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Die nächste Pandemie kommt auf jeden Fall - Schuld daran sei der Mensch

Ursprünglich bei Tieren vorkommende Krankheiten könnten in Zukunft immer öfter auf den Menschen überspringen
Ursprünglich bei Tieren vorkommende Krankheiten könnten in Zukunft immer öfter auf den Menschen überspringen

DMZ – WISSENSCHAFT ¦ David Aebischer 

 

Das Coronavirus hat seinen Ursprung im Tierreich - kein Einzelfall, zeigt nun ein Bericht der UNO. Solche Zoonosen werden sich auch in Zukunft ausbreiten. Schuld daran ist der Mensch. Allerdings gibt es auch andere Theorien. Das Coronavirus hat sich möglicherweise auf der ganzen Welt vorab in Abwässern befunden und tauchte auf, als die Umweltbedingungen für sein Gedeihen günstig waren. Und dieses erste Auftauchen – davon zumindest ist ein Epidemiologe der Universität Oxford überzeugt – erfolgte nicht in China.

 

Laut Dr. Tom Jefferson, Dozent für Evidenzbasierte Medizin an der Universität Oxford und Gastprofessor an der Universität Newcastle, gebe es immer mehr Hinweise dafür, dass sich das Virus schon an anderen Orten befand, bevor es in Asien auftauchte. Das sagte der Jefferson im Gespräch mit der britischen Zeitung «Telegraph».

 

Spanien und Brasilien

Spanische Virologen gaben unlängst bekannt, dass sie Spuren von Covid-19 in Abwasserproben gefunden hatten, die im März 2019 gesammelt wurden, rund neun Monate bevor die Infektionskrankheit in China auftrat. Italienische Wissenschaftler haben auch in Abwasserproben in Mailand und Turin ab Mitte Dezember Spuren des Virus gefunden, viele Wochen vor dem ersten bestätigten Fall in China. Offenbar wurden auch in Brasilien schon im November Spuren des Virus gefunden.

 

Oder doch China, aber wann?

Die Weltgesundheitsorganisation WHO indess hat ihre Darstellung zum Ausbruch der Corona-Pandemie ebenfalls geändert. Demnach erfuhr die Weltorganisation nicht wie ursprünglich berichtet von den chinesischen Behörden von dem neuartigen Virus, sondern von ihren eigenen Experten in der Volksrepublik.

In einer überarbeiteten Chronologie zum Seuchenverlauf heisst es nun, das WHO-Büro in China habe am 31. Dezember die Information weitergeleitet, dass es laut der Website der Gesundheitskommission von Wuhan in der chinesischen Millionenstadt eine "virale Lungenentzündung" gebe.

 

Die WHO hatte eine erste Fassung der Chronologie am 9. April veröffentlicht. Mit dem Text reagierte sie damals auch auf Kritik, sie habe zu spät auf die Corona-Infektionen reagiert. In der Ursprungsversion hiess es, die Gesundheitskommission der Stadt Wuhan habe am 31. Dezember über Fälle von Lungenentzündungen informiert. Wie diese Information die WHO in Genf erreichte, teilte die UN-Unterorganisation damals nicht mit. 

 

Die UNO bleibt bei der Theorie "Tier"

Ursprünglich bei Tieren vorkommende Krankheiten könnten in Zukunft immer öfter auf den Menschen überspringen - ähnlich wie das mit grosser Wahrscheinlichkeit beim neuartigen Coronavirus geschehen ist. Davor warnen das Uno-Umweltprogramm (Unep) und das International Livestock Research Institute (ILRI) in einem aktuellen Bericht.

 

"Wenn wir weiterhin die Tierwelt ausbeuten und unsere Ökosysteme zerstören, können wir in den kommenden Jahren einen stetigen Strom von Krankheiten erwarten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden", sagte Unep-Chefin Inger Andersen. Der Bericht zeigt, dass dazu unter anderem die zunehmende Nachfrage nach Fleisch, die steigende Urbanisierung und der Klimawandel beitragen.

 

Covid-19 ist nur ein Beispiel für den Anstieg von Zoonosen - also von Krankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen. Virologen gehen davon aus, dass es derzeit weltweit 40 Viren mit Pandemiepotenzial gibt. Das Coronavirus Sars-CoV-2 ist wahrscheinlich von Fledermäusen über ein anderes Tier auf den Menschen übergesprungen. Auch Ebola und Mers haben ihren Ursprung im Tierreich. Schleichkatzen stehen zudem im Verdacht, den eng mit dem aktuellen Coronavirus verwandten Sars-Erreger 2003 auf den Menschen übertragen zu haben.

 

"Eine höchst vorhersehbare Pandemie"

"Während viele auf der Welt von Covid-19 überrascht waren, waren wir, die über Tierkrankheiten forschen, es nicht", sagte Delia Randolph, eine Veterinär-Epidemiologin beim ILRI. "Dies war eine höchst vorhersehbare Pandemie."

Seit den Dreissigerjahren steigt die Zahl der Krankheiten an - rund 75 Prozent der neuen Leiden stammen von Wildtieren. Oft sind domestizierte Tiere wie Vieh die Überträger.

Für den Anstieg sind nach Angaben des Berichts mehrere menschliche Faktoren verantwortlich:

Die Nachfrage nach Tierproteinen und die damit verbundene Massentierhaltung steigen weltweit an. Dadurch werden immer mehr Tiere gezüchtet, die einander genetisch sehr ähnlich sind, was sie anfälliger für Infektionen macht.

Hinzu kommt eine zunehmende Ausbeutung der Tierwelt durch das Jagen, den Handel und den Verzehr wilder Tierarten. Durch die Globalisierung können sich die Zoonosen schnell weltweit verbreiten, das Risiko für eine Pandemie steigt. Das Bevölkerungswachstum und die rasante Urbanisierung lassen Städte anwachsen, Wälder werden abgeholzt - dadurch kommen Menschen immer mehr mit der Natur und Tieren in Kontakt.

 

Das BAG sieht Ursprung auch in China

Der örtliche Ursprung der Coronavirus-Epidemie ist für das BAG in China und wahrscheinlich ein Markt der zentralchinesischen Stadt Wuhan. Dort wurden nebst Fisch auch Fledermäuse, Schlangen und weitere Wildtiere gehandelt. Das Virus wurde von Tieren, wahrscheinlich von Fledermäusen oder indirekt via Schuppentiere, auf den Menschen übertragen. Seither wird das Virus von Mensch zu Mensch übertragen. Die chinesischen Behörden haben den Markt Anfang Januar 2020 geschlossen.

Das neue Coronavirus, genannt «SARS-CoV-2», gehört zur selben Virusfamilie wie sechs weitere, bereits seit Jahren oder Jahrzehnten beim Menschen bekannte Coronaviren. Dazu gehören vier menschliche Coronaviren. Sie lösen seit jeher meist im Winterhalbjahr Schnupfen und eher milde Erkältungen aus.

 

Zu den Coronaviren gehören auch:

das SARS-Virus «SARS-CoV-1», 2003 in Südchina von Zibetkatzen auf Menschen übertragen und

das MERS-Virus, 2012 auf der Arabischen Halbinsel von Dromedaren auf Menschen übertragen.

SARS und MERS sind schwere akute Atemwegserkrankungen mit einer hohen Sterblichkeitsrate: rund 10 beziehungsweise 35 Prozent. Zum Vergleich: Die Sterblichkeit beim neuen Coronavirus in der Schweiz liegt aktuell bei unter 3 Prozent.

 

Bei den Coronaviren handelt es sich um behüllte RNS-Viren (RNS = Ribonukleinsäure). Das heisst: Sie haben eine Lipidhülle (einen Fettfilm), die sich durch Seife und Wasser oder durch Desinfektionsmittel auflösen lässt. Dadurch werden die Viren inaktiviert.

 

UNO Theorie

In einigen Gegenden würden menschliche Aktivitäten die natürlichen Barrieren niederreissen, die Menschen einst vor diesen Erregern geschützt hätten, sagte Doreen Robinson, Leiterin der Abteilung für Wildtiere beim Unep.

 

"Als würde man nur die Symptome behandeln und nicht die Ursache"

Ein Beispiel dafür ist Ebola. Ausbrüche der gefährlichen Krankheit konnten sich früher nicht groß ausbreiten, weil weniger Menschen in einem Gebiet lebten und diese viel weniger mobil waren. Doch das ist heute anders. Der Ebola-Ausbruch im Osten der Demokratischen Republik Kongo konnte sich unter anderem wegen der Bevölkerungsdichte in der Region fast zwei Jahre lang halten.

Auch der Klimawandel befeuert den Anstieg der Krankheiten. Höhere Temperaturen können Erregern und Überträgern gute Bedingungen in neuen Regionen schaffen. So breitet sich beispielsweise die Tigermücke immer weiter gen Norden aus. Sie kann Infektionskrankheiten wie das Dengue- oder West-Nil-Fieber übertragen.

Die angesprochenen Probleme müssten ernst genommen und angegangen werden, um die Gefahr zunehmender Krankheiten wie Covid-19 zu reduzieren, mahnten die Forscher. Die Epidemien lediglich zu bekämpfen, wäre nicht nachhaltig. Das wäre, als würde man bei einem kranken Menschen "nur die Symptome behandeln und nicht die zugrunde liegenden Ursachen".

 

Der Kampf gegen Infektionskrankheiten gleicht einer Sisyphos-Aufgabe: Kaum hat die Medizin ein Heilmittel gegen einen Erreger gefunden, taucht irgendwo eine neue, unbekannte Seuche auf, gegen die wir nicht gewappnet sind. Wie dramatisch die Folge solcher Emerging Diseases sein kann, demonstriert nicht zuletzt HIV – ein Virus, an dem seit den 1980er Jahren mehr als 35 Millionen Menschen gestorben sind.

 

Gerade in den letzten Jahren wurde die Menscheit von gleich mehreren neuen Krankheiten und ihren Erregern heimgesucht, die Spanne reicht von Nipah, SARS und MERS bis zum Zika-Virus. Auch bei der Influenza entstehen durch Mutationen der Viren immer neue, gefährliche Stämme. Woher diese neu auftauchenden Seuchen kommen und wann eine Pandemie droht, wird weltweit intensiv erforscht.

Denn eine neue Pandemie scheint nur eine Frage der Zeit. „Es ist nicht so, dass ein ‚Andromeda Strain‘ irgendwann alles Leben auf unserem Planeten auslöschen wird“, sagt Daniel Brooks von der University of Nebraska-Lincoln. „Stattdessen wird es eine Menge lokalisierter Ausbrüche geben, die unsere medizinischen Systeme unter Druck setzen.“ Werde nicht rechtzeitig gehandelt, sei dies gewissermassen ein Tod der tausend kleinen Schnitte…

 

 

Quelle:

  • https://www.telegraph.co.uk/news/2020/07/05/covid-19-may-not-have-originated-china-elsewhere-emerged-asia/
  • https://www.un.org/en/coronavirus
  • https://www.ilri.org/publications/
  • https://www.unenvironment.org/news-and-stories/statement/preventing-next-pandemic-zoonotic-diseases-and-how-break-chain
  • https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/krankheit-symptome-behandlung-ursprung.html#:~:text=Der%20%C3%B6rtliche%20Ursprung%20der%20Coronavirus-Epidemie%20in%20China%20ist,wahrscheinlich%20von%20Flederm%C3%A4usen%20oder%20indirekt%20via%20Schuppentiere%2C%20
  • https://www.unl.edu/

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