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COVID-19 kann alle fünf Sinne schädigen

DMZ –  GESUNDHEIT / WISSEN ¦ Walter Fürst¦          

 

Das aggressive SARS-CoV-2 attackiert nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz, die Nerven, das Hirn, die Gefässe, die Nieren und die Haut. Dies ist in Stein gemeisselt und davor fürchten sich behandelnde Ärzte im Verlauf der Krankheit. Folgen, die auch plötzlich und unvermittelt noch während einem Krankheitsverlauf in Erscheinung treten können. Natürlich stehen bei der Lungenkrankheit COVID-19 vor allem die Lungen und Atemwege im Vordergrund. Da der SARS-CoV-2-Erreger insbesondere die unteren Atemwege befällt, haben vor allem Infizierte mit einem mittleren oder starken Verlauf einen trockenen Husten, Atemnot und/oder eine Lungenentzündung.

Mittlerweile gibt es aber zahlreiche Beweise, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 auch andere Organe massiv angreift und auch dem Herzen, den Gefässen, den Nerven, dem Hirn, den Nieren und der Haut schwer zusetzen.

Zudem kann das Virus, auch bei schwachen und/oder harmlosen Krankheitsverläufen, den Geruchs- und Geschmacksinn zum Erliegen bringen - im Extremfall sogar dauerhaft. Was bisher noch weniger bekannt war ist, dass auch alle anderen Sinne dauerhafte Schäden davon tragen können.

 

Michael Goldsmith ist einer der Glücklichen und Überlebenden eines schlimmen Verlaufs. Er war 22 Tage am Beatmungsgerät auf der Intensivstation. Er überlebte – musste aber feststellen, dass sein Gehör massiven Schade nahm. Er ist damit nicht alleine, denn in jüngster Zeit hat sich gezeigt, dass eine COVID-19-Infektion auch das Sehen, Hören und Berühren beeinträchtigen kann.

Das Virus kann also kurz- und langfristig alle Sinne negativ beeinflussen. Obwohl nicht lebensbedrohlich, ist es ungeheuer schwer damit zu leben.

 

Vermindertes Gehör 

Wie Goldsmith erlebten viele Menschen, die sich von COVID-19 erholten, weiterhin einen gewissen Hörverlust. In der März-Ausgabe des International Journal of Audiology überprüften Forscher veröffentlichte Fallstudien und andere Berichte über COVID-19-Symptome und schätzen, dass Hörverlust bei etwa 8 Prozent der Patienten mit COVID aufgetreten ist, während etwa 15 Prozent Tinnitus entwickelten.

Experten vermuten, dass das Virus die eustachische Röhre angreifen kann, die das Mittelohr mit dem Hals verbindet. Sobald sich jemand von der Krankheit erholt, entwässert sich die eustachische Röhre und das Gehör normalisiert sich in den meisten Fällen, obwohl es ein paar Wochen dauern kann. Allerdings wenn das Virus die sensorischen Neuronen im Innenohr oder Cochlea (Die Cochlea ist ein Teil des Innenohrs, der an die Form eines Schneckengehäuses erinnert. Er umfasst das Corti-Organ, die Stria vascularis, sowie Endolymphe und Perilymphe. Die Cochlea ist der Sitz der eigentlichen Schallempfindung) schädigt, kann ein plötzlicher Hörverlust auftreten, der dauerhaft sein kann. Wie genau diese Nervenschädigung auftritt, ist nicht klar.

Andere Menschen, die COVID-19 hatten, haben Probleme mit ihrem Sehvermögen gemeldet. Eine Studie, die letztes Jahr in BMJ Open Ophthalmology  veröffentlicht wurde, ergab, dass Lichtempfindlichkeit, wunde Augen und verschwommenes Sehen zu den häufigsten Augenerkrankungen von Patienten gehören. Und in einer Studie mit 400 COVID-19-Patienten, die ins Krankenhaus eingeliefert wurden, fanden Forscher heraus, dass 10 Prozent Augenerkrankungen hatten, einschliesslich Konjunktivitis, Sehstörungen und Augenreizungen.

 

"Es gibt definitiv eine Viruslast im Auge, die Symptome verursacht, aber das bedeutet nicht, dass es notwendigerweise langfristige Krankheiten im Auge verursacht", sagt Co-Autor Shahzad I. Mian, Professor für Augenheilkunde und visuelle Wissenschaften an der University of Michigan Medical School.

Wenn jemand Sehstörungen hat, die möglicherweise mit COVID-19 zusammenhängen, ist es wichtig, dass er so schnell wie möglich einen Augenarzt aufsucht, denn einige Formen des Sehverlusts sind mit Medikamenten behandelbar.

 

Kribbeln und Taubheitsgefühl

Der Tastsinn einer Person kann auch von einer COVID-19-Infektion betroffen sein, da die Krankheit nachweislich anhaltende neurologische Symptome verursacht.

In einer im Mai 2021 veröffentlichten Studie untersuchten Forscher 100 Menschen, die nicht wegen COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert wurden, aber anhaltende Symptome hatten. Sie fanden heraus, dass 60 Prozent sechs bis neun Monate nach Beginn ihrer Krankheit Taubheit und Kribbeln hatten. Manchmal waren diese Symptome im ganzen Körper verbreitet; in anderen Fällen waren sie an den Händen und Füssen lokalisiert.

In den meisten Fällen verbessert sich die Taubheit und das Kribbeln im Laufe der Zeit, wenn auch nicht in allen.

 

Verlust von Geruch und Geschmack

Die vielleicht bekanntesten Auswirkung von COVID-19 auf die Sinne ist der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinn. Eine Überprüfung der im Jahr 2020 veröffentlichten Studien ergab, dass von 8.000 Probanden mit bestätigtem COVID-19 41 Prozent Probleme mit dem Geruch und 38 Prozent Probleme mit dem Geschmack hatten.

Die meisten davon betroffenen Menschen erlangen ihren Geruchssinn sechs bis acht Wochen nach der Infektion wieder.

 

Der Verlust des Geschmackssinns geht in der Regel mit dem Verlust des Geruchs einher, sagt Michael Benninger, Professor und Vorsitzender der Abteilung für Hals-Chirurgie an der Cleveland Clinic Lerner College of Medicine."Wenn der Geruchssinn zurückkommt, kommt auch der Geschmack zurück", sagt Benninger.

 

Weitere Entdeckung - Alterung des Hirns

Nebst dem Verlust von Sinnen führt COVID-19 bei 16 Prozent der Patienten sogar zu vorzeitigen Alterungsprozessen im Hirn: Die graue Substanz und die Hirngrösse nehmen ab, gleichzeitig zeigen sich Marker für Gewebeschäden. Es gibt starke Hinweise auf hirnbedingte Pathologien bei COVID-19, von denen einige eine Folge von viralem Neurotropismus oder von Neuroinflammation nach Virusinfektion sein könnten. Zu dem Ergebnis kommt ein britisches Preprint.

 

Ebenso sei denkbar, dass es sich um Kennzeichen neuroinflammatorischer Ereignisse aufgrund der Infektion oder des Verlusts des sensorischen Inputs aufgrund von Anosmie handelt. Ob diese Schäden teilweise reparabel sind oder ob es sich um langfristig anhaltende Effekte handelt, müsse nun mit zusätzlicher Nachsorge untersucht werden.

Gwenaëlle Douaud et al., „Brain imaging before and after COVID-19 in UK Biobank”, medRxiv 2021.06.11.21258690; doi: https://doi.org/10.1101/2021.06.11.2125869


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