26. Mai 2020

Kritik am "Weggabe-Modus" - Kindheitsforscher warnt: Hört auf, eure Kinder in Kitas zu geben!

Kinder leiden, wenn Eltern sie weggeben
Kinder leiden, wenn Eltern sie weggeben

DMZ – SOZIALES ¦ 
GASTKOMMENTAR Michael Hüter

 

Michael Hüter ist Kindheitsforscher und Autor. Seine These: Nie ging es Kindern emotional so schlecht wie heute. Kitas und Ganztagsschulen für Kinder jeden Alters hält Hüter für den diametral falschen Weg.

 

„Geschichte ist wichtig. Wenn Sie von Geschichte keine Ahnung haben, dann wäre das, als wären Sie gestern geboren. Und wenn Sie gestern geboren sind, dann kann Ihnen jeder oben, der eine Machtposition hat, alles Mögliche erzählen. Und Sie sind nicht in der Lage, es nachzuprüfen.“ (Historiker Howard Zinn)

 

Gastkommentar (zuerst erschienen bei FOCUS online)

 

Ich möchte Ihnen heute nicht eine, sondern von einer Geschichte erzählen. Nicht nur als Historiker, sondern vor allem auch als dreifacher Vater weiß ich nur zu gut: Nicht nur Kinder lieben Geschichten, sondern auch Erwachsene.

Die sogenannten Erwachsenen lieben oder erzählen aufs Neue die Geschichten von Krieg, Unterwerfung, Leid und Not, von Konkurrenz statt Kooperation, die von Egoismus und Ausbeutung statt die von der Verbundenheit.

 

Gegenwärtig lieben die meisten Erwachsenen die Erzählung von Haben statt Sein, die des Wachstums ohne Ende und neuerdings wieder die von Links und Rechts und die der Erziehung statt Beziehung. Kinder hingegen begeistern sich auch heute noch herzlich wenig für diese grausamem Geschichten und Erzählungen der Erwachsenen.

 

Evolution durch Liebe

Jedes Kind dieser Welt kommt mit der Fähigkeit zu Empathie, sozialem Verhalten und einer fast endlosen Lern- und Lebenslust zur Welt. Ich habe im Moment das Gefühl, wir leben wieder am Beginn des 16. Jahrhunderts: Die Erde ist wieder eine Scheibe. Wenn wir die wissenschaftlichen Forschungserkenntnisse aus Neurobiologie, Psychologie, Anthropologie und Soziologie – aus der gesamten Kindheitsforschung, die wir derzeit haben, berücksichtigen und ernst nehmen würden, müsste jede Krippe sofort geschlossen werden und nebenbei mit Sicherheit 60 bis 70 Prozent unserer Schulen.

 

Aber die Geschichte, auf die ich Sie heute kurz aufmerksam machen möchte, ist nicht nur wahr, sondern sie ist mit Sicherheit die berührendste, die der Sapiens nicht nur erfand, sondern die er über zehntausende Jahre auch lebte, also immer wieder aufs Neue weitererzählte. Denn es kann nichts gelebt werden, was nicht beständig weitererzählt wird. Sie trägt den Titel: Evolution durch Liebe.

 

Die Liebesbedürftigkeit des Sapiens ist unermesslich groß

Es ist die vergessene, verdrängte und oft unterdrückte Geschichte der familialen Sozialisation, der elterlichen Liebe. Sie ist so tief, tief eingeprägt im evolutionären Programm des Sapiens, dass alle Babys und Kinder auch heute noch und weltweit zuerst einmal und nur diese eine Geschichte lieben und mit jeder Faser ihres Körpers danach verlangen. Die Liebesbedürftigkeit des kleinen Kindes ist unermesslich groß. Wird sie beim Menschenkind nicht gestillt, bekommen wir – was heute mehr die Regel denn die Ausnahme ist – einen ein Leben lang bedürftigen Menschen.

 

Mittlerweile profitieren nicht nur riesige Industriezweige vom bedürftigen Mensch, sondern auch Totalitarismus, Krieg, gesellschaftliche Polarisierung und generell alle Formen von Missachtung und Zerstörung wären ohne den frühen (auch elterlichen) Liebesmangel unmöglich. Wer nicht früh Liebe erfahren und somit lieben gelernt hat, der wird später auch nichts lieben und bewahren.

 

Wir müssen die hohe Entfremdung von unserer Natur beenden

Auch die – und um nur ein Beispiel der vielen krankhaften Symptome unserer Zeit zu nennen – maßlose Zerstörung unserer natürlichen Lebensräume lässt sich auf diesen frühen und seit langem zur Norm gewordenen frühkindlichen Liebesmangel zurückführen. Wir brauchen nicht das Klima oder die Natur retten, sondern lediglich die hohe Entfremdung von unserer eigenen Natur beenden.

 

Das menschliche Klima, in dem kleinen Kind in 99 Prozent der bisherigen Menschheitsgeschichte hineingeboren wurde, war das der Achtsamkeit vor allem Lebendigen. Des Stillens – hier im doppelten Sinn des Wortes – von Bedürfnissen.

 

Doch wie ist es möglich, dass wir diese Geschichte der elterlichen Liebe, das im Übrigen größte Kontinuum der Menschheitsgeschichte, die Evolution durch Liebe, unseren Kindern nicht mehr erzählen und vorleben, sondern sie immer und immer wieder mit neuen Erzählungen unterbrechen und sogar bekämpfen?

 

Der emotionale Schmerz eines Kleinkindes wird nicht geringer, wenn es mit dem SUV zur Krippe gebracht wird

Der amerikanische Psychoanalytiker Lloyd DeMause eröffnete sein 1974 erschienenes Buch The History of Childhood mit folgendem und alsbald viel zitiertem Satz: „Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte der Kindheit zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen und gequält wurden.“

 

Nichts hat sich in den letzten Jahrzehnten tiefer ins kollektive Bewusstsein eingegraben, wie diese These, die, verkürzt, zu folgender Erzählung wurde: Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum und je weiter wir in dieser Geschichte zurück blicken, desto größer dieser Alptraum.

Noch vereinfachter: Früher erging es Kindern so schlecht. Das ist schlicht der große Leitsatz, den mittlerweile zwei Generationen tief inhaliert haben und ihn letztlich zu einem Glaubensgrundsatz gemacht haben. Das wirklich Fatale an dieser Erzählung ist und Sie ahnen es vielleicht schon: Wenn es Kindern früher so schlecht erging, dann muss es ihnen doch heute so gut ergehen wie noch nie.

 

Doch das Ganze ist nicht nur schwarz/weiß, sondern ein gewaltiger historischer und gesellschaftlicher Irrtum. Diese ständig neu erzählte These – „Früher erging es Kindern so schlecht“ – dient vor allem auch immer wieder dazu, die gegenwärtigen Unterwerfungen und Machtmissbräuche an Kindern zu rechtfertigen. Der emotionale Schmerz eines Babys oder Kleinkindes wird nicht dadurch geringer, wenn es mit einem SUV in die Krippe gebracht wird.

Die entscheidende Frage ist wie bei so vielem in der Geschichte des Menschen, wo schauen wir hin und vor allem wie weit schauen wir zurück.

 

Noch nie – außerhalb von Kriegszeiten – ging es Kindern seelisch und emotional so schlecht wie heute

Lloyd De Mause war ein Kind seiner Zeit. Er wurde gegen Ende einer Epoche unzähliger Kriege geboren. Er war ein traumatisiertes Kind in einer traumatisierten Gesellschaft.

 

Durch die internationale Trauma-Forschung wissen wir heute, dass der traumatisierte Mensch – wenn seines Traumas nicht vollständig bewusst und aufgearbeitet – seine Traumata immer und immer wieder reinszeniert. Das Gleiche gilt für die Gesellschaft als Ganzes. Traumatisierte Gesellschaften und Kulturen reinszenieren beständig ihre Traumata aufs Neue, wenn auch in unterschiedlichsten Erscheinungsformen.

 

Traumata heilen nicht, noch sind sie vollends therapierbar. Alles was wir tun können, ist, die Ursachen, die zur Traumatisierung des Einzelnen oder einer ganzen Gesellschaft geführt haben, bekämpfen und eine Gesellschaftsordnung schaffen, in der zuallererst das Kind nicht mehr traumatisiert wird. Kind ist Mensch und aus dem Alptraum Kindheit folgt immer der Alptraum Menschheit. Das zeigt die Geschichte wiederholt und das habe ich auch versucht, in meinem Buch Kindheit 6.7 sichtbar zu machen.

 

Der Alptraum Kindheit liegt nicht 20.000 und nicht 50.000 Jahre zurück. Seit Jahren und zunehmend weltweit findet die größte und kollektive Reinszenierung frühkindlicher Traumatisierung statt. Noch nie in der Geschichte der Menschheit – außerhalb von Kriegszeiten – erging es der großen Mehrheit an Kindern seelisch und emotional – man mag es auch psychisch nennen – so schlecht wie heute.

 

Jedes zweite Kind in Europa leidet unter chronischer Krankheit

Nur kurz, im Staccato und auszugsweise der gegenwärtige physische und psychische Befund unserer Kinder: Noch nie in der Geschichte war das Risiko so hoch, dass Kinder chronische Krankheiten entwickeln, für die es keine Heilung gibt. Bereits jedes zweite Kind in Europa weist zumindest eine chronische Krankheit auf.

 

Die sexuelle Gewalt an Kindern nimmt seit Jahren zu. Die WHO geht von einer Million Kinder allein in Deutschland aus. Allein der internationale Markt für Kinderpornographie wird von Experten auf sieben Milliarden Dollar geschätzt. Deutschland und Österreich haben seit 20 Jahren konstant eine der höchsten Alkoholkonsumraten weltweit, außerhalb den USA.

 

Mobbing und alle Formen von Gewalt in Schule, auch Kitas und vor allem in den Social Media nehmen seit etwa zehn Jahren ebenso in rasantem Tempo zu. Viele Kinder gehen mit Angst zur Schule oder haben nach der Grundschule bereits ein beschädigtes Selbstwertgefühl.

 

Die Eltern trennen sich, die Kinder leiden darunter

Zahlreiche Kinder bis zum 6. Lebensjahr erleben die Trennung ihrer Eltern. Diese ist für jedes Kind – zumal in diesem Alter, traumatisierend.

 

Jedes vierte Kind braucht mittlerweile irgendeine Form von Therapie. Psychische Auffälligkeiten, ADHS, Autismus und generell schwere psychische Störungen nehmen zu, sodass wir gegenwärtig davon ausgehen können, dass nur noch etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder in Psyche und Physe gesund und stabil sind.

 

Einzelne Kompetenzen, die der Mensch bisher im Zuge seines Heranwachsens von allein erworben hat – das ist etwas, was Wissenschaftler weltweit derzeit am allermeisten alarmiert – werden überhaupt nicht mehr oder nur noch schwach entwickelt. Das betrifft insbesondere motorische Kompetenzen, aber auch kognitive, wie die der Wahrnehmung und andere.

 

Alle Formen von Sprachverarmung nehmen seit Jahren zu. Vor der industriellen Revolution, Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vor der Auflösung des Großfamilienverbandes und vor der gewaltigen Ausdehnung der Massenbeschulung und in Wahrheit Massenbetreuung in Schule, Kindergarten und Krippe, war die Analphabetisierungsrate genauso hoch wie heute, bei 15 bis 18 Prozent. In den letzten 200 Jahren wurde der Mensch weder gebildeter, noch kompetenter, noch umsichtiger und schon gar nicht liebender.

 

Der Weggabe-Modus

Die vollkommene Trennung des Kindes von der Familie, von intimen Gemeinschaften, also von ihm nahestehenden Bezugspersonen sowie die vollkommene Entfernung des Kindes aus der öffentlichen Gemeinschaft, dem realen Leben, ist der größte menschliche und historische Irrtum der gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte. In der Psychologie nennt man das Weggabe-Modus.

 

Mit Ganztageskrippen, Ganztages-Kitas und Ganztages-Schulen wird der Mensch nicht gebildeter, nicht kompetenter, und schon gar nicht humaner. Der frühkindliche und generell der Mangel an Liebe und Beziehung in der Kindheit ist groß.

 

Fremdbetreuung ist zum nicht mehr hinterfragten Kulturgut geworden

Kurz: Noch nie hatten wir – vor allem in den sogenannten Industrienationen und westlichen Ländern – so wenige Kinder, und von diesen wenigen Kindern sind über 50 Prozent krank und ein erschreckend hoher Teil nimmt sich auch noch das Leben. Kaiserschnitt, Kinder- und Muttermangel und die Fremdbetreuung des Kindes vom 1. bis zum 18. Lebensjahr, 38 Stunden die Woche und das am besten auch noch in den Ferien, sind, so scheint es, zu einem von der Mehrheit nicht mehr hinterfragten Kulturgut geworden.

 

Die Konsequenz: Die Welt wird immer radikaler, undemokratischer und vor allem empathieloser.

Behutsam und liebevoll mit dem Nachwuchs umgehen

 

Noch nie in der gesamten bisherigen Geschichte der Menschheit hatten Kinder so wenig Möglichkeit, in Beziehung zu den ihnen von Natur aus emotional nahestehenden Personen aufzuwachsen. Ein historisches Novum, von dem wir nicht einmal ansatzweise vorhersagen können, welche verheerenden Folgen das für Natur, Kultur und Gesellschaft noch weiter mit sich ziehen wird.

 

Wenn wir wollen, dass sich der gegenwärtige und kollektive Alptraum Kindheit nicht wieder in einen Alptraum Menschheit wandelt, brauchen wir nichts anderes tun, als uns zu erinnern und das täglich weltweit Neu-Geborene einfach in Liebe begleitend wachsen lassen.

Das große Erfolgsgeheimnis des Homo sapiens war, dass er besonders behutsam und liebevoll mit seinem Nachwuchs umging.

 

Am Anfang war nicht das Wort, sondern zuerst einmal die elterliche Liebe. Die familiale Sozialisation. Das ist das große Erfolgsgeheimnis des Sapiens.

In den letzten Jahrhunderten hat sich der Mensch zweifelsfrei die Erde untertan gemacht. Nun ist der Mensch – zunehmend weltweit – gerade dabei, sich das Kind untertan zu machen.

 

Nochmals: Kind ist Mensch.

 

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Über den Autor

Michael Hüter, Jahrgang 1968, ist Kindheitsforscher und Autor. Der Österreicher studierte Geschichte, Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Salzburg und schreibt heute über Erziehung und den richtigen Umgang von Eltern und Kindern.

 

 

Quelle: Dieser Gastkommentar ist zuerst erschienen bei FOCUS Online

1. Dieser Gastkommentar ist eine gekürzte Fassung des Vortrages  "Evolution durch Liebe", den Michael Hüter am 22. November 2019 in der Leopoldina gehalten hat. Den vollständigen Vortrag können Sie hier sehen.

2. Quellen in: Michael Hüter, Kindheit 6.7 Ein Manifest, Edition Liberi & Mundo, 2019

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