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Kein aktive Erinnerungskultur an das Concentrationslager in Büren

Concentrationslager Büren
Concentrationslager Büren

DMZ - GESELLSCHAFT / LEBEN / HISTORISCHES ¦

 

Ein aktive Erinnerungskultur an das Interniertenlager besteht in Büren nicht. Erstaunlich ist das nicht. Gerne wird vielerorts die Erinnerung an Grausamkeiten einfach verschwiegen und gelöscht. Von Anfang an entschieden auch ideologische Sichtweisen und Haltungen über eine Aufnahme in der Schweiz, bzw. Ablehnung – jüdischen Flüchtlingen begegnete man tendenziell antisemitisch, sozialistischen antikommunistisch, pazifistischen und politisch-dissidenten misstrauisch ablehnend. Hingegen zeigten sich die Behörden gegenüber faschistischen und nationalsozialistischen Asylanten lange eher nachsichtig. Die lokale Tourismusverwaltung weist nur indirekt auf die Existenz des Lagers Büren hin. Auf Anregung eines Historikers wurden erst 2000 entsprechende Gedenksteine für das Spitallager und das Interniertenlager aufgestellt. Vorher bestand keine Erinnerung an das ehemalige Interniertenlager und die wenigen nicht abgebrochenen Lagerbauten wurden nicht unterhalten und waren teilweise dem Verfall preisgegeben. 2017 steht vom ehemaligen Interniertenlager Büren nur noch die ehemalige Wäscherei.

 

Die Wahl des Begriffs "Concentrationslager" orientierte sich vermutlich am "Modell" der deutschen Konzentrationslager. Obwohl Berichte wie Wolfgang Langhoffs Werk "Die Moorsoldaten" auch in der Schweiz über die grausamen Haftbedingungen informiert hatten, verstanden die Planer unter einem Konzentrationslager ein normales Gefangenen- und Arbeitslager. Weil die Internierten gemäss den völkerrechtlichen Bestimmungen nicht nur versorgt, sondern auch bewacht und an der Flucht gehindert werden mussten, entwarf Oberst Rothpletz ein gefängnisähnliches Konzept. Neben dem Interniertenlager umfasste es ein "Schweizer Lager" mit  Kommandantur, Lagerbüro, Materialmagazinen und Unterkünften für das Bewachungs- und Betreuungspersonal. Ein Stacheldrahtzaun um das Lager wurde als ausreichend befunden, um die Internierten an der Flucht zu hindern.

 

Für die Wahl des Standorts "Häftli" sprachen mehrere Gründe: Die Internierten sollten ursprünglich bei der Korrektion des grossen Aarebogens bei Leuzigen eingesetzt werden, um ein weiteres Abbröckeln von Kulturland zu verhindern. Weil der Kanton Solothurn das diesbezügliche Vorhaben nicht weiter verfolgte, wurde diese Idee jedoch wieder fallen gelassen. Die Behörden sahen es zudem als vorteilhaft an, dass der Weg zwischen den Städtchen Büren und dem Lager - und damit der Kontakt zwischen den Internierten und der Bevölkerung - gut kontrollierbar war.

 Im Spätherbst 1942 wurden hunderte von jüdischen Flüchtlingen im "Concentrationslager" Büren an der Aare untergebracht. Aus verschiedenen Gründen gerieten diese Flüchtlinge in eine besonders schwierige Situation. Denn erstens wurde das Lager weiterhin militärisch geführt - den zivilen Flüchtlingen wurde militärische Disziplin abverlangt, und man bewachte sie wie Internierte. Zweitens war das Lager nicht für Zivilisten eingerichtet, ausserdem war es inzwischen renovationsbedürftig. Drittens fehlte es der Lagerleitung, zum Beispiel dem Kommandanten Lindt, an Kompetenz.

 

Betroffene erinnerten sich:

Der Flüchtling Max Brusto wies darauf hin, dass die Ernährungsituation zwar vielerorts schlecht gewesen sei, besonders prekär aber im Auffanglager Büren: "Man hat es nie wahrhaben wollen, dass die Flüchtlinge in den Auffanglagern gehungert haben. Sie haben gehungert. Noch im Sommer 1944, nach der Invasion Frankreichs, schrieben die Flüchtlinge aus den sogenannten Quarantänelagern, wie man unsere Lager umgetauft hat, dass man ihnen nicht genügend zu essen gebe. Diese Briefe trugen sogar den Stempel der Militärzensur. So gelitten hatten sie, dass sie sich nicht scheuten, trotz Zensur, es offen zu schreiben. Und noch nach dem Ende-Feuer richteten Insassen eines Auffanglagers einen offenen Brief an alle Instanzen, dass ihre Verpflegung katastrophal sei. Und wer erinnert sich nicht an das unglücksseligste aller Auffanglager, nämlich Büren, dessen Insassen nicht einmal genügend Kartoffeln erhielten, so dass sie des Nachts auf die Felder schlichen, um Kartoffeln und Rüben zu stehlen? Als Büren aufgelöst und die Insassen in ein anderes Lager versetzt wurden, brachten sie in ihren Koffern Kartoffeln mit, weil sie glaubten, es sei in diesem Lager mit der Ernährung genau so bestellt."

Der Flüchtling Harry Herz bestätigte die zeitweise äusserst prekäre Lage im Interniertenlager Büren: "Oft wurden Lebensmittelzuteilungen, die eigentlich für die Lagerinsassen bestimmt waren, an Tiere verfüttert."

Auch Berty Friesländer erinnerte sich: "Es gab immer weniger und weniger Essen. Haben wir uns darüber beschwert, hat der Fourier gesagt: 'Wenn es euch nicht passt, könnt ihr alle dahin zurück, woher ihr gekommen seid.' Sie können sich denken, wie mundtot wir wurden. Zudem hatten wir jeden Morgen, zu früher Stunde, auch in der Kälte, vor der Schlafbaracke Appell zu stehen, und wehe, jemand kam zu spät. Oft wateten wir in knietiefem Dreck. In Anlehnung an den vergleichbaren Morast im Lager Gurs sprachen wir dann in Büren von "Bürs".

 

Eine "Geschichte" die unbedingt aktiver verarbeitet werden müsste.

 

 

Quellen: SRF ¦ Historisches Lexikon der Schweiz


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