25. Mai 2020

COVID-19 - Zurück in die Zukunft - Ein Plädoyer für nachhaltige Exit-Strategien aus dem Covid-19 Lockdown

Prof. Dr. Michael Nippa ist Professor für Strategische Führung und Internationales Management an der Freien Universität Bozen-Bolzano in Südtirol / Italien
Prof. Dr. Michael Nippa ist Professor für Strategische Führung und Internationales Management an der Freien Universität Bozen-Bolzano in Südtirol / Italien

DMZ – WISSENSCHAFT / FORSCHUNG ¦

GASTKOMMENTAR von Prof. Dr. Michael Nippa

 

Der vielbeachtete GASTKOMMENTAR vom 25.4.20 von Prof. Dr. Michael Nippa ein Monat danach. Ein Rückblick.

 

Auch wenn in vielen europäischen Ländern noch nicht sicher ist, ob der Höhepunkt der ersten Pandemiewelle schon erreicht ist, verändert sich die mediale Berichterstattung zur Corona-Krise merklich. Zunächst standen Berichte über die Herkunft und die Krankheitsbilder des Virus, über den dramatischen Kampf des medizinischen Personals vor Ort und die Bewertung der ergriffenen staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie im Vordergrund des Interesses. Dies hat Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt in der Mittelländischen Zeitung umfassend, präzise und faktenbasiert mit seinem Gastkommentar "COVID-19 - eine Zwischenbilanz oder eine Analyse der Moral, der medizinischen Fakten, sowie der aktuellen und zukünftigen politischen Entscheidungen" dargestellt.

 

Im Umfeld der politischen Entscheidungen in Österreich (6.4.), Deutschland (15.4.) und der Schweiz (16.4.) nehmen nun unter häufiger Verwendung des Begriffs „Exit-Strategie“ die Zahl der Ratschläge und Punkteprogramme zum Wiederhochfahren der Wirtschaft und zur Lockerung der Ausgangsbeschränkungen zu.

 

Ähnlich wie Professor Vogt habe auch ich mich gefragt: Warum also noch ein Beitrag? Ich bin zu folgenden Antworten gekommen: Erstens, weil der ursprüngliche Grund für den Lockdown, der solidarische Schutz definierter Risikogruppen, vielfach schon wieder vergessen wird. Zweitens, weil unter dem Begriff Exit-Strategie meist nur operative Einzelheiten und Stufenpläne diskutiert werden, die für mehr Verwirrung als für Einsicht bei der Bevölkerung sorgen. Drittens, weil simpel die Rückkehr zum Status quo und damit zum Wachstumsmantra angestrebt wird. Schließlich, weil es an Visionen fehlt und es sich überwiegend eben nicht um strategische Überlegungen handelt.

 

Im Folgenden werde ich zunächst eine kurze Bestandsaufnahme bezüglich der Ausgangssituation speziell in Deutschland, Österreich und der Schweiz geben, welche die Erarbeitung einer zukunftsorientierten Exit-Strategie notwendig macht. Im zweiten Teil werde ich die meines Erachtens wesentlichen Bausteine einer solchen Strategie und ihre Interdependenzen skizzieren.

 

Strategie – worüber reden wir überhaupt?

In der Regel werden zwei völlig unterschiedliche Sachverhalte in der Darstellung und Diskussion bewusst oder unbewusst vermengt. Möglicherweise liegt es daran, dass im heutigen Sprachgebrauch –nicht nur im Deutschen– der Begriff ‚Strategie‘ eine inflationäre Verwendung findet. Manchmal erscheint es, als ob alle Planungen, die auch nur ein wenig über den Tageshorizont bzw. Tellerrand hinausgehen, als strategisch bezeichnet werden. Strategien sind jedoch per Definition das Ergebnis von Überlegungen, ein langfristiges Ziel möglichst effektiv und mit bestem Aufwand-Nutzen-Verhältnis zu erreichen. Strategien sind mit der Bündelung von oftmals sehr unterschiedlichen Ressourcen und deren Einsatz im zeitlichen Ablauf verbunden. Einmal gewählte Strategien lassen sich im Regelfall nur schwer revidieren oder wenn, dann nur unter großen Effizienzverlusten. Soweit in knapper Form und ohne wissenschaftliche Nuancierungen die Theorie.

 

In der Unternehmenspraxis wird manchmal der Satz verwendet, dass das Topmanagement eines in der Krise befindlichen Unternehmens strategische Weitsicht durch operative Hektik ersetzt. Dies erscheint in der gegenwärtigen Situation in vielen Ländern, bei vielen Institutionen und bei vielen politischen Entscheidern auch der Fall zu sein. Letztere überschlagen sich förmlich mit teilweise widersprüchlichen Aussagen, der Ablehnung oder dann doch Akzeptanz von Maßnahmen und nahezu stündlichen Wasserstandsmeldungen. Man darf nicht unberücksichtigt lassen, dass alle auch ihre Partikularinteressen weiterverfolgen und so zum Beispiel Monopole bei Testverfahren verteidigen, sich für eine Wiederwahl empfehlen oder ihre Machtposition ausbauen wollen. Natürlich werden sie auch getrieben von den Medien, von diversen Interessenvertretern sowie von der Furcht, Fehlentscheidungen zu treffen. Folglich hat sich unter Politikern die eingängige Metapher etabliert, dass man „auf Sicht fahren“ müsse. „Auf Sicht fahren“ ist jedoch kein Zeichen von Strategie, sondern die Kapitulation vor dem Faktischen.

 

„Auf Sicht fahren“ – ein Politikerspruch, der Angst macht.

Um die Metapher ein wenig zu verändern: Viele Menschen, die als Passagiere auf Gedeih und Verderb mit in einem Flugzeug sitzen, haben derzeit vermehrt den Eindruck, dass dieses von Piloten gesteuert wird, die bei guten Sichtbedingungen bislang recht gut geflogen sind – auch wenn Gruppen von Krawallmachern unter den Passagieren das anders sehen.

 

Nun verkünden die Piloten per Bordlautsprecher, dass sie doch überrascht seien von der unerwarteten Dynamik der Entwicklungen und den sehr heftigen Turbulenzen. Das Volk möge sich auf seine Sitze begeben. Den, lange bekannten, Wetterbericht der aus Osten heranziehenden Gewitterfront hatte man vorher mit Hinweis auf die moderne Ausstattung, die Robustheit des Flugzeugs und die doch ausreichend vorhandenen Sauerstoffmasken in einem Anflug von Arroganz zur Seite gelegt. Später wird noch die Klage hinzukommen, dass bei einer früheren Unwetterwarnung alles vermeidbar gewesen wäre.

 

Fakt ist aber: Kein Pilot beherrscht den Instrumentenflug bei eingeschränkten Sichtverhältnissen. Keiner hat Notfallanweisungen erstellt oder gelesen. Keiner hat den Ernstfall eines Fluges durch regelmäßig auftretende Gewitter simuliert und trainiert. Keiner hat genau hingesehen, mit welchen Manövern die Piloten anderer Flugzeuge relativ glimpflich durch die erste Gewitterfront gekommen sind. Vielmehr hält man einige Piloten für Trickser und Täuscher oder deren Manöver mit dem eigenen Flugzeug für nicht machbar.

 

Die Situation eskaliert. Da keiner der Piloten die Instrumente für den Blindflug kennt und deuten kann, werden Experten unter den Passagieren gesucht und in das Cockpit gebeten. Diese sollen Ratschläge geben, welche Flugmanöver die richtigen wären, um die Schwerkranken unter den Passagieren nicht zu gefährden. Die Experten sind sich auch nicht einig: Einige offerieren unterschiedliche Interpretationen der angezeigten Daten. Andere verweisen darauf, dass die Daten doch gar nicht stimmen können. Wieder andere, dass man noch weitere Daten abwarten müsste. Schließlich wird sogar vorgeschlagen, fehlende Instrumente neu zu entwickeln. Aber alle Experten sind sich einig, dass sie nur ihre Meinung kundtun, die Entscheidungen aber von den Piloten zu treffen seien. Die wiederum, ob erfahren im Umgang mit turbulentem Wetter oder Flugschüler, ob Generalisten oder verantwortliche Spezialisten für unterschiedliche Funktionen des Flugzeugs oder das Befinden der Passagiere, debattieren und werfen sich gegenseitig Fehleinschätzungen vor. Schließlich, als es draußen schon blitzt und hagelt, entscheiden die Chefpiloten das Flugzeug in einen extremen Sturzflug zu versetzen. Die Passagiere werden eindringlich aufgefordert, auf ihren Plätzen zu bleiben, sich anzuschnallen und Kontakte mit den Nachbarreihen zu minimieren.

 

Derweil versuchen sich andere Experten im Cockpit Gehör zu verschaffen und weisen darauf hin, dass der Sturzflug zwar den Schwerkranken den benötigten Sauerstoff bringen wird, aber in einem Crash enden könnte, der viele andere Passagiere in Mitleidenschaft ziehen wird. Und wieder entfacht sich im Pilotenkreis die Diskussion darüber, wer wann am Steuerknüppel ziehen sollte, um den Sturzflug abzufangen. Auf keinen Fall zu früh, aber natürlich irgendwann in naher Zukunft schon. Den Passagieren wird derweil regelmäßig mitgeteilt, dass sie bitte noch ausharren mögen, man denke laufend darüber nach, die Anschnallzeichen auszuschalten, aber noch würden die Instrumente kein besseres Wetter vorhersagen.

 

Wenn die Entscheider schon keine oder zumindest keine erkennbare Strategie für die Vermeidung der Vollbremsung hatten, dann braucht es schnellstens eine nachhaltige für das kontrollierte Wiederanfahren.

 

Ohne klare, konsistente Ziele keine Strategie

Strategie ist der Weg und nicht das Ziel. Erfolgreiche Strategien zeichnen sich durch vier Elemente aus. Erstens klare, konsistente Ziele, zweitens ein profundes Verständnis der Umweltbedingungen, drittens eine objektive Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen und viertens eine konsequente Umsetzung.

 

Eine Exit-Strategie muss daher zunächst einmal weitgehende Einigkeit über das langfristige Ziel, aber auch hinsichtlich der kurzfristigen Etappen(ziele) erreichen. Dies ist besonders in Demokratien mit einem hohen Mitspracherecht unterschiedlicher Interessenvertreter häufig ein mühsamer, zeitaufwändiger, aber unerlässlicher Willensbildungsprozess. Eine Abkürzung ist, dass man es den vor der Krise in ihre Ämter gewählten Repräsentanten überlässt, die Ziele zu definieren, in der Hoffnung, dass diese in der Krise einen ausreichend großen Konsens gewährleisten. Für die erste Vorgehensweise wird vermutlich die Zeit nicht reichen. Bei der anderen, jetzt eigentlich in allen Ländern angewandten Alternative, müssen jedoch zumindest zwei Dinge in Kauf genommen und akzeptiert werden, um ein halbwegs effizientes Krisenmanagement zu gewährleisten.

 

Erstens die Einsicht, dass man mit den Krisenmanagern auskommen muss, die in der politischen Verantwortung stehen. Anders als in der Wirtschaft oder vielleicht auch beim Militär kann man das Führungspersonal in Demokratien nicht kurzfristig, wenn es die Situation erfordert, austauschen. Damit kommen den Erfahrungen, den Persönlichkeitseigenschaften und dem Politikstil der handelnden und entscheidenden Regierungsmitglieder eine besondere Bedeutung zu. Es dient der Bewältigung der Krise in keiner Weise, wenn Dispute unterschiedlicher Regierungschefs hinsichtlich ihrer entweder abwartenden oder vorangehenden Haltung gegenüber Lockerungsmaßnahmen medial konstruiert werden. Gehen wir davon aus und hoffen, dass alle im Rahmen der jeweiligen Bedingungen nach bestem Wissen und Gewissen ihrer Verantwortung gerecht zu werden versuchen.

 

Zweitens die Einsicht, dass Exit-Ziele bzw. Voraussetzungen festgelegt werden müssen, die nicht allen Interessen gleichermaßen gerecht werden können. Manche Interessengruppe wird sich unberücksichtigt oder zu Unrecht hintenangestellt fühlen. Im Kontext der gegenwärtigen Ausnahmesituation kann man die weit verbreitete Gewohnheit, jede Entscheidung, die persönlichen Interessen widerspricht, zeitaufwändig durch Gerichte prüfen zu lassen, als unsolidarisch und letztlich undemokratisch bezeichnen. Diese Aussage wird heftig debattiert werden, aber alle Erkenntnisse aus der Führungsforschung lassen erkennen, dass erfolgreiche Führung in lebensbedrohlichen Krisensituationen anderen Gesetzen zu gehorchen hat als im Normalfall. Krisen zeichnen sich durch hohe Unsicherheit, Komplexität und Dynamik aus, die rasches Abwägen, klare Kommandostrukturen, koordiniertes Handeln und Risikobereitschaft erfordern. Die Aussicht im Nachhinein –auf der Grundlage dann vorhandener Informationen– angeklagt zu werden, motiviert Politiker sicher nicht, risikobehaftete Entscheidungen zu treffen. Wer will es Politikern verdenken, wenn sie, risikoavers, die für sie sichere, aber für die Allgemeinheit suboptimale Aussitzvariante wählen.

 

Daher ist für eine effiziente Ausstiegsstrategie auch ein Vertrauensvorschuss seitens der Bürger notwendig. Nicht nur ‚die Politik‘, auch wir als Solidargemeinschaft tragen ein hohes Maß an Verantwortung und müssen Individual- und Partikularinteressen für eine Zeit hintenanstellen. Der freiheitliche Rechtsstaat wird daran nicht zugrunde gehen.

 

Grundannahmen mehrheitsfähiger Werte und Ziele für die Exit-Strategie

Nehmen wir als Ausgangspunkt für die Überlegungen zu einer Exit-Strategie an, dass der Schutz der Unversehrtheit von Individuen in westlichen Demokratien die zentrale Doktrin ist. Es kann somit keine Abwägung geben, das Leben von Menschen –auch alten, schwerkranken mit geringer Lebenserwartung– heute nicht retten zu wollen, um damit hypothetisch in Zukunft einer vielleicht größeren Anzahl von Menschen das Leben zu retten. Auch wenn man unter Verwendung rein rationaler Kalküle zu anderen Ergebnissen kommen kann, so ist der ethische Vorrang des Rettens der aktuell Gefährdeten in unserer Gesellschaft nicht diskutabel. Insofern setzen die nachfolgenden Überlegungen für eine Exit-Strategie als oberstes Ziel den größtmöglichen Schutz der jetzt und in naher Zukunft von weiteren Epidemiewellen gefährdeten Personen voraus. Nach allem was man heute weiß, sind dies vor allem alte Menschen und/oder Personen mit schwerwiegenden Vorerkrankungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen auch wenn nicht selten –aus durchsichtigen Gründen– die Angst geschürt wird, dass es jeden treffen könne.

 

Ein weiteres Ziel, welches in der aktuellen Debatte deutlich zu kurz kommt, ist die physische und psychische Unversehrtheit der großen Mehrheit der Bevölkerung, die mittels mehr oder weniger rigider Ausgangsbeschränkungen in den Lockdown gezwungen wird. Mit Hinweis auf die notwendige Solidarität mit den gefährdeten Risikogruppen werden –mit oder ohne Notstandsgesetzgebung– Menschen und Familien über Wochen und Monate bei strenger Überwachung und unter Androhung empfindlicher Strafen in ihren Wohnungen und Häusern festgehalten und demokratische Grundrechte außer Kraft gesetzt. Viele politische Entscheider scheinen in einem privilegierten Kokon zu leben. Sie behaupten zwar gerne, dass sie sich gut vorstellen könnten, welche Auswirkungen ihre Ausganssperren auf die Masse der Bevölkerung haben. Es steht nur zu befürchten, dass sie in der Tat keine Vorstellung darüber haben. Zum Beispiel welche potenziellen Schäden eine Ausgangsbeschränkung hat, wenn mehrere Personen aus sozialen Verhältnissen, die meilenweit von den ihren entfernt sind, auf engstem Raum in kleinen Wohnungen zusammenleben müssen oder –vielleicht noch schlimmer –trotz Internet– quasi in Einzelhaft sind. Darauf machen unter anderem und berechtigterweise Sozialpsychologen oder Organisationen aufmerksam, die sich zum Beispiel der häuslichen Gewalt in allen seinen Ausprägungen oder gesellschaftlichen Randgruppen widmen.

 

Schließlich, und das wird ebenfalls in Debatten von verschiedenen Interessenvertretern oft übersehen oder klein geredet, muss es ein wichtiges Ziel sein, die Wirtschaft wieder zum Laufen zu bringen. In weitgehender Ahnungslosigkeit und Unkenntnis der gesellschaftlichen Aufgabe und Funktionsweise der Wirtschaft wird häufig einseitig argumentiert, dass das Gewinnstreben der Unternehmen alle gegenwärtigen sozialen Herausforderungen, Klimakrisen und Pandemien verursacht hat und daher das nur dem Gewinnstreben von Unternehmen dienende Ziel des Wiederanfahrens der Wirtschaft nachrangig zu verfolgen sei. Wirtschaftsbetriebe dienen jedoch vorrangig dem gesellschaftlichen Ziel, wichtige Güter und Dienstleistungen zu erbringen, die vielen Menschen ein sicheres und gesundes Leben oder die -wie auch immer zu bewertende- Erfüllung individueller Bedürfnisse ermöglichen. Dieses Ziel existiert unabhängig davon, ob die Leistungserstellung als kapitalistische Marktwirtschaft oder staatliche Planwirtschaft organisiert ist. Ohne funktionierende Wirtschaftssysteme lassen sich die inzwischen 7,8 Milliarden Menschen auf dieser Erde nicht ernähren und keines der 17 Entwicklungsziele der Nachhaltigkeit der UN erreichen, darunter ‚gute Gesundheit und Wohlbefinden für alle‘.

 

Bausteine und Prioritäten einer zukunftsorientierten nachhaltigen Exit-Strategie

Für die Entwicklung einer zukunftsorientierten nachhaltigen Exit-Strategie bedarf es nicht nur eines grundlegenden gesellschaftlichen Konsens über die Ziele. Daneben sind die nationalen und regionalen Rahmenbedingungen (z.B. Stand der Ausbreitung des Virus, Bevölkerungsdichte, Gesetzesvorgaben), die verfügbaren Ressourcen (z.B. Testmöglichkeiten, Verteilung der Krankenhäuser, Anzahl Intensivbetten) sowie der Willen und die Fähigkeit zur konsequenten Umsetzung der Maßnahme zu berücksichtigen. Daraus lassen sich unter gewissen Annahmen die folgenden wichtigen Bausteine und Prioritäten ableiten, die an dieser Stelle nur grob skizziert werden können:

 

* Erstens: Größtmöglicher Schutz der Gefährdeten und Risikogruppen

Viel zu spät wurde in vielen Ländern erkannt, dass die Verantwortlichen auf verschiedenen Ebenen den Schutz der in privater und staatlicher Trägerschaft stehenden Senioren- und Pflegeheime und anderer Risikogruppen sträflich und grob fahrlässig vernachlässigt haben. Belege sind die vielen Infektionen in Senioren- und Pflegeheimen, die sich definitiv hätten vermeiden lassen, wenn frühzeitig seitens der Politik und der Gesundheitsbehörden dezidierte Maßnahmen ergriffen worden wären. Das klingt wie Hohn angesichts der Tatsache, dass mit genau dieser Schutzbedürftigkeit von Hochrisikogruppen Solidarität gefordert und eine ‚Sippenhaft‘ erzwungen wurde und wird. Diesen Mangel gilt es vorrangig zu beseitigen. Schnell- und Antikörpertests müssen prioritär in diesen Einrichtungen und in regelmäßigen Abständen bei Bewohnern und Pflegepersonal zum Einsatz kommen. Besuchsverbote kann man nur für Personen lockern, die solche Tests mit dem erforderlichen Ergebnis nachweisen können. Infizierte sind in geeigneter Weise zu isolieren, um zu verhindern, dass das Virus wieder in den Einrichtungen Fuß fasst. Weitere begleitende Maßnahmen, die speziell das Problem der fehlenden Sozialkontakte adressieren, müssen Experten erörtern und umsetzen.

 

* Zweitens: Konsequente Durchsetzung von Quarantänen und Tracking bei Neuinfizierungen

Auch wenn im Einzelfall sehr genau hinzusehen ist, was zeichnet das epidemiologische Krisenmanagement der oft als Vorzeigebeispiel herangezogenen Länder wie Taiwan, Südkorea, Singapur, aber auch die Volksrepublik China aus? Nicht nur, dass diese Staaten von Anfang an durch rigorose Einreisekontrollen inklusive medizinischen Checks, versuchen, einen ‚Re-Import‘ des Virus zu verhindern. Es erfolgen auch eine weitaus konsequentere Überwachung angeordneter Quarantänen und die Verhängung von empfindlichen Strafen bei Fehlverhalten. Zum Schutz der Bevölkerung, der viele Einschränkungen auferlegt werden, verlässt man sich nicht nur auf die Einsicht der Betroffenen. Darüber hinaus ist die Schaffung bzw. der Ausbau weiterer spezieller Covid-19 Quarantäne Einrichtungen auch für milde Fälle wichtig, wie es beispielsweise Italien gerade angekündigt und Polen schon umgesetzt hat.

 

Wie führende Virologen immer wieder betonen, ist es darüber hinaus unabdingbar, auftretende Neuinfektionen sofort und systematisch bezüglich potenzieller Übertragungspunkte nachzuverfolgen. In anderen Ländern gibt es dazu ausreichend Lehrbeispiele. Bei Lockerungen von Maßnahmen kann es aus Gründen der Gesundheitsvorsorge, aber auch der immensen Kostenimplikationen, keine Gleichbehandlung geben, es muss diskriminiert werden.

 

Schließlich sollte auf der Basis einer deutlich zu verbessernden und konsistenten Datengrundlage immer abgeglichen werden, ob die Entwicklungen der Neuinfektionen im Vergleich zu den -heute meist fehlenden- Negativmeldungen und Genesenden eine Gefahr für die Kapazität der Beatmungsstationen und Intensivbetten darstellen, um lokal und regional schnell gegensteuern zu können. Ähnlich wie in Wuhan, Heinsberg oder Verbier könnten dadurch die sicherlich immer wieder aufflackernden Brandherde unter Kontrolle gebracht werden, ohne die gesamte Bevölkerung wieder in einen kollektiven Lockdown schicken zu müssen. Da zeigen sich derzeit aber erschreckende Defizite.

 

Die Einhaltung wichtiger Verhaltensprämissen wie die Gewährleistung und Aufrechterhaltung von sozialen Abstands- sowie Hygieneregeln, sind für alle folgenden Handlungsfelder von grundlegender Bedeutung. Nur damit kann die Gefahr wiederholter Covid-19 Ausbrüche bis zum Erreichen der Herdenimmunität bzw. zur Zulassung eines Impfstoffes begegnet werden. Als Organisations- und Wirtschaftswissenschaftler verfüge ich nicht über die Expertise, um hier Details vorschlagen und belegen zu können. Neben dem bereits erwähnten Beitrag von Professor Vogt möchte ich auf einen weiteren kürzlich erschienenen Beitrag zweier Mediziner verweisen, die sich mit den Voraussetzungen für Lockerungen in Kalifornien (Rajiv Bhatia and Jeffrey Klausner: „A Step-to-Step Plan to Reopen California“ The Bold Italic, Apr. 14th , 2020.) sehr fundiert auseinandersetzen.

 

* Drittens: Vernachlässigte Gesundheitsvorsorge wieder sicherstellen

Während des Ausbruchs der Covid-19 Epidemie wurden und werden wichtige, aber nicht überlebenskritische medizinische Eingriffe, die Versorgung von chronisch Kranken sowie Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen zurückgestellt. Auf der anderen Seite trauen sich viele Menschen mit unterschiedlichen Krankheitssymptomen und Verletzungen nicht mehr zum Arzt. Nicht nur zur Vermeidung von Kollateralschäden zum Beispiel durch verspätete Identifikation von Krebs- oder Herz-Kreislauferkrankungen, sondern auch zur Sicherung der Einkommensquellen vieler niedergelassener Ärzte speziell im ländlichen Raum ist dieser Bereich vorrangig zu betrachten. Auch wenn dies hier sehr knapp präsentiert wird, ist es von absoluter Wichtigkeit hier die richtigen Weichen zu stellen.

 

* Viertens: Kein Zurück zum Gestern – es ist Zeit für Visionen und alternative Lebensentwürfe

Die derzeitige Krise muss auch als Chance gesehen werden. Das droht, ob der gewaltigen Herausforderungen vor denen alle Staaten –unabhängig von ihrem jeweiligen Gesellschafts- und Wirtschaftssystem– stehen, zur Seite geschoben zu werden. Als Chance, eben nicht zu alten Paradigmen, Werten, Systemen und Verhaltensmustern zurückzukehren, sondern diese kritisch zu hinterfragen und strategische Alternativen zu erörtern und anzugehen. Nein, damit ist nicht gemeint, dass wir nicht zur Normalität zurückkehren können, weil wir zukünftig öfter einmal einen Mundschutz in der Öffentlichkeit tragen müssen. Damit ist auch nicht gemeint, ideologische Verstaatlichungs- und Enteignungsphantasien mit Hinweis auf diese und zu erwartende weitere Pandemien umsetzen zu wollen, aber sonst zum gewohnten Leben zurückzukehren.

 

Viel grundlegendere Fragen müssen gestellt werden, die den Weg bereiten für eine Zukunft, die sich nicht an der Rückkehr zum -ehemals- Normalen orientiert, sondern an alternativen Formen des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens.

 

Wo und wie kann beispielsweise das Mantra des unbegrenzten Wachstums überwunden werden? Wie kann die unheilvolle Macht der Finanzsysteme gebrochen und die Realwirtschaft wieder in den Vordergrund gerückt werden? Wie kann auf freiwilliger Basis Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen Einzug halten? Wie kann sich die jüngere Generation darauf besinnen, dass es an der Zeit ist, die eigene Zukunft aktiv mitzugestalten und den überbordenden Individualismus auch in ihren Reihen an die Ketten zu legen, anstatt weiter auf Schuldzuweisungen und Streiks zu setzen?

 

Wie kann Globalisierung intelligent weiterentwickelt werden, damit nicht der nun augenscheinlich hoffähige populistische Reflex Raum greift, durch die Förderung nationaler Industrien und Unternehmen in Zukunft von internationalen Märkten unabhängig zu werden. Solche vielleicht gutgemeinten, jedoch eher schlichten Deglobalisierungskampagnen führen zu Kleinstaaterei und schnell zu Schuldzuweisungen. Dann ist der Weg auch nicht mehr weit für eine nicht nur von Politikern gerne praktizierte Taktik, mit Verweis auf externe Mächte, von eigenen Versäumnissen abzulenken. Sehen wir das nicht schon mehr als deutlich am Horizont heraufziehen?

 

Diejenigen, die eine internationale Arbeitsteilung pauschal kritisieren, sollten erinnert werden, dass sie damit der zu Recht viel geschmähten ‚America first‘ Doktrin des US-Präsidenten Donald Trump nachträglich Legitimation verschaffen. Ist Deglobalisierung wirklich der richtige Weg? Führt das nicht zurück zu einem längst überwunden geglaubten Nationalismus, der so oft Nährboden für entsetzliche, völkervernichtende Kriege und Grausamkeiten unter Menschen war?

 

Eine weitere grundlegende Frage von strategischer Bedeutung ist beispielsweise auch: Wie soll es hinsichtlich der vereinbarten 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen weitergehen? Verschieben sich hier die Prioritäten und wie kann die ohnehin unzureichende Finanzierung sichergestellt werden, wenn die Liquidität an anderen Stellen benötigt wird. Diese und eine Reihe weitere bedeutender Fragen benötigen eine visionäre Strategie, da sie weit über die durch die Coronavirus-Pandemie ausgelöste Wirtschaftskrise in die Zukunft reicht. Wer nimmt sich dieser Fragen an?

 

* Fünftens: Wirtschaft als Teil des Gesellschaftssystems begreifen und nachhaltig umbauen

In den vor diesem Hintergrund vergleichsweise operativen Ausstiegsvorschlägen, die derzeit vorgelegt werden, dominieren schrittweise Lockerungen. Demzufolge solle man behutsam Schritt für Schritt bestimmte Bereiche wieder öffnen bzw. hochfahren. In Österreich beispielsweise öffneten erst Geschäfte unter 400 Quadratmetern Fläche und dann die Baumärkte. Die deutsche Bundesregierung hat am 15.4. entschieden, die Wiedereröffnung von Geschäften unter 800 Quadratmetern Fläche zu erlauben, aber Ausnahmen für Auto- und Fahrradhändler zugelassen, Friseure dürfen öffnen, Nagelstudios nicht. Bei Drucklegung meines Gastkommentars war noch nicht entschieden, wie das Maßnahmenpaket des Schweizer Bundesrats, der sich auch an den Erfahrungen der Nachbarländer orientieren will, aussieht. Unabhängig von der Politik plädieren Ökonomen des Prognos-Instituts für frühe Kommunikation, für Transparenz und Kriterien-gestützte Lockerungsentscheidung, für Öffnung von Schulen und Kitas und sodann von nicht personalintensiven Betrieben. Solche Stufenpläne werden bestehenden Interdependenzen nicht annähernd gerecht. Selbst wenn es im Einzelnen gute Gründe dafür gibt, diese und keine anderen operativen Einzelentscheidungen zu verkünden, fehlt es an zwei wesentlichen Elementen: Wo ist die unter erstens bis drittens erwähnte Voraussetzung und Fundierung, die eine „flexible response“ im Sinne einer ehemals gültigen NATO-Strategie ermöglicht und wie stellt man sich die konkrete Umsetzung im Alltag vor?

 

Die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen Arbeitsleben und sozialem Leben legen eher eine koordiniert simultane als eine sequentielle Vorgehensweise nahe. Diese muss auf eindeutige, nicht diskutable Präventionsmaßnahmen, das Verantwortungsbewusstsein und die Selbstorganisation der auch sonst gerne als mündig bezeichneten Bürgerinnen und Bürger setzen. Den Bürgern, die sich nicht einsichtig oder dazu fähig zeigen, müssen einschneidende Sanktionen aufgezeigt und diese -wenn nötig- auch konsequent umgesetzt werden.

 

Das Wiederanfahren von Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen bedingt die gleichzeitige intelligente Reaktivierung zumindest eines Teils der Kindergärten und Schulen. Wenn man die Kinder nicht in die Betreuung der Großeltern geben kann, was sich in vielen Fällen aus bekannten Gründen medizinisch verbietet, müssen Alternativen geschaffen werden. Auch die bald zu erfolgenden Genehmigungen, Einzelhandelsgeschäfte, Servicedienstleister und Restaurants wieder zu öffnen, um Insolvenzen beziehungsweise die nicht unbegrenzt fortzuführende Verteilung von kreditfinanzierten Helikoptergeldern zu verringern, können nicht losgelöst von einer Lockerung bzw. Aufhebung von Ausgangsbeschränkungen erfolgen. Ohne Kundschaft ergeben Öffnungen keinen Sinn. Schließlich ist es aus dem gleichen Grund auch unrealistisch, das private, soziale Leben schrittweise wieder zuzulassen. Warum sollen Gläubige unter den gleichen Präventionsregeln nicht Kirchen, Moscheen und Synagogen besuchen dürfen, wenn dies gleichzeitig für Baumärkte oder Supermärkte erlaubt ist? Private Veranstaltungen mit Beschränkungen der Teilnehmerzahl oder der ‚engen‘ Familienzugehörigkeit zu verbinden, erscheint wenig praktikabel.

 

Denn, wer soll –da die Digitalisierung vielerorts verschlafen oder aufgrund durchaus berechtigter Datenschutzproblemen abgelehnt wird– die vielen Ausnahmeregelungen anhand von Passierscheinen, ähnlich der in Italien mitzuführenden Selbstdeklarationen, kontrollieren? Die Ordnungskräfte sind weder Virologen, noch ist ihnen zuzumuten, in einem ständig aktualisierten Ausnahmekatalog zu recherchieren oder wie hier in Bozen zu prüfen, ob man die vom Bürgermeister erlassene Vorschrift sich beim Joggen nicht mehr als 400m Luftlinie von seiner Wohnung entfernt zu haben, auch eingehalten hat.

 

Von verschiedenen Seiten werden nachhaltige und effiziente Präventionsmaßnahmen vorgeschlagen. Zu den effektivsten könnte der individuelle ‚Gesundheitsausweis‘ zählen. Was ist darunter in Zeiten zu verstehen, in denen noch kein Impfstoff existiert? Unter dem Vorbehalt, dass Wiedergenesene und asymptomatische Personen, die ausreichende Antikörper aufweisen, eine zeitlich begrenzte Immunität besitzen, könnte dieses zum Beispiel in einem zentralen Register in Verbindung mit existierenden Identifikationskarten geführt und in geeigneter Weise überprüfbar attestiert werden. Auf dieser Basis könnte man auch akut positiv getestete, unter Quarantäne stehende Personen, Risikogruppen und bislang nicht Betroffene kategorisieren. Während solche Systeme bereits in einigen asiatischen Ländern existieren, ist davon auszugehen, dass sich dies aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes in der westlichen Welt vielfach nicht umsetzen lässt. So müssen Präventionsmaßnahmen im Vordergrund stehen, die eher passiv und indirekt das unkontrollierbare Wiederausbrechen verhindern. Dazu zählen die vielfach schon implementierten Abstands- und Mundschutzregeln in allen öffentlichen und betrieblichen Bereichen. Unternehmen und Verwaltungen können darüber hinaus angehalten werden, mittels regelmäßiger Tests ihrer Mitarbeiter sowie einfacher zusätzlicher Methoden wie der Temperaturmessung zu helfen, Neuinfektionen frühzeitig zu erkennen. Im Detail wird es hier noch viele andere nützliche Vorschläge geben, die es hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Umsetzbarkeit zu prüfen gilt.

Somit wird es für alle Bereiche klare Hygiene- und Verhaltensregeln geben, die einzuhalten sind. Wer sie nicht einhält, sollte die Exekutive eines Rechtstaats zu spüren bekommen, der sich für die körperliche Unversehrtheit seiner Bürger einsetzt und nicht zulässt, dass individuelle Interessen über Gemeinwohlinteressen gestellt werden. Auch wenn dies den Abschied von der konsequenten Inkonsequenz bedeutet, was sollte daran nicht mit den Prinzipien des freiheitlichen Rechtsstaats übereinstimmen?

 

* Sechstens: Panem et circenses

Neben der Versorgungssicherheit spielen gesellschaftliche, kulturelle und sportliche Massenveranstaltungen eine große Rolle im Zusammenleben sowie in der Erfahrungswelt von Menschen und sind in vielen Fällen auch ein enormer Wirtschaftsfaktor. Neben Profiligen zählen dazu die in das kommende Jahr verschobenen Olympischen Spiele, aber auch die Eishockey-Weltmeisterschaft in der Schweiz, das Oktoberfest in München, die Opernaufführungen in Verona, Christoper Street Days bis hin zu lokalen Kulturveranstaltungen. Gemeinsam ist diesen Events, dass sie von einem wie immer gearteten Gemeinschaftsgefühl getragen werden. Geisterspiele vor leeren Rängen, Olympia ohne die völkervereinigenden Begegnungen oder isoliertes Tanzen in den eigenen Räumen fehlen die wichtige soziale Komponente. Diese Bereiche werden es wohl am schwierigsten haben, Politiker davon zu überzeugen, sie wieder freizugeben. Zum einen sind sie nicht systemrelevant, also aus Sicht der Entscheider entbehrlich, zum anderen nicht kontrollierbar und vor allem haben sie den Makel, Zentren des bisherigen Ausbruchs gewesen zu sein. Ohne einen individuellen Gesundheitsausweis bestehen nur für wenige, zahlenmäßig kleine Veranstaltungen Chancen unter strengen Auflagen vor der Entwicklung eines Impfstoffes oder wirksamer Medikamente behördlich genehmigt zu werden.

 

* Siebtens: Internationale Reisen und Tourismus

Für diesen Bereich und die damit verbundenen Industrien besteht, neben den zuletzt genannten Kriterien, häufig die Schwierigkeit des Grenzübertritts mit den damit verbundenen institutionellen vor allem gesundheitspolitischen Konsequenzen. Dadurch wird sich der Weg zur Normalität bzw. zu einer neugestalteten Zukunft noch schwieriger gestaltet.

 

Schon am 7. Januar 2020 hatte die WHO an alle nationalen Gesundheitsbehörden Richtlinien versandt, in denen ausdrücklich auf notwendige Kontrollen an points-of-entry hingewiesen wird. Wenige Länder außerhalb Asiens haben diese implementiert und noch weniger haben sie konsequent umgesetzt. In Ermangelung eines von beiden Staaten anerkannten Gesundheitsausweises oder eines amtlichen Attests –oder sonstiger Ausnahmeregeln zum Beispiel für Dauerpendler– besteht dann aber nur die Möglichkeit, Personen, die in ein Land einreisen zu einer 14-tägigen Quarantäne zu verpflichten. Der kurze Skiurlaub in Lenzerheide verlängert sich auf diese Weise in ein zweimal zweiwöchiges Quarantäne-Erlebnis ohne Skifahren; ähnliches gilt für Tauchurlaub in Ägypten oder die Safari in Kenia. Ob Geschäfts- oder Urlaubsreise, es werden gleichermaßen gesundheitspolitisch sichere, wie realisierbare Lösungen benötigt.

 

Wenn die Tourismusindustrie warten muss, bis der Impfstoff endlich verfügbar ist, könnte es sein, dass es viele Betriebe nicht mehr gibt. Vielleicht mag das im Sinne von Vertretern der These sein, dass Menschen sowieso zu viel reisen. Es diene doch dem Klima, wenn es viel weniger Geschäfts- und Urlaubsreisen gäbe oder zumindest nur noch den, wie auch immer zu definierenden, nachhaltigen Tourismus. Konsequenterweise sollten Klimaaktivisten auch selbst nachhaltig und verantwortlich handeln, nicht nur durch den Verzicht auf eigene Reisen, sondern hinsichtlich ihrer Bereitschaft, an innovativen und kreativen Exit-Strategien mitzuarbeiten, die den Betroffenen in Tourismusregionen eine andere Perspektive geben, als ‚Pech gehabt‘. Es geht hier nicht nur um Luxushotels in wohlhabenden Ländern, sondern in erster Linie um eine wichtige Einnahmequelle armer Entwicklungsländer mit hoher Arbeitslosigkeit.

 

Konklusion

Kann man das alles nicht kürzer schreiben? Sind die vielen Ausführungen denn nötig? Sind die besten Strategien nicht die, die einfach und verständlich sind? Kann man nicht nur mit Versuch und Irrtum agieren, um sich heraus zu manövrieren?

 

Kann man, aber irgendjemand muss die Fehler begleichen und es werden, so ist zu befürchten, nicht die ‚auf Sicht fahrenden‘ Entscheider von heute sein.

 

Es gibt leider keine einfachen Lösungen für komplexe und partiell neuartige Probleme, insbesondere, wenn man unterlassen hat, strategische Pläne für die zu erwartende Krise zu entwickeln. Wenn überhaupt, dann ersetzt operative Hektik strategische Weitsicht nur unzureichend.

 

Begreifen wir die jetzige und die noch folgende globale Wirtschafts- und Finanzkrise als Chance für einen nicht nur kosmetischen Wandel unseres globalen Zusammenlebens auf diesem Planeten. Dann können wir der Covid-19 Krise –neben dem in etwa neun Monaten zu erwartenden Babyboom– im Nachhinein auch etwas Positives abgewinnen.

 

 

 

** Prof. Dr. Michael Nippa ist Professor für Strategische Führung und Internationales Management an der Freien Universität Bozen-Bolzano in Südtirol / Italien

Gastkommentar - CoViD-19-Pandemie. Und jetzt?

DMZ – WISSENSCHAFT / FORSCHUNG ¦
 

„Das Schlimmste haben wir hinter uns“ haben wir in den letzten Wochen immer wieder gehört. Lockerungen sind die Folgen.

Covid-19 - Artikel von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt

DMZ - WISSENSCHAFT / FORSCHUNG ¦

 

Artikel von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt gingen um die Welt, über 8 Millionen mal weltweit gelesen, millionenfach in sozialen Medien geteilt.

Erneut Angriffe auf DMZ Mittelländische Zeitung

DMZ - In eigener Sache

 

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