22. Mai 2020

Covid-19 - Infektionen nehmen zu, Säugling gestorben, Schulen & Quarantäne, Aerosole & 2. Welle

DMZ – GESUNDHEIT / WISSEN ¦ Redaktion ¦

 

Stefan Kuster hat seinen ersten Auftritt als Nachfolger von Daniel Koch im BAG. Gleich zu Beginn muss er eine traurige Nachricht überbringen: Im Aargau ist ein Säugling an Corona gestorben. Aktuell sind fast 400 Personen in Quarantäne - 5000 Tests seien gestern durchgeführt worden, so Kuster. Man solle sich testen lassen. «Wir wollen jeden Fall finden, identifizieren und die Infektionsketten unterbrechen.» Die Kontakte der infizierten Personen sollen sich ebenfalls in Quarantäne begeben.

 

Kantone ohne Quarantäne

Wie zuverlässig sind die Quarantänezahlen, wenn die Kantone die Informationen freiwillig weitergeben? «Es gibt tatsächlich Kantone, die noch nichts gemeldet haben», antwortet Kuster. Bei den allermeisten Kantonen, bei denen keine Fälle publiziert sind, bedeute das aber tatsächlich auch, dass dort niemand in Quarantäne sei. 

 

32 neue Infektionen in der Schweiz – ein totes Kind

Es hat erneut mehr Fälle gegeben. Dies erinnere an die weiter angespannte Lage. Todesfälle habe es zwei weitere gegeben, darunter auch ein Kind aus dem Kanton Aargau. Weiter wurde jedoch bekannt, dass in Basel sich zwei Kinder mit dem Coronavirus angesteckt haben. Rund 70 Personen werden deshalb in Quarantäne gesetzt.

 

Sorge um zwei Kinder im Kanton Basel-Stadt

Zwei neue Fälle einer Corona-Infektion sind im Kanton Basel-Stadt gemeldet worden, beide betreffen Kinder an einem Schulstandort. Betroffen sind eine Primarschulklasse und eine Kindergartenklasse der Schule «Isaak Iselin».

Das Mädchen und der Knabe sind laut einer Mitteilung des Gesundheitsdepartments Geschwister. Die weiteren Familienmitglieder wurden unter Quarantäne gestellt. Dies wird nun ebenso für die beiden betroffenen Klassen gelten. Kantonsarzt Thomas Steffen sagt dazu: «Wir kennen die Ansteckungsquelle nicht und möchten im Sinne des Gesundheitsschutzes für die Schule und den Kindergarten nicht zu früh locker lassen. Deshalb haben wir entschieden, die Quarantäne nebst für die weiteren Familienangehörigen der Geschwister auch für die betroffenen Klassen und einzelne Lehrpersonen auszusprechen.» Ab heute bis und mit nächsten Freitag werden sich nun rund 70 Personen in Quarantäne begeben müssen.

 

Corona-Ansteckung durch die Luft
Büro, Restaurant, Schule: Wo Aerosole schweben, hilft auch die Abstandsregel nicht

 

Kellerkneipe, Beizen, Clubs, Kleinkunstbühne, Yoga-Studio - alle warteten sehnsüchtig darauf, wieder öffnen zu dürfen. In geschlossenen Räumen ist jedoch die Ansteckungsgefahr kaum zu bannen. Hier schweben Coronaviren stundenlang durch die Luft. Besser als 2 Meter Abstand schützt häufiges Lüften.

 

Abstand halten, häufig und sorgfältig die Hände waschen, nicht im Gesicht fummeln und in die Armbeuge husten oder niesen – so einfach und effektiv schien der Ansteckungsschutz im Alltag zu Beginn der Corona-Pandemie. Tröpfchen- und Schmierinfektion würden sich so grösstenteils verhindern lassen. Es genügt nicht, wie wir inzwischen wissen. Denn neben den „grossen“ Tröpfchen, die ein Infizierter aus Mund und Nase absondert, stößt er beim Sprechen und Atmen auch feuchte Wölkchen mit feinen Schwebeteilchen aus. Diese sogenannten Aerosole sind oft nur einen Mikrometer gross, das ist ein Tausendstel Millimeter. Mit ihnen schweben auch die Coronaviren mehrere Stunden in der Luft.

 

Aerosole sind massgebliche Infektionsquelle

Auch Deutschlands „Chefvirologe“ Christian Drosten kam zunehmend zu der Überzeugung, dass neben der Tröpfcheninfektion Aerosole eine grosse Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Am Anfang der Pandemie hielt er sie für zweitrangig. Erst Mitte Mai sagte er in seinem Podcast, dass vermutlich fast die Hälfte der Sars-CoV-2-Infektionen auf Aerosole zurückzuführen sei. Er schätze den Anteil von Tröpfchen und Aerosolen auf je 45 Prozent, zehn Prozent der Infektionen gingen auf virenbehaftete Oberflächen zurück.

Wie weit die Coronaviren mit ihren winzigen, quasi gewichtslosen Aerosol-Trägern kommen, wie lang sie sich halten, wie ansteckend sie sind und welche Virenmengen für eine Infektion nötig sind, darüber herrscht noch keine Klarheit. Vor allem kommt es darauf an, wo die Aerosole schweben.

 

Corona-Ansteckung beim Atmen: Forscher wissen jetzt, wo "Aerosole" infektiös sind

Harmlos im Freien, gefährlich in geschlossenen Räumen

Im Park, am Strand, im Biergarten lösen sich die Aerosole sehr schnell in ihre Bestandteile auf. Sie werden durch die Luftbewegung verdünnt. In der Sonne verdunsten die Viren auch schnell, oder sind als Einzelkämpfer zu schwach für die Eroberung eines neuen Opfers. Wer also beim Spazierengehen dem ein oder anderen keuchenden Jogger begegnet, muss dessen Aerosole nicht fürchten. Aber: Wenn bei einem Open-Air-Konzert  Tausende die Texte mitgrölen, werden die Einzelkämpfer ganz schnell wieder zu einer ansteckenden Viren-Armee. Und in dieser Situation schweben auch nicht nur Aerosole, sondern fliegen auch jede Menge Tröpfchen

Grundsätzlich anders sieht es in geschlossenen Räumen aus, wie inzwischen eine ganze Reihe von Beobachtungsstudien gezeigt haben: In Räumen ohne häufiges Lüften oder dort, wo eine Klimaanlage die Luft nur umwälzt, aber nicht komplett austauscht, bleiben auch infektiöse Coronaviren in der Luft – vermutlich mehrere Stunden.

 

Lernen von der Intensivstation

Welche Rolle Aerosole bei der Verbreitung von Sars-CoV-2-Viren spielen, ist in einem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) festgehalten.

Das Kapitel über infektiöse Aerosolbildung bestätigt, dass die Viren in den winzigen Schwebepartikeln von gerade mal einem Mikrometer Durchmesser mehrere Stunden in einem Krankenzimmer hängen können. Autor Jens Geiseler sagt: „Die Viren sind noch da, selbst wenn der Covid-19-Patient den Raum längst verlassen hat. Je nachdem, wie hoch die Virenlast ist und wieviel Zeit vergangen ist, kann sich jeder anstecken, der sich ungeschützt in diesem Raum aufhält.“

Die Halbwertszeit von Sars-CoV-2-Viren liege bei 1,1 Stunden. Die realistische Überlebenszeit und Ansteckungsgefahr von Viren in Aerosolen betrage maximal drei Stunden, wie eine erste Studie zu Sars-CoV-2 in der Luft ergab. Unter Laborbedingungen haben US-Forscher schon festgestellt, dass Sars-CoV-2-Viren bis zu 16 Stunden in der Luft schweben.

 

Verbrauchte Restaurant-Luft fördert Ansteckung

Kaum waren die ersten Restaurants wieder eröffnet, kam es gleich zu einzelnen Infektionsausbrüchen. Unklar ist, ob die Gäste sich über Stunden einfach zu nah gekommen sind, oder ob mangelnde Frischluft für virenbeladene Aerosole begünstigte.

Eine der ersten Studien, die Aerosole bei der Übertragung von Coronaviren beteiligt sah, stammt aus China. In einem Restaurant der Stadt Guangzhou hatten sich drei voneinander unabhängige Familien mit Sars-CoV-2 angesteckt. Ihre einzige Gemeinsamkeit war, dass sie die gleiche Raumluft geatmet hatten, die eine Klimaanlage verteilte. Weil das Belüftungssystem verbrauchte Raumluft nicht komplett durch Frischluft ersetzte, sondern nur zirkulieren liess, blieben die Viren im Raum und setzten eine Infektionskette in Gang. Auslöser war eine bis dahin symptomfreie Frau aus Wuhan, die kurz vor dem Lockdown zu ihren Verwandten in der 1000 Kilometer entfernten Stadt gereist war.

 

Virenschleuder Grossraumbüro

In Seoul gab es Anfang März einen Covid-19-Fall in einem Wolkenkratzer. Alle 1143 Menschen, die in dem Haus lebten oder arbeiteten, wurden daraufhin getestet. Die Behörden zählten 97 Corona-Positive, 94 davon arbeiteten im Callcenter auf der elften Etage, so wie auch der erste Infizierte. Fast alle hatten ihre Plätze im Grossraumbüro auf einer Gebäudeseite. Die Nähe der Schreibtische förderte die Virenübertragung durch die Luft.  

 

Ein ähnlicher Fall hat sich auch in Berlin zugetragen, wie der „Tagesspiegel“ berichtete: 25 von 30 Mitarbeitern eines Ingenieurbüros steckten sich Anfang März an. Die Räume hatten neue, sehr dichte Fenster – in der kalten Winterluft blieben die auch meist zu.

Wenn demnächst viele Arbeitnehmer aus dem Homeoffice in ein Grossraumbüro zurückkehren, sollte daher nicht nur für viel Platz zwischen den Schreibtischen gesorgt sein, sondern auch für viel frische Luft – durch regelmässiges Lüften mit offenen Fenstern oder mit einer  Klimaanlage, die verbrauchte Luft optimal filtert oder am besten ständig austauscht.

 

Infektiöser Chorgesang im Probenraum

Ein geschlossener Raum, enges Beisammenstehen und lautes Singen – drei Faktoren, die Viren eine schnelle Verbreitung durch die Luft ermöglichen: In Mount Vernon im US-Bundesstaat Washington hatten sich am 10. März 61 Mitglieder eines Kirchenchors zur Probe getroffen. Ein Sänger hatte Erkältungssymptome, kurz später waren 52 weitere Chormitglieder krank, einige davon schwer. Zwei ältere Chormitglieder starben. Die acht Menschen, die sich nicht infizierten, standen am weitesten vom „Superspreader“ entfernt. Die Viren müssen sich zumindest zum Teil über Aerosole in der Luft verbreitet haben.

 

Eine der grössten Sorgen bei der Rückkehr zur Normalität gilt Schulen und Kitas.

Abstand halten ist schier unmöglich, das Ansteckungsrisiko für und durch Kinder ist wissenschaftlich nicht geklärt. Wieder einmal stammt ein pragmatischer Lösungsvorschlag von Virologe Drosten. Er plädierte für viel mehr Frischluft beim Unterricht und wiederholte im Interview mit dem Deutschlandfunk eine Aussagen aus seinem Podcast:  „Ich hatte das schon mal für Schulen angesprochen: Das Fenster aufmachen und ins Fenster einen grossen Ventilator stellen, der die Luft nach draussen befördert, so dass drinnen ein dezenter Luftstrom entsteht. Das ist eine gute Methode, um einen gewissen Umsatz zu schaffen.” Wenn das Wetter es zulässt, könnte manche Unterrichtsstunde grundsätzlich im Freien gehalten werden.

Für die Kitas könnte das Prinzip Waldkindergarten ein Vorbild sein. Wo Kinder bei Wind und Wetter im Freien spielen, ist eine Ansteckung fast ausgeschlossen. Der Abstand ist dann auch nicht mehr so wichtig.

 

Mit frischer Luft und Mund-Nasen-Schutz durch die Pandemie

Das sorgfältige Lüften von Innenräumen könnte zu einem entscheidenden Faktor bei der Bekämpfung der Pandemie werden. Mit Blick auf geschlossene Räume sagte Drosten, „im Alltag sollte man sich vielleicht eher aufs Lüften konzentrieren und weniger auf das ständige Wischen und Desinfizieren“. Das gelte natürlich nicht für Krankenhäuser.

Wo es im Alltag schwierig mit dem 2-Meter-Abstand wird, ist wohl der Mund-Nasen-Schutz die sinnvollste Massnahme gegen virenbeladene Aerosole, die schon beim Atmen und Sprechen ausgehaucht werden.

Wenn man durch eine Maske einatmet, dann wird die Luft durch das Gewebe aufgehalten. Auch wenn diese nicht-medizinischen Stoffmasken nicht 100 Prozent vor Ansteckung schützen, halten sie doch einer Tröpfchen-Attacke und einem Viren-Aerosol stand.

 

Karl Lauterbachs eigene Sicht zum Forschungsstand: Neue Studien in Hongkong, China, UK, Japan zeigen klar: Etwa 80% der Neuinfektionen werden durch ca 10-20% der Infizierten verursacht. Für diese Leute gilt:

 

Fokus auf Vermeidung Grossveranstaltungen und schnellen Bekämpfung neuer Ausbruchsherde liegen https://sz.de/1.4921283

 

Südkorea zieht Corona-Massnahmen ebenfalls wieder an

 

Südkorea gilt bisher als Vorbild in der Corona-Krise, das Virus schien unter Kontrolle. Nach einem Anstieg der Neuinfektionen zieht das Land nun Konsequenzen. Die Hauptstadt Seoul kehrt zu strengen Kontaktbeschränkungen zurück. Einige Schulen verschieben die Wiedereröffnung.

Die Menschen in Südkorea geniessen nach einer weitreichenden Eindämmung des Coronavirus wieder einige Freiheiten. Nun werden allerdings die Folgen der Öffnung immer sichtbarer. Das Land verzeichnet den höchsten täglichen Anstieg der Fallzahlen seit 53 Tagen, berichtet der britische "Guardian".

 

Die staatliche Gesundheitsorganisation "Korean Centres for Disease Control and Prevention" (KCDC) hat am Donnerstag 79 Neuinfektionen mit dem Coronavirus gemeldet, 67 davon in der Metropolregion der Hauptstadt Seoul. Es sei schwierig, die Übertragungswege nachzuvollziehen. Die Direktorin des KCDC, Jeong Eun-kyeong, legte daraufhin eine Rückkehr zu den Ausgangsbeschränkungen in betroffenen Regionen nahe, die das Land erst im April gelockert hatte.

Dieser Aufforderung kommt der südkoreanische Staat nun nach. Im Grossraum Seoul gelten bis zum 14. Juni wieder strenge Regeln zur Eindämmung der Pandemie. Mit sofortiger Wirkung schliessen Bars und Nachtclubs, religiöse Einrichtungen, Theater sowie Parks, berichtet die Zeitung "The Korean Herald". Unternehmen sind angehalten, ihre Mitarbeiter soweit wie möglich ins Homeoffice zu schicken.

 

Der erneute Anstieg der Infektionen fällt in die geplante Wiedereröffnung der Schulen in Südkorea. "The Korean Herald" berichtet weiter, dass der Lehrbetrieb am Mittwoch in Teilen wieder aufgenommen wurde. 561 Schulen und Kindergärten, vor allem in Städten mit hohem Infektionsrisiko, bleiben indes weiter geschlossen. Die Öffnung der Schulen ist umstritten, auch wenn sie zunächst nur schrittweise vorgenommen wird. Eltern äusserten ihre Bedenken darüber, Kinder wieder in die Klassenräume zu schicken.

 

Südkorea konnte das Coronavirus durch grossflächige Tests und eine Tracking-App zunächst eindämmen, im April öffneten bereits wieder Bars und Restaurants. Anfang Mai steckte ein Nachtclubbesucher in Seoul unwissend mehrere Menschen an, mindestens 250 neue Fälle gehen darauf zurück. Insgesamt verzeichnet das Land etwa 11.300 Corona-Fälle, 269 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Die Schweiz und andere Länder scheinen daraus nichts auf das eigene Vorgehen herzuleiten. Die schnelle Lockerung des Lockdowns sehen immer noch sehr viele Experten kritisch.

 

Worin man sich beim Coronavirus geirrt hat 

Laufend ändert sich der Wissensstand zum Coronavirus Sars-Cov-2. Schier unzählige Studien beleuchten immer neue Aspekte des Erregers. Neues Wissen wirft dabei alten Glauben über den Haufen. Hier eine Auswahl von Annahmen, die als überholt gelten.

 

Am Anfang war von einer mysteriösen Lungenkrankheit in China die Rede. Dies ist nicht einmal ein halbes Jahr her. Mittlerweile wissen viele Menschen eine ganze Menge über Viren im Allgemeinen und speziell über Sars-Cov-2, welches die Erkrankung Covid-19 auslöst. Doch die Öffentlichkeit wird immer wieder auf harte Proben gestellt: Was anfangs noch als gewiss oder zumindest sehr wahrscheinlich galt, wurde von neuen Erkenntnissen als womöglich falsch entlarvt.

 

Deutlich macht dies ein Blick auf den Beginn der Pandemie: Anfang Januar wurde bekannt, dass die neu aufgetretene Lungenkrankheit in der Millionenstadt Wuhan von einem bisher unbekannten Coronavirus-Typ ausgelöst wurde. Doch zu diesem Zeitpunkt betonten die chinesischen Behörden noch: Ob der Erreger auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist, sei nicht nachgewiesen. Ein halbes Jahr und weltweit 5,5 Millionen Infizierte und fast 350.000 Todesfälle später klingt dies befremdlich. Doch zum damaligen Zeitpunkt war es der aktuelle Wissensstand.

 

In den folgenden Wochen und Monaten kam es immer wieder zu Annahmen, die später revidiert werden mussten. Ein berühmtes Beispiel ist das Thema Masken. Ende Februar noch hatte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, gesagt, dass es für den Alltag "keinerlei Evidenz" gebe, dass Masken in irgendeiner Weise hilfreich im Kampf gegen das Virus seien. Das RKI hatte das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bis dahin nur Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen empfohlen.

 

Heute gehören maskierte Menschen in Deutschland zum Stadtbild, in Supermärkten und im öffentlichen Nahverkehr gilt Maskenpflicht. In der Schweiz ist es immer noch so, dass Masken keine Pflicht sind. Auch das RKI vollzog schliesslich eine Kehrtwende und empfahl das "vorsorgliche Tragen" von Masken in der Öffentlichkeit. Wieler betonte kürzlich, dass man inzwischen mehr über das neue Virus wisse und dadurch habe man "hier und dort" Ansichten ändern müssen.

 

Vom "Wundermittel" zum Teufelszeug

Ein anderes Beispiel für einen Wechsel von Annahmen ist der Fall von Hydroxychloroquin und der verwandte Wirkstoff Chloroquin. Als "Wundermittel" gegen das Coronavirus wurde Hydroxychloroquin mehrfach von US-Präsident Donald Trump gepriesen. Zuletzt sorgte Trump für Aufregung mit der Aussage, er nehme das Medikament prophylaktisch ein, um sich vor dem Virus zu schützen. Hydroxychloroquin und Chloroquin sind Medikamente, die gegen Malaria eingesetzt werden. Die anfänglich grossen Hoffnungen stützten sich auf Tierversuche im Labor, bei denen sich Hydroxychloroquin in einigen Fällen als wirksam gegen Viren gezeigt hatte. Darauf gründet die Hypothese, dass es auch das neue Coronavirus abtöten könnte.

 

Doch der Stern der Arznei begann zu sinken: Eine umfassende Datenanalyse von Forschern aus den USA und der Schweiz hatte ergeben, dass sich Chloroquin und Hydroxychloroquin wahrscheinlich nicht zur Behandlung von Covid-19 eignen. Im Gegenteil: Die Wirkstoffe erhöhen womöglich die Todesrate und führen zu mehr Herzrhythmusstörungen, berichten die Forscher im Journal "The Lancet". Mittlerweile hat die Weltgesundheitsorganisation WHO Tests mit Hydroxychloroquin vorerst ausgesetzt. Zuletzt kommt es zu der paradoxen Situation, dass Frankreich den Einsatz des Mittels untersagt, während Indien praktisch zeitgleich dasselbe Medikament offiziell für den Kampf gegen die Pandemie empfiehlt.

Auch zu einem anderen Medikament änderte sich die Einschätzung im Laufe der Pandemie: Ibuprofen. Die WHO selbst hatte im März dazu geraten, ohne ärztlichen Rat Ibuprofen einzunehmen, wenn der Verdacht auf eine Coronavirus-Infektion bestehe. Stattdessen sollte Paracetamol bevorzugt werden.

 

Zuvor hatte der französische Gesundheitsminister in einem Tweet vor Entzündungshemmern wie Ibuprofen gewarnt. In "The Lancet" war zudem ein Fachbeitrag erschienen, in dem eine mögliche unerwünschte Wirkung von Ibuprofen erwähnt wurde. Wenig später ruderte die WHO zurück: Ihre Experten hätten Studien und Ärzte konsultiert und seien zu dem Schluss gekommen, dass es über die bekannten Nebenwirkungen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen hinaus keine Hinweise auf negative Ibuprofen-Konsequenzen bei Covid-19-Patienten gebe, hiess es.

 

Studien machen wenig Hoffnung - Sommer soll Pandemie kaum beeinflussen

Ein besonders umstrittenes Thema ist auch die Frage nach dem Sommer-Effekt: Wie stark wird sich die warme Jahreszeit auf die Ausbreitung des Virus auswirken? Wird die Pandemie, ähnlich den Grippewellen, in den Sommermonaten womöglich von alleine abebben? Bereits im Februar äußerte der deutsche Virologe Alexander Kekulé in einem Interview die Hoffnung, dass der Sommer "unser bester Verbündeter" gegen das Virus sein könnte. Andere Experten pflichteten bei: Wärme, Sonne und UV-Licht könnten das Virus eindämmen. Auch ein verändertes Sozialverhalten der Menschen, die sich in der warmen Jahreszeiten öfter im Freien aufhalten, könne dazu beitragen, das Ansteckungsrisiko zu senken, hiess es.

 

Die Hoffnungen auf einen Sommer-Effekt wurden noch mal Ende April befeuert, als die US-Regierung eine Studie präsentierte, der zufolge Sonnenlicht das Coronavirus in wenigen Minuten erheblich dezimiert. Doch eine neuere Studie der US-Universität Princeton deutet wiederum darauf hin, dass heisseres Wetter und eine höhere Luftfeuchtigkeit die Ausbreitung des Virus nur in geringem Mass beeinflussen. Auch andere Experten gehen mittlerweile zwar von einem gewissen Einfluss des Sommers auf das Virus aus - dieser wird aufgrund der in der Breite der Bevölkerung immer noch fehlenden Immunität aber als gering erachtet. Aber erst Ende des Sommers wird vermutlich klar sein, ob diese Sichtweise Bestand hat, oder erneut revidiert werden muss.

 

ETH berechnet mögliche zweite Welle der Pandemie

Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) haben ein Model für eine mögliche zweite Welle der Coronavirus-Pandemie in der Schweiz erstellt. Sie würde voraussichtlich flacher verlaufen, aber mehr Todesopfer fordern als die erste.

Falls die Schweiz von einer zweiten Welle der Coronavirus-Pandemie getroffen wird, werde diese vermutlich langsamer ansteigen als die erste, schreibt die ETH in einer Mitteilung. Dies haben die ETH-Forscher Dirk Mohr und Fadoua Balabdaoui in einem von ihnen entwickelten mathematischen Modell berechnet. „Behörden werden daher im Vergleich zur ersten Welle mehr Zeit haben um zu handeln und um Massnahmen laufend anzupassen“, wird Mohr in der Mitteilung zitiert.

 

Mit einem langsamen Anstieg werde zwar ein Engpass im Gesundheitswesen vermieden, heisst es in der Mitteilung weiter. Er könnte jedoch mit einer sehr hohen Anzahl weiterer Todesfälle verbunden sein. „Besonders heimtückisch wäre eine sehr langsam ansteigende zweite Welle mit einer Reproduktionszahl nur knapp über 1“, meint Mohr.

Den Berechnungen der Forscher zufolge haben in der Schweiz besonders die 10- bis 20-Jährigen und Menschen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren zur Verbreitung des Virus beigetragen. Sie messen daher der Einhaltung von Abstandsregeln an Schulen besondere Bedeutung zu. „Wir müssen uns bewusst sein: Wenn die Reproduktionszahl über 1 liegt, lohnen sich Massnahmen in den Schulen, bei der Arbeit und im öffentlichen Leben“, warnt Mohr. „Sie mögen im Einzelfall übertrieben erscheinen, doch sie retten immer Menschenleben.“ Den Berechnungen der Forscher zufolge könnte die Halbierung der Übertragungsgeschwindigkeit in den Schulen die Zahl der zu erwarteten Toten einer zweiten Welle von 5000 auf unter 1000 Opfer senken. Seit die Schulen geöffnet sind, sieht man vor allem eins: Die Massnahmen greifen nicht oder werden vielerorts gar ignoriert. So oder ähnlich verläuft auch das tägliche Leben. Abstände werden kaum einmal eingehalten, die "Normalität" ist zurück.

 

Quellen: 

 

Gastkommentar - CoViD-19-Pandemie. Und jetzt?

DMZ – WISSENSCHAFT / FORSCHUNG ¦
 

„Das Schlimmste haben wir hinter uns“ haben wir in den letzten Wochen immer wieder gehört. Lockerungen sind die Folgen.

Covid-19 - Artikel von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt

DMZ - WISSENSCHAFT / FORSCHUNG ¦

 

Artikel von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt gingen um die Welt, über 8 Millionen mal weltweit gelesen, millionenfach in sozialen Medien geteilt.

Erneut Angriffe auf DMZ Mittelländische Zeitung

DMZ - In eigener Sache

 

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