22. Mai 2020

Konkurswelle kommt nur im Geiste – viel wahrscheinlicher ist ein Gewinn

Rund 60 Milliarden Franken wird der Staat also aufwenden, um den Kreislauf des Geldes wieder in Gang zu bringen.
Rund 60 Milliarden Franken wird der Staat also aufwenden, um den Kreislauf des Geldes wieder in Gang zu bringen.

DMZ – WIRTSCHAFT / GESELLSCHAFT ¦ Wirtschaftsredaktion ¦

KOMMENTAR

 

Die Wirtschaftskrise stehe erst am Anfang, sagt der Economiesuisse-Präsident. Nun soll der Staat zugunsten der Unternehmen auf Steuern verzichten. Das war ja klar, dass das kommen musste. Natürlich nicht um wirklich die Wirtschaft zu retten, sondern als erstes Ziel, auch hier einigen wenigen (den immer selben) einen zusätzlichen Gewinn einzubringen. Wie der Präsident natürlich weiss, haben die Weltbank Ökonominnen Mai Chi Dao und Chiara Maggi mit dem Aufsatz „The Rise in Corporate Saving and Cash Holding in Advanced Economies“ längst gezeigt, dass Treiber dieser für die Lehrbuchökonomie rätselhaften Entwicklung vor allem die grössten Konzerne sind und keine Pandemien. Deren Gewinne seien unter anderem wegen sinkender Steuerlast, sinkenden Zinsausgaben und einer sinkenden Lohnquote gestiegen. Dies als kleine Randbemerkung.

 

Rund 60 Milliarden Franken wird der Staat also aufwenden, um den Kreislauf des Geldes wieder in Gang zu bringen.

 

Die Kosten der einen sind die Erträge der anderen!

Bis vor der Corona-Krise war unsere Wirtschaft einigermassen im Gleichgewicht und im Gleichfluss. Was reinkam, floss auch wieder raus. Der Lockdown hat den Kreislauf des Geldes stellenweise gestaut.

Wir alle haben Geld gespart – im Restaurant, beim Reisebüro, Coiffeur, Fitnesscenter etc. Im Schnitt haben wir unsere Haushaltsausgaben um etwa 20 Prozent reduziert – was unser Leben nicht übermässig beeinträchtigt hat. Entsprechend kleingeistig und engstirnig wirkt es nun, wenn hastig die Folgekosten des Coronavirus hochgerechnet und die erwarteten Schäden akribisch in Milliarden Dollar oder Wachstumsprozenten beziffert werden. Ja, es ist richtig, dass globale Pandemien für die Weltwirtschaft zusätzlichen Aufwand bedeuten. Aber die Kosten der einen sind die Erträge der anderen!

 

Die Betroffenen, die Coiffeure, Wirte, Putzfrauen etc. haben 100 Prozent ihrer Einnahmen verloren, wurden aber theoretisch in der Übergangszeit vom Staat finanziert. Er hat laufende Einnahmen mit Krediten ersetzt und so den Kreislauf des Geldes wieder geschlossen.

Der Staat hat zwar 60 Milliarden mehr Schulden, aber die Guthaben der Bürger gegenüber dem Staat sind entsprechend gestiegen. Per Saldo wird uns diese Rettungsaktion – bis auf ein paar Millionen für die technische Abwicklung – nichts kosten. Soweit so gut.

 

Also alles halb so schlimm

Was – durchaus verständlicherweise – für manche zynisch klingen mag, ist für die Ökonomik nüchterne Arithmetik. Dabei ist nicht einmal sicher, dass sich lediglich ein Nullsummenspiel ergibt.

Es kann durchaus sein, dass bei der Suche nach wirksamen Reaktionen auf das Coronavirus neues Wissen geschaffen wird, das ganz grundsätzlich beim Kampf gegen Pandemien, Seuchen und Krankheiten angewendet werden kann. So ist möglich – und aus Erfahrungen der Vergangenheit durchaus erwartbar –, dass innovative Erkenntnisse aus dem Kampf gegen das Coronavirus später und anderswo helfen, Leben zu retten, Ansteckungen zu verhindern und insgesamt Menschen aktiver und produktiver zu machen.

 

Aber

Ein Aber gibt es trotzdem: Wenn da nicht auch Leute im System wären, die ihren Hals (auch in dieser Lage) nicht voll genug kriegen. Der überwiegende Teil der zusätzlichen 60 Milliarden ist in Besitz von Leuten, die eh von allem genug haben. Sie werden das Geld nicht verkonsumieren, sondern überwiegend in noch mehr Aktien, noch mehr Obligationen und in noch teurere Immobilien investieren. Natürlich sind auch Investitionen in Dinge wie Armee (Luftwaffe, Waffen), marode Fluggesellschaften usw. schlecht, aber das sind sie immer, unabhängig von einer Pandemie.

 

Auf Dauer können wir zwar gewinnen, aber nicht, wenn wir jede durch Corona oder wie auch immer bedingte Nachfrage-Krise immer nur mit stetig steigenden Staatsschulden bekämpfen. Diese sind nämlich bloss die Folge einer viel zu schiefen globalen Einkommensverteilung. Die Einkommen sind so verteilt, dass sich – vereinfacht formuliert – die ärmere Hälfte ihren zum Leben und zur Stabilisierung der Beschäftigung nötigen Konsum nur leisten kann, wenn sie beim reichsten Prozent anschreiben kann. Das wiederum setzt voraus, dass die Staaten, bzw. die Zentralbanken, die entsprechenden Guthaben der Oberstschicht garantieren. Das weit verbreitete Jammern über die steigenden Staatsschulden ist somit bloss eine Nebelwand, hinter dem man das eigentliche Problem versteckt und verschweigt. Und das heisst: Umverteilung von unten nach oben!

 

Es gibt für alles nur noch eine Welt

Dass sich Pandemien genauso global verbreiten, wie sich eine Vielzahl anderer Risiken weltweit verstärken, überrascht im Zeitalter der Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft nicht wirklich. Internationale Arbeitsteilung, Handel mit Investitionsgütern aus dem Norden und importierten Massengütern aus Billiglohnländern haben geografische Distanzen ökonomisch ebenso schrumpfen lassen wie unbegrenzte Mobilität für Geschäftsleute, Urlaubsreisen in ferne Welten und die entgrenzte Architektur der Finanz- und Kapitalmärkte. Die Kontinente sind im alltäglichen Tun enger zusammengewachsen. Cyberspace und WorldWideWeb, digitale Clouds und soziale Medien, Influencer und virtuelle Realität haben weltweit Menschen aufs Engste vernetzt. In der Globalität des 21. Jahrhunderts kennen Gutes und Schlechtes gleichermassen weder nationale Grenzen noch lokale Ausbreitung. Es gibt eben für alles nur noch eine Welt.

 

Die Globalisierung ist verantwortlich für globale Pandemien

Es gehört zu den schrecklichen Konstanten der Weltgeschichte, dass die Menschheit auf ihrem langen Weg zu einem längeren, besseren und gesünderen Leben für die Massen durch dramatische Rückschläge gebeutelt wurde. Die gute Nachricht ist jedoch, dass es in Summe immer vorwärtsging. Das dürfte auch bei den Folge-Effekten des Coronavirus so sein. So schrecklich es auch für Direktbetroffene bleibt. Wirtschaft darf nicht länger über das Menschenleben gesetzt werden!

 

Die Globalisierung ist einerseits für globale Pandemien mitverantwortlich, hat andererseits für weltweit bessere Lebensbedingungen gesorgt hat. Insgesamt ist der allgemeine Gesundheitszustand nicht zuletzt dank der Globalisierung besser als jemals zuvor. Ausnahmen bilden eben nicht-globalisierte Staaten wie Nordkorea. Auch die nationalen Gesundheitsdienste und internationalen Gesundheitsorganisationen sind besser vorbereitet als in früheren Zeiten.

 

So dürfte bei aller aktuellen Dramatik mit Blick auf die Risiken globaler Pandemien weiterhin gelten, was Walter Krämer und Gerald Mackenthun in ihrem Bestseller „Die Panik-Macher“ lange schon auf den Punkt gebracht haben: „Nicht die Risiken haben sich verschärft, sondern unser Blick für sie. Wachsende Risiken und Zivilisationsgefährdungen technischer Art sind nirgends feststellbar, das Gegenteil ist der Fall. Das Leben war noch nie so sicher, und es wird weiter an der Sicherheit gearbeitet, manchmal über den Punkt des Vernünftigen heraus. Die Risikogesellschaft der Gegenwart ist eine Gesellschaft abnehmender Risiken bei wachsendem Risikobewusstsein und steigenden Sicherheitsansprüchen.“

 

 

 

Quellen:

  • https://www.imf.org/en/Publications/WP/Issues/2018/12/07/The-Rise-in-Corporate-Saving-and-Cash-Holding-in-Advanced-Economies-Aggregate-and-Firm-Level-46369
  • https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/wirtschaftswissenschaften-umverteilung-von-unten-nach-oben-unternehmen-profitieren-staerker-als-mitarbeiter/25495572.html

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