wird dort sicher auch zu machen sein, so oder anders. 

 

 

 

 

Seit über einem Jahr finden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in der «Mittelländischen» Woche für Woche einen Kommentar von Dr. Reinhard Straumann. Mal betrifft es Corona, mal die amerikanische Aussen-, mal die schweizerische Innenpolitik, mal die Welt der Medien… Immer bemüht sich Straumann, zu den aktuellen Geschehnissen Hintergründe zu liefern, die in den kommerziellen Medien des Mainstream nicht genannt werden, oder mit Querverweisen in die Literatur und Philosophie neue Einblicke zu schaffen. Als ausgebildeter Historiker ist Dr. Reinhard Straumann dafür bestens kompetent, und als Schulleiter an einem kantonalen Gymnasium hat er sich jahrzehntelang für die politische Bildung junger Menschen eingesetzt. Wir freuen uns jetzt, jeweils zum Wochenende Reinhard Straumann an dieser Stelle künftig unter dem Titel «Straumanns Fokus am Wochenende» in der DMZ Mittelländischen Zeitung einen festen Platz einzuräumen.  

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