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Literatur Festival "Die Rahmenhandlung - Interview mit Seraina Kobler von Dvora Ben-Haim

Seraina Kobler (Foto: zvg)
Seraina Kobler (Foto: zvg)

DMZ – KULTUR - Rahmenhandlung ¦

 

Ein wundervolles Projekt von Alon Renner, seines Zeichens Musik-Manager.

Er lädt in sein Haus ein für eine Lesung der ganz besonderen Art. Ein Literatur Festival mit 16 Lesenden, namhaften Autorinnen und Autoren und spannende Menschen die lesen. In den Schlafzimmern, in der Bibliothek und in der Wohnstube. Vom 27.08 – 30.08.20 findet das Festival "DIE RAHMENHANDLUNG

- AUSGEWÄHLTE HAUSGESCHICHTEN" in Zürich Wiedikon statt.

Wir publizieren eine spannende Interview-Serie - Wir haben die 16 Lesenden gebeten sich gegenseitig zu interviewen.

 

Interview mit Seraina Kobler

Von Dvora Ben-Haim

 

«Ich musste lernen, loszulassen»

Seraina Kobler, du warst viele Jahre lang Journalistin, zuletzt im Inland-Ressort der NZZ. Was hat dich dazu bewogen, die warme Redaktionsstube zu verlassen?

Da spielten verschiedene Faktoren. Einerseits war bei der Zeitung alles im Umbruch. Mein geschätzter Chef verliess das Haus. Andererseits war ich privat mit einer sehr schwierigen Situation konfrontiert. Je mehr Luft mir diese raubte, umso dringender wurde das Bedürfnis zu schreiben. Irgendwann, das war im Wochenbett mit meinem vierten Kind, habe ich einfach begonnen. Kurz vor Mitternacht habe ich die Kurzgeschichte dann bei einem Wettbewerb eingeschickt. Fünf Minuten vor Ablauf der Frist.

 

Und dann?

Die Geschichte hat tatsächlich gewonnen. Danach war klar: Ich wollte unbedingt weitermachen. Es hat dann jedoch ziemlich gedauert, bis ich wieder zur ursprünglichen Leichtigkeit zurückgefunden habe. Ich weiss nicht, ob das ein spezifisch weibliches Phänomen ist. Aber statt einfach zu schreiben habe ich einen Studiengang dafür absolviert und zahlreiche Ratgeber gelesen. Weil ich mich nicht kompetent genug fühlte. Nach zehn Jahren Journalismus. Das lustige daran, je mehr ich mich mit dem Schreiben beschäftigte, umso schwerer fiel mir das Schreiben. 

 

Dennoch veröffentlichst du bald dein Erstlingswerk «Regenschatten». Wie bist du dann schlussendlich auf die Idee für den Roman gekommen?

Ganz ehrlich? Zuerst mal gar nicht. Ich hatte drei verschiedene Projekte begonnen und jedes Mal war nach 50 Seiten fertig. Letztendlich hat es dann funktioniert wie in der Medizin: Nach dem Ausschlussverfahren. Vielleicht war aber auch genau das der einzige Weg, der zur Handlung führen konnte. 

 

Ist es also doch kein Klischee, dass Frauen mehr Mühe damit haben «Bücher mit Handlung» zu schreiben? 

Ich kenne zahlreiche Beispiele, die das Gegenteil beweisen. Aber tatsächlich kämpfte ich am Anfang damit, aus all den Reflexionen, Betrachtungen und Beobachtungen eine Geschichte zu bauen. Ein starkes Thema hatte ich mit der Megadürre und einer ungeplanten Schwangerschaft ja schon. Je mehr ich versuchte, künstlich einen Plot zu planen, umso schlechter wurde es. Ich musste lernen, loszulassen. Dann habe ich mich nochmals stark mit den Figuren beschäftigt. Eine ausführliche Anamnese gemacht. Sie die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen lassen. So habe ich nochmals ein ganz neues Gefühl für sie bekommen. 

 

Was war die überraschendste Sache, die du beim Schreiben deines Buches gelernt hast?

Geschrieben habe ich ja schon immer. Der ursprüngliche Auslöser dafür, in die Fiktion zu wechseln, war ein persönlicher Schicksalsschlag. Eine Ungerechtigkeit, die mein Weltbild eine ganze Weile lang auf den Kopf stellte. Eines Tages habe ich mich morgens im Spiegel angesehen. Die Geschichte begann, sich in meinem Gesicht zu manifestieren. Da habe ich angefangen. Und je mehr ich zu Papier brachte, umso klarer sah ich: Das war nicht die Geschichte, die ich erzählen wollte. Das befreiendste überhaupt war das Löschen. All die sinnlosen Seiten, die ich schreiben musste, um auf das zu kommen, was ich eigentlich sagen wollte. Irgendwann begann sich das zu verselbstständigen. Und was am Ende stehen blieb, dass war dann wirklich Fiktion.  

 

Mit welchen Themen setzt Du Dich als Schriftstellerin auseinander? Und dürfen wir eine solche Auseinandersetzung auch in denjenigen Texten erwarten, die Du während «Der Rahmenhandlung» vorliest?

Zeit und Vergänglichkeit sind zwei Dinge die mich beschäftigen. Vielleicht sind sie die stärksten Treiber überhaupt. Zumindest literarisch betrachtet. Deshalb wird es auch in der Geschichte, die ich lesen werde, um einen Ort gehen, an dem keine Zeit existiert.

 

Auf welche Vorlesung «Der Rahmenhandlung» freust du Dich besonders? Und warum?

Dvora, das ist wie wenn du fragen würdest: Welches deiner Kinder magst du am liebsten? :-) Ich freue mich auf alle! Und auf einen Gin Tonic at 5 o’clock mit ihnen (inkl. Sunil Mann) nach den Lesungen. 

 

Seraina Kobler ist Journalistin und Autorin, sie liebt den Duft von frisch gemahlenem Kaffee, Flussbäder und den Blick auf die uralte Esche, die vor dem Fenster ihres Schreibateliers in der Zürcher Altstadt steht. 

 

 


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