QAnon verbreitet Horrormärchen der Kinderfolterer

Trump-Anhänger bekennen sich oft zu QAnon
Trump-Anhänger bekennen sich oft zu QAnon

DMZ – GESELLSCHAFT / WISSEN ¦ Wissenschaftsredaktion ¦

 

QAnon oder kurz Q ist das Pseudonym einer mutmasslich US-amerikanischen Person oder Personengruppe, die auf Imageboards, auf die Diskussion von Bildern ausgerichteten Internetforen, eine Verschwörungstheorie mit teilweise rechtsradikalem Hintergrund verbreitet, und vorgibt, Zugang zu geheimen Informationen über Donald Trumps Präsidentschaft, dessen Kampf gegen einen vorgeblichen „Deep State“ sowie über Trumps Widersacher zu haben. Xavier Naidoo weint vor Erschütterung, Sido glaubt, "dass sowas sein kann": Die Verschwörungstheorie QAnon über Kinder folternde Geheimbünde entbehrt jeder Grundlage, wird in Corona-Zeiten aber populärer. So absurd die Geschichte anmuten mag, so gefährlich ist die Bewegung dahinter.

 

QAnon ist mittlerweile auch zu einer Bezeichnung für die verbreiteten Verschwörungstheoretischen Ansichten selbst geworden. Q beschuldigte u. a. zahlreiche Hollywoodschauspieler, Politiker und hochrangige Beamte, an einem internationalen Kinderhändlerring zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung beteiligt zu sein. Die Anschuldigungen, die hauptsächlich von Trump-Unterstützern unter Namen wie „The Storm (Der Sturm)“ oder „The Great Awakening (Die grosse Erweckung)“ weiterverbreitet werden, wurden weithin als „unfundiert“, „verwirrt“ und „beleglos“ eingeschätzt. 

 

Chatgruppe "QAnons Channel Deutschland" 

Die gute Nachricht erreicht die Mitglieder der Chatgruppe "QAnons Channel Deutschland" am Montagabend: "Einer mehr. Wir werden täglich mehr", jubelt der Moderator der Gruppe und verlinkt eine ntv.de-Meldung über Sido. Der Rapper bekennt in einem Interview, er glaube, an den Berichten über Promi-Behandlungen mit dem Blut entführter Kinder sei etwas dran.

Sido stellt zwar im weiteren Gesprächsverlauf klar, er nehme die im Internet kursierenden Verschwörungstheorien nicht für bare Münze. Für die fast 20.000 Mitglieder des Telegram-Kanals "QAnons Channel Deutschland" aber ist der Berliner nun ein weiterer Anhänger einer wachsenden Gemeinschaft an Bürgern, die einem unfassbaren Verbrechen auf der Spur sind, das unter dem Kürzel QAnon bekannt ist.

 

Das Märchen

Ein mit den höchsten Kreisen verknüpfter Geheimbund hält Tausende entführter Kinder in Kellern und Tunnelsystemen gefangen. Dort erleiden sie satanische Folterrituale, in denen ihnen Blut abgenommen wird. Es gibt Variationen: Die Kinder werden demnach als Sexsklaven gehandelt oder ihr Blut für ein der Elite vorbehaltenes Supermedikament verwendet.

Zu den Verschwörern zählen demnach die Partei der US-Demokraten, jüdische Zirkel und andere Geheimbünde. Eine wichtige Rolle spiele dabei die frühere US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Ihr Gegenspieler, der Mann, der jetzt schon Tausende Kinder im Rahmen von Geheimoperationen befreit habe, ist demnach niemand Geringeres als US-Präsident Donald Trump. Der spricht wie die QAnon-Gläubigen oft von einem "tiefen Staat", gegen den er anzukämpfen habe. Zudem verbreitete er selbst schon Dutzende Tweets von QAnon-Aktivisten.

 

Republikaner - Märchenliebhaber

Viele Republikaner - einfache Trump-Anhänger wie Abgeordnete - bekennen sich zu QAnon.

Der Name geht zurück auf einen Eintrag im Internetforum 4Chan, in dem schon 2017 ein Nutzer dieses Namens den Grundstein für die ungeheuerliche Geschichte legte. Wer auch immer der Autor war: Er behauptete, als hochrangiger Regierungsmitarbeiter supergeheime Dokumente einsehen zu können, und versorgt seither das Internet mit kryptischen Informationen. "Es gibt viele Gruppen, die behaupten, QAnon zu sein, das kann ja im Grunde jeder sein", sagt Andre Wolf, Sprecher des Vereins Mimikama, der über Falschinformationen im Internet aufklärt.

Mit Corona kam QAnon nach Deutschland

 

 

Märchenerzähler und - Fanatiker auch in Europa

Spätestens mit den kruden Videos des Sängers Xavier Naidoo wurde das Phänomen auch einem breiteren Publikum in Deutschland bekannt. Der Zeitpunkt hat viel mit einem ganz anderen Ereignis zu tun: "Bei den Gelbwesten-Protesten in Deutschland waren die Warnwesten eines Herstellers mit einem grossen Q schon sehr beliebt, aber diese Explosion der QAnon-Anhänger verzeichnen wir erst seit Corona, in etwa seit Mitte März", sagt Miro Dittrich, der für die Amadeu-Antonio-Stiftung Extremismus im Internet beobachtet.

 

Den gleichen Zusammenhang beobachtet Wolf in den sozialen Medien: "Seit Anfang April, also mit der Corona-Krise, schwappt das ganz stark nach Europa." Die QAnon-Popularität wächst dabei beinahe parallel zur Verbreitung des Messenger-Dienstes Telegram. Vieles wird zwar auch auf Whatsapp, Facebook und Youtube verbreitet. Allerdings greifen die Betreiber der grossen, etablierten Plattformen auf Druck der Gesetzgeber immer strenger durch im Kampf gegen Fake News. Deutschsprachige Videos zum Thema verzeichnen Hunderttausende Aufrufe. Pathetisch, krawallig, aber erstaunlich professionell künden sie von einem Endkampf der Wissenden gegen die Verschwörer.

 

 

"Stars", die Quatsch verbreiten

Die QAnon-Legende sei in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich, sagt Dittrich: "Verschwörungstheorien erzählen normalerweise aus der Perspektive des Verlierers und nicht der Mächtigen. Aber diese dient dazu, alles, was beim Machthaber Donald Trump schlecht läuft, zu rechtfertigen - weil Kräfte gegen ihn arbeiten würden, der sogenannte tiefe Staat, oder alles Teil eines grösseren, noch geheimen Planes ist." In Deutschland führe das zu besonders unerwarteten Volten: "Es mutet kurios an, dass die Gleichen, die behaupten, Deutschland sei eine von den Alliierten unterdrückte GmbH, jetzt darauf hoffen, dass Trump Deutschland in einer Geheimoperation mit 200.000 US-Soldaten befreit."

 

Was sind das für Leute, die derart krude Theorien verbreiten? "Die Gruppierung ist alles andere als homogen. Da gibt es Trolle, die das ins Lächerliche überspitzen, und bei anderen nimmt das teilweise gefährliche, krankhafte Züge an", sagt Mimikama-Sprecher Wolf. "Die Leute befinden sich in einem kollektiven Wahn", beobachtet Dittrich. Beide sehen Parallelen zu Sekten, wobei die Elemente der QAnon-Geschichte alte Bekannte seien: "Prinzipiell sind alle darin enthaltenen Erzählungen nichts Neues", sagt Dittrich. "Der blutabnehmende Ritualmord an Kindern durch die Elite: Das kennen wir schon aus antisemitischen Erzählungen aus dem 15. Jahrhundert."

 

 

Jebsen, Hildmann, Widerstand2020 - Geht es bei den Demos noch um Corona?

Dass zunehmend auch Normalbürger den bösen Märchen anheimfallen oder zumindest glauben, dass "da schon etwas dran sein" müsse, ist wohl der Ausnahmesituation der vergangenen Wochen geschuldet. "Die Anziehungskraft liegt in den einfachen Antworten auf komplexe Fragen", erklärt Wolf. "Die Menschen suchen Halt und auch ein böses Märchen gibt den Menschen zumindest Orientierung."

So sieht es auch Dittrich: Es sei für viele Menschen einfacher, solche Geschichten zu glauben, als sich einen unsichtbaren Feind - etwa eine Viruspandemie - vorzustellen, der eine Reihe komplexer, unglücklicher Zufälle zugrunde liegt. "Das sind die letzten Anhänger einer geordneten Welt", sagt Dittrich über die von der Realität überforderten QAnon-Anhänger.

Zumal das Misstrauen in die Eliten in Politik und Wirtschaft schon vor Corona gross war. Rund jeder Zweite glaubt, dass geheime Organisationen die Politik beeinflussen würden. Jeder Vierte nimmt an, Politik und Medien steckten unter einer Decke. 

 

Niedrige Schwelle zur Gewalt

Auch die Attentäter von Halle und Hanau beriefen sich in ihren Pamphleten auf Elemente verbreiteter Verschwörungstheorien. Der Mann, der in Hanau neun Menschen wegen ihres vermeintlich migrantischen Aussehens erschoss, schwurbelte in einem Youtube-Video ebenfalls davon, dass ein Geheimbund, der die US-Politik steuere, Kinder misshandele. In den USA stehen Dittrich zufolge zwei Morde, ein versuchter Mord und zwei Entführungen in Zusammenhang mit QAnon-Anhängern. "Es wird zu zivilem Ungehorsam aufgerufen und Unruhe gestiftet", sagt Wolf über die Inhalte von Chats und Videos.

 

Die Schwelle zur Gewalt ist bei QAnon-Anhängern womöglich besonders niedrig. Eine Frau, die den US-Präsidentschaftskandidaten Joe Biden töten wollte, habe überhaupt erst einen Monat vor dem Mordversuch begonnen, QAnon-Themen zu posten, sagt Dittrich. "Wenn man in einer apokalyptischen Welt lebt, erzeugt das sehr grossen Handlungsdruck." Wer von Tausenden misshandelten Kindern erfahre, könne nicht tatenlos bleiben, gibt Dittrich zu bedenken. "Wenn Prominente diese Geschichten verbreiten, ist das sehr gefährlich."

Die sektenartigen Denkmuster machen es Angehörigen von QAnon-Anhängern nicht leicht. "Man kann jemanden, der da einmal eingetaucht ist, sehr schwer wieder einfangen", sagt Wolf. Dittrich rät: "Auf jemanden einwirken kann man Studien zufolge, wenn es eine persönliche Beziehung gibt. Man kann dann versuchen, kritisch zu hinterfragen, ohne zu sagen, 'Du bist ja ein Trottel.'"

 

Ursprung und Identität

Am 28. Oktober 2017 erschien im „/pol/“-Kanal von 4chan ein Beitrag unter dem Titel „Calm Before the Storm“ (Ruhe vor dem Sturm) eines „Q clearance patriot.“ Der Titel dürfte sich auf Trumps kryptische Beschreibung eines Treffens mit seinen militärischen Führern beziehen, das er als „Ruhe vor dem Sturm“ bezeichnet hatte. Q setzte seine Tätigkeit später auf 8chan fort unter der Angabe, 4chan sei von Widersachern („bad actors“) unterwandert.

Die Wahl des Nicknamens soll offenbar darauf hindeuten, dass der Autor die Sicherheitseinstufung „Q clearance“ besitzt, die vom US-Energieministerium erteilt wird und Zugang zu streng geheimen Informationen über Atomwaffen und nukleares Material verschafft. Das dem Q angehängte „'Anon' steht für anonym“.

 

Es gibt zahlreiche Spekulationen über Qs Identität. So wurde vermutet, es handele sich – wie er selbst andeutet – um einen hochrangigen Militär oder Geheimdienstmitarbeiter, um ein Alternate Reality Game von Cicada 3301 oder um Trump selbst. BuzzFeed wies Anfang August 2018 auf Gemeinsamkeiten der Verlautbarungen QAnons mit den Aktivitäten und Veröffentlichungen einer links-anarchistischen italienischen Gruppe namens Wu Ming hin; möglicherweise sei QAnon ein Produkt dieser Gruppe, um die radikale Unterstützerszene Trumps dazu zu verleiten, sich selbst zu diskreditieren. Personen, die Wu Ming zugeordnet werden, wiesen dies jedoch unter Hinweis auf die Gefährlichkeit solchen Handelns zurück. Im Übrigen würden fanatische Trump-Anhänger auch einen enttarnten Hoax in ihr „paranoides System“ einbauen.

Eine Kommentatorin des Magazins Wired vermutete hinter QAnon einen „Kader“ von „Informationsterroristen“, der erstmals um 2014 im Zusammenhang mit der GamerGate-Kontroverse in Erscheinung getreten sei, die Art des Medienkonsums in der Gesellschaft verändere und neben QAnon auch weitere Gruppierungen, Verschwörungstheorien und Internetphänomene wie Pizzagate, Unite The Right und #releasethememo propagiere.

 

Rechercheuren der NBC gelang es, die Quelle der Verschwörungstheorie auf zwei Moderatoren bei 4chan zurückzuverfolgen, die diese an die YouTuberin Tracy Diaz weitergeleitet hatten. Diaz machte aus der Verbreitung der Verschwörungstheorie ein Geschäftsmodell: Seit sie sich in ihren Videos mit QAnon befasste, wuchsen deren Klickzahlen auf jeweils bis zu acht Millionen an, was Diaz monetarisieren konnte. Auch die beiden 4chan-Moderatoren begannen mit QAnon Geld zu verdienen: Erst verschoben sie die Diskussionen auf Reddit, dann auf Facebook, was ihre Reichweite deutlich erhöhte, und schließlich eröffneten sie einen eigenen YouTube-Kanal, auf dem sie um Spenden bitten.

 

Wissenschaft

Die Politikwissenschaftler Nancy L. Rosenblum und Russell Muirhead sehen QAnon als Beispiel für „new conspiracism“, einer neuen Form des Verschwörungsglaubens, die anders als klassische Verschwörungstheorien wie etwa zum Attentat auf John F. Kennedy gänzlich auf Belege und Indizien verzichte und sich allein auf Behauptungen und insinuierende Fragen stütze. Insofern bezeichnen sie QAnon als „Kampfnamen der bizarrsten verschwörungsideologischen politischen Narrative“. Es erhebe einen Besitzanspruch auf die Realität, der nicht durch Fakten, sondern nur durch Wiederholung und Zustimmung scheinbar verifiziert werde. Wenn dieser Angriff auf den gesunden Menschenverstand in die Parteipolitik und die Wahlkämpfe eindringe, bestehe Grund zur Sorge. Es komme darauf an, diesen gesunden Menschenverstand (im Sinne Thomas Paines) zu stärken als Schutz der Demokratie gegen Verschwörungsideologien.

 

 

 

Quellen: ntv.de ¦ Altman, Howard (4. Dezember 2018) "Double trouble for Broward deputy: One patch for QAnon conspiracy, another for his SWAT team" Tampa Bay Times ¦ Hochspringen nach: a b c Paris Martineau: The Storm Is the New Pizzagate – Only Worse. In: New York Magazine, 19. Dezember 2017. Abgerufen am 26. März 2018. ¦ Hochspringen nach: a b Joshua Philipp: The ‘Q’ Phenomenon. In: theepochtimes.com. 2. Juli 2018, abgerufen am 9. August 2018 (englisch). ¦ Hochspringen nach: a b Mike Rothschild: Who is Q Anon, the internet's most mysterious poster? (en-US). In: The Daily Dot, 29. Mai 2018. Abgerufen am 5. Juli 2018. ¦ Hochspringen nach: a b Henry Brean: Suspect in Hoover Dam standoff writes Trump, cites conspiracy in letters (en-US). In: Las Vegas Review-Journal, 13. Juli 2018. Abgerufen am 14. Juli 2018. ¦ Jane Coaston: The Mueller investigation is over. QAnon, the conspiracy theory that grew around it, is not. 29. März 2019, abgerufen am 31. Mai 2019.