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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Duett mit Susan Brandy

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Wir haben es getan, zum allerersten Mal! Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der Euch Susan Brandy und ich, pünktlich zum Frühlingsbeginn, ein Liebesduett unterbreiten. Zusammen eine Geschichte zu schreiben, hat viel Spass bereitet. Wir hoffen, sie gefällt Euch so gut wie uns.

 

# Folge deinem Herzen

 

Plötzlich stand er neben mir. Er war gross, hatte grüne Augen und den Bauch eines Buddhas. Ich schätzte ihn auf Mitte Vierzig. Auf dem Kopf trug er eine Schirmmütze, die er während des Sprechens mehrmals anhob, um sich mit einer schnellen Bewegung über den Kopf zu streichen. Er sprach mit einem starken französischen Akzent und war, trotz seines schlechten Deutsch, sehr redegewandt. Und er hatte Humor. Meine Art von Humor. Später dann, als es Zeit wurde aufzubrechen, umarmte er mich und bat mich um meine Telefonnummer. Ich zögerte...

 

Am nächsten Tag erhielt ich die erste Nachricht. Er leide an einer „Verknallung“, schrieb er, und wolle mich wiedersehen. Ich antwortete nicht sogleich und liess mir etwas Zeit. Doch dann sagte ich ja und wir vereinbarten ein Picknick am Fluss.

 

An einem wunderschönen Sommertag fuhr er bei mir vor. Den Morgen hatte ich mit der Anprobe verbracht und mich schlussendlich für ein Kleid von Chanel entschieden. Leicht und in Seiden-Crêpe. Mit einem dieser unglaublichen Wellenmuster aus den 60er Jahren. In Marineblau auf rosa Hintergrund. Ich hatte es online erstanden. Ein Schnäppchen... 

Sein Auto roch nach kaltem Zigarettenrauch. Umständlich räumte er den Vordersitz frei und dann fuhren wir los. Unterwegs hielten wir bei einer Tankstelle und kauften uns Bier, Stullen, Eier und Radieschen. Danach ging es aufs Land und über Feldwege durch Fahrverbote in den Wald hinein. Ein Stück oberhalb des Flusses hielten wir an. Als wir aus seinem Wagen stiegen, stellten wir fest, dass der Weg bis ans Ufer steil hinabging. Vorsichtig tasteten wir uns hinunter. Dabei nahm er mich immer wieder an der Hand und brachte mich sicher an ein schönes Plätzchen auf einer Kiesbank. Als er sich auszog, schaute ich weg...

 

Lange blieben wir im seichten Wasser liegen, tranken Bier und redeten über uns, unsere Wünsche und unsere Träume. Er war ein aufmerksamer Zuhörer, dass musste man ihm lassen. Später verzehrten wir unser Picknick im Schatten einer Eiche, als plötzlich ein Gewitter aufzog. Die ersten Blitze zuckten schon vom Himmel, als wir Zuflucht unter einer alten Holzbrücke fanden. So standen wir dicht nebeneinander und schauten den schweren Regentropfen zu, die wie Steine vom Himmel fielen. Rund um uns trommelte es. Zuerst leise, dann immer lauter. Anfangs vage und dann immer rhythmischer. Zum Beat der fallenden Klunker begannen wir uns langsam zu bewegen. Und hätte nicht immer wieder ein lautes Donnergrollen eingesetzt, wir wären in Trance verfallen. So aber schmiegte ich mich an ihn und suchte Schutz in seinen starken Armen. Mehr lief nicht... Als das Wetter sich beruhigte - so überraschend schnell das Gewitter über uns einbrach, so rasch war es auch wieder verschwunden - brachten wir auf und fuhren still und erfüllt in den Sonnenuntergang nach Hause. Müde, im abklingenden Rausch eines schönen Sommertages, versprach ich ihm ein Wiedersehen.

 

Er schrieb. Am selben Abend, am darauffolgenden Tag und am nächsten. Die „Verknallung“ sei eine akute. Ich würde ihn ganz verrückt machen. Je suis fous de vous Madame! Ich antwortete nicht sofort. Immer wieder sah ich seinen dicken Bauch... Dann sagte ich ja. Er holte mich zuhause ab und wir fuhren zu einem Aussichtsrestaurant in der Nähe. Einem point de vue. Wir tranken roten Wein und blieben lange sitzen. Als es kühl wurde, wickelten wir uns in raue Wolldecken ein. Dann brachte er mich nach Hause.

 

Er möschte misch wiedersehen. J’insiste! Ich lag mit Sabine am Fluss und wir zählten die Gummiboote, die träge an uns vorbeizogen. Sie verstand nicht recht, was ich von ihm wollte. Ich konnte ihr dabei nicht helfen und antwortete ihm auch dieses Mal nicht sofort. Immer wieder sah ich seinen dicken Bauch, stieg mir der kalte Zigarettenrauch in die Nase. Dann sagte ich ja. Eine halbe Stunde später war er da. Wir tranken Bier und lachten. Er redete viel. Auf dem Rückweg griff er nach meiner Hand und streichelte sie.

 

Er lud mich zu sich nach Hause ein. Ich antwortete nicht sofort. Immer wieder sah ich seinen Bauch, für den ich nun zaghaft zärtliche Gefühle entwickelt hatte und hörte ihn reden, ihn lachen, mir Dinge zuzuflüstern wie: „Isch bin total verknallt Madame! Ihnen zu lauschen, ist wie bei der Luftpolsterfolie die Luftbläschen mit den Fingern zu verplatzen. Ein Hochgenuss. Plopp, plopp, plopp... Hören Sie es ausch? Es gibt nichts Schöneres als diese Verpackungsfolie durch die Finger gleiten zu lassen und ein Luftbläschen nach dem anderen einzudrücken.“ Dann sagte ich ja und fuhr zu ihm. Er wohnte im oberen Stock eines alten Bauernhauses. Als ich bei ihm ankam, sass er auf dem Balkon in einem Schaukelstuhl und hörte Edith Piaf. Um ihn zu erreichen, musste ich die Küche und das Wohnzimmer durchqueren. Die Räume waren dunkel. Auf dem Küchentisch lagen Zeitungen, verschiedene Werkzeuge, Kosmetikprodukte... Neben der Türe türmten sich seine Schuhe. Es roch etwas unangenehm. Dann sah ich das Foto: Er, lachend, barfuss über glühende Kohle laufend. Im Wohnzimmer lagen zwei ungleich grosse Matratzen. Auf der Kommode stand eine Lampe, deren Schirm mit einem bunten Tuch bedeckt war. An den Holzwänden hingen farbenfrohe Plakate, die er selbst mit Filzstiften gestaltet hatte. Sie waren mit gläsernem Klebeband festgemacht. Es waren seine Mantras: Folge deinem Herzen.

 

Er lächelte mich an und voller Freude eilte ich auf ihn zu. Dann erklang ein Schuss. Er hatte mich abgeknallt. Einfach so. Als er mich in den Armen hielt und das Blut von meiner Stirn abtupfte, murmelte er: „Plopp, plopp, Du schönste aller Luftblasen, plopp, plopp.

 

Auszüge aus Wikipedia unter dem Eintrag „Verliebtheit“

Verliebtheit ist ein intensives Gefühl der Zuneigung. Sie wird nach Ansicht von Psychologen von einer Einengung des Bewusstseins begleitet, die zur Fehleinschätzung des Objektes der Zuneigung führen kann. Fehler des anderen können übersehen oder als besonders positive Attribute erlebt werden. Verliebtheit ist kein Dauerzustand, sie besteht als eine Phase über einen längeren oder kürzeren Zeitraum, kann abflauen und sich auflösen oder in Liebe übergehen. Die Gefühle des Verliebtseins können einseitig sein, müssen also nicht erwidert werden.

 

Das Brückenexperiment

Das Gefühl der Verliebtheit kann mit Fehlattribution in Verbindung gebracht werden. 1974 führten Donald Dutton und Arthur Aron diesbezüglich ein Experiment durch: auf einer schwankenden Fußgängerbrücke wurde eine attraktive Frau positioniert. Diese sprach Männer an, die die Brücke überquerten. Sie bat die Probanden um Mithilfe bei einer Forschungsarbeit und gab ihnen ihre private Telefonnummer mit dem Hinweis, die Versuchspersonen könnten sie anrufen, wenn sie noch eine Frage hätten. Dieselbe Frau sprach danach Männer an, die die Brücke bereits überquert hatten. Schließlich wurden die Anrufe ausgewertet. Es meldeten sich deutlich mehr Männer, die angesprochen wurden, während sie über die instabile Brücke gingen, als jene, die nach einer anschließenden Ruhepause angesprochen wurden. Die Forscher gingen davon aus, dass die Männer das Überqueren der wackeligen Brücke als aufregend empfanden und diese Angst als Verliebtheit interpretierten. Das Experiment lieferte damit einen ersten Hinweis darauf, dass es sich bei Verliebtheit auch um eine Form von Angstbindung handeln muss.

 

Serotonin

Das Neurotransmitter Serotonin gilt als „Glücks-Botenstoff“. Bei einem Mangel können Ängste und Depressionen die Folge sein. Laut Kast und Fischer geht Verliebtheit mit niedrigem Serotoninspiegel einher, was paradox erscheinen mag, da Verliebtheit doch Glücksgefühle hervorruft und der Logik folgend eher ein extrem hoher Serotoninspiegel zu vermuten sei. Diesen scheinbaren Widerspruch erklärt die italienische Wissenschaftlerin Donatella Marazziti so, dass Verliebte auf ihr Objekt der Verliebtheit fixiert sind, ähnlich wie bei einer Zwangsstörung. Bei Patienten mit Zwängen werde eher zu wenig Serotonin im Blut nachgewiesen. Leidenschaftliche Verliebtheit und zwanghaftes Verhalten scheinen mit diesem Botenstoff einen gemeinsamen Faktor zu haben.

 

Mehr über Susan Brandy erfahrt Ihr hier:

 


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