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Darf oder sollte man Kinder im Spiel gewinnen lassen?

DMZ – BILDUNG ¦ aa ¦

 

Diese Frage hat sich wohl jeder Elternteil schon einmal gestellt. Kinder lieben es, wenn sich Eltern Zeit für sie nehmen und gemeinsam mit ihnen möglichst stundenlang Spiele spielen. Natürlich soll das Spielen den Kindern Freude bereiten, doch die Kleinen bei jedem Spiel extra gewinnen lassen, mag zwar im ersten Moment erfreulich für die Kinder sein, aus psychologischer Sicht allerdings ist das nicht wirklich förderlich für die Entwicklung. Das zumindest sagen einige Experten, so auch Diplom-Psychologin Kirsten Khaschei.

 

Auch Kinder müssen Verlieren lernen

Enttäuschte Verlierer, vom Tisch geschmissene Karten oder Steine, das Spielfeld ein einziges Chaos: Manchmal brauchen Eltern gute Nerven, wenn sie mit dem Nachwuchs einen gemütlichen Spieleabend verbringen wollen. Um tränenden Kinderaugen vorzubeugen, lassen Eltern ihre Kinder beim Spielen deshalb oftmals absichtlich gewinnen. Auf diesem Wege wird der Friede in der Familie gewahrt und das Kind geht mit einer extra Portion Selbstvertrauen vom Spieltisch. Dabei stellt sich jedoch die generelle Frage, ob man Kinder gewinnen lassen soll, nur um den Spieleabend friedlich zu beenden.

 

Es ist verständlich, dass Eltern ihre Kinder lieber gewinnen lassen, als sie verlieren zu sehen. Denn die Trauer ist gross, wenn Mama oder Papa als Erster im Ziel sind oder mehr Pärchen beim Memory gefunden haben. Natürlich, wir sehen viel lieber strahlende Kinderaugen, die sich über den erneuten Sieg freuen. „Nochmal, nochmal!“ klingt selbstverständlich besser als „Ich mag nicht mehr…“ Allerdings sollten die Spiele durchaus ausbalanciert werden.

 

Gewinnen und Verlieren sollten sich in etwa die Waage halten, damit das Spiel für das Kind auch über einen längeren Zeitraum spannend bleibt. Eltern wissen natürlich, dass sie den Kindern strategisch oder auch im Hinblick auf Logik überlegen sind. So sollte dem Kind einerseits die Chance gegeben werden, zu gewinnen, das Spiel aber gleichzeitig auch nicht zu einfach gestaltet werden. Der Sieg sollte nie verschenkt werden, wie das beispielsweise beim Memory oder auch beim beliebten Mensch-Ärgere-Dich-Nicht relativ einfach zu machen ist.

 

Gesellschaftsspiele erst ab  dem Grundschulalter

Gesellschaftsspiele sollten niemals eine Plattform für Machtkämpfe zwischen Geschwistern oder Eltern und Kindern werden, denn allen voran kommt es auf einen fairen Umgang miteinander um – den das Kind auch hier lernen und dann später bei seinen anderen Mitmenschen anwenden kann. Ein Spiel wie Mensch-Ärgere-Dich-Nicht führt bei Kindern im Falle des Verlierens in der Regel zu Frust. Obwohl es hier zu einem grossen Teil reiner Zufall ist, wer gewinnt – schliesslich kommt es darauf an, was gewürfelt wird – eignen sich derartige Spiele erst für Kinder ab dem Grundschulalter. Jüngere Teilnehmer können meist nicht mit dem Verlieren umgehen und sind darüber zu frustriert. Für sehr kleine Kinder bietet im Vorschulalter bietet sich dagegen Memory an oder auch ein Spiel, bei dem Teamarbeit im Vordergrund steht – diese schulen nicht den Wettkampfsinn, sondern andere Werte wie gemeinschaftliches Denken oder die eigene Logik.

 

Unterstützen, statt gewinnen lassen

Wie schön, wenn sich abends die ganze Familie am Tisch versammelt, um miteinander zu spielen. Alle haben Spass – bis auf Sofie. Die Vierjährige ist die Jüngste und hat die letzte Runde verloren. Schon kullern ihr die ersten Tränen die Wangen hinunter, sie hat keine Lust mehr und findet alle blöd, besonders ihren grossen Bruder. Für Sofie ist der Abend gelaufen.

Aber soll man "die Kleine" deshalb beim nächsten Mal gewinnen lassen? "Nein", sagt Diplom-Psychologin Kirsten Khaschei, "denn grosse Freude, genauso wie bittere Tränen sind wichtige Erfahrungen; beides, Gewinnen und Verlieren, gehört zum normalen Grosswerden dazu".

Handelt es sich dagegen um ein Spiel, bei dem die Strategie im Vordergrund steht, so sollte man am besten die Kinder mit hilfreichen Tipps unterstützen, sie aber nicht absichtlich gewinnen zu lassen. Wenn man beispielsweise gemeinsam Schach spielt, so können Eltern ihr Kind ruhig für einen guten Zug loben, selbst wenn dieser vorhersehbar gewesen war. Ebenso können sie selbst auf einen klugen Zug verzichten, wenn sich das Spiel dadurch etwas spannender gestaltet oder dem Kind neue Möglichkeiten bietet.

Und: Kinder sollten hier nicht unterschätzt werden, denn selbst in jungen Jahren merken sie schnell, wenn ihnen alle guten Züge überlassen werden – dann ist der Sieg meist keine grosse Freude mehr, wenn nicht darum gekämpft werden musste.

 

 

Verlieren gehört zum Leben

Aus psychologischer Sicht ist es für die Entwicklung des Kindes am besten, verschiedene Szenarien zu offerieren: Ab und zu gewinnt man selbst, ab und zu das Kind. Dabei sollte man allerdings nie vergessen, dass der Spass (neben all den Entwicklungspsychologischen Lernvorgängen) das Wichtigste am gemeinsamen Spielen ist.


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