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Der Wein wird anders werden

Peter Schödler (Quelle: pd/mario)
Peter Schödler (Quelle: pd/mario)

DMZ – LANDWIRTSCHAFT ¦ Urs Heinz Aerni ¦

 

An den Rebhängen in Villigen (Aargau) fallen Wanderern Reben auf, die etwas wilder wirken. Dazu führt eine Behandlungstechnik, die vielleicht eine Zukunft hat. Weinbauer Peter Schödler von Besserstein Wein AG erklärt im Interview die Hintergründe.

 

Urs Heinz Aerni: Herr Schödler, hier am Berg in Villigen gibt es Reben, die irgendwie äußerlich auffallen. Irgendwie wilder. Sie wenden hier die Technik „Nullschnitt“ oder „Minimalschnitt“ an. Was hat Sie dazu bewogen, dieses Technik?

Peter Schödler: Es ist eine Art „Minimalschnitt“. Schneiden müssen wir zwar immer noch, aber wir lassen dabei wesentlich mehr Rebholz stehen. Dafür ändert sich die Pflege während der Vegetationsperiode enorm. Die ganze Rebe wächst fast uneingeschränkt und bietet viele Vorteile.

 

Aerni: Zum Beispiel?

Schödler: Soll die Rebe so wesentlich weniger anfällig auf Fühjahrsfröste und Hagel sein, weiter soll die Handarbeit deutlich reduziert werden können. Ausserdem sollen kleinere Trauben und Beeren wachsen, was den Anteil der Beerenhaut prozentual erhöht und so der Weinqualität zu Gute kommen soll. Und nun hat sich mir die Gelegenheit ergeben rund 20a einer bestehenden Rebanlage als Versuch umzustellen. Ich bin gespannt, ob die antiautoritäre Reberziehung hält, was sie verspricht.

 

Aerni: Wir sind gespannt. Durch das Schneiden der Reben wird eine Forcierung des Fruchttriebes ausgelöst. Zum Teil kennt man das ja bei Obstbäumen, die bei Stress noch mehr Blüten und Früchte produzieren zwecks Arterhaltung. Ist dieser Vergleich korrekt?

Schödler: Im Prinzip ja, aber die Reben lassen sich nicht direkt mit dem Obstbau vergleichen. Im Qualitätsweinbau steht nicht die Masse sondern die gewünschte Reifung im Vordergrund.B ei der konventionellen Reberziehung wird die Traubenmenge durch starken Schnitt und Reduzierung der Triebzahl kontrolliert. So wachsen weniger, dafür grössere Trauben. In der Versuchsanlage hingegen haben wir viel mehr Rebholz und auch viel mehr Triebe. Dementsprechend ist die Traubenzahl auch sehr viel höher. Entweder bleibt die Traubenmenge gleich, weil die einzelnen Trauben kleiner sind oder wir müssen die Trauben im Sommer von Hand oder mechanisch reduzieren. Die Rebe darf zwar wachsen wie sie will, aber die Traubenmenge muss trotzdem kontrolliert werden. Darauf liegt das Augenmerk bei der Versuchsanlage.

 

Aerni: Nicht herkömmlich geschnittene Reben wirken unordentlicher, das Holz wird älter und dicker. Eigentlich ein schönes Bild. Lauern hier jedoch auch Gefahren?

Schödler: Vom Bild her ist es schon etwas anders. Man hat praktisch schon zwei Wochen nach dem Austrieb eine volle Laubwand. Der Nachteil ist, dass man schon etwas genauer hinsehen muss, denn die Trauben sind im dichten Laub verteilt. Das erschwert die Kontrolle und Bewertung der Traubengesundheit. Ausserdem ist es sehr viel heikler die Traubenmenge im Griff zu haben. Da müssen wir die richtigen Eingriffe zur richtigen Zeit herausfinden. Bei der Kirschessigfliege sind noch ein paar Fragezeichen offen, denn eigentlich mag sie den Schatten unter den Blättern. Wir werden sehen, wie gut ihr die Trauben schmecken...

 

Aerni: Die Wildform der Reben überlebte ganze Epochen der Menschheitsgeschichte, allerdings mit weniger Früchten. Würde der Druck des Marktes eine Rückbesinnung auf Wildreben überhaupt zulassen?

Schödler: Auch wenn in der Versuchsanlage „wilde“ Reben stehen, so sind es keine Wildreben. Ohne die Arbeit des Winzers gibt es keine Qualitätsweine. Das fängt bei der Züchtung der Rebsorten an und hört im Weinberg mit der Reberziehung und der Ertragsregulierung nicht auf. Auch hier gilt: ohne Fleiss kein Preis.

 

Aerni: Die gesellschaftliche Forderung nach Nachhaltigkeit und mehr Verantwortung gegenüber der Biodiversität an die Landwirtschaft ist deutlich. Wie stehen Sie dazu?

Schödler: Die sogenannten Oekoflächen auf meinem Betrieb betragen über einen Viertel der Fläche, was die Bedeutung schon erklärt. Villigen hat da sehr viel zu bieten. Über die Hälfte unserer Reben sind Rebflächen mit natürlicher Artenvielfalt, dazu auch artenreiche Jurapark-Rebflächen, die noch höhere Anforderungen haben. Weinberge sind ja eigentlich Eingriffe in die Natur. Die Schweiz wäre praktisch zu 100% bewaldet, wenn unsere Vorfahren nicht Äcker, Wiesen und Weinberge angelegt hätten. So gesehen hat die Landwirtschaft erst diese wertvollen, weil verschiedenen Lebensräume geschaffen. Wir arbeiten mit der Natur, das ist eine Win-Win-Situation.

 

Aerni: Könnte die Minimal-Schnitt-Technik im Weinbau eine Zukunft haben? Wenn ja, was müsste auf dem Markt anders werden?

Schödler: Das wollen wir mit diesem Versuch herausfinden, mit der Rebe und bei der Weinbereitung. Der Markt will guten Wein zu einem günstigen Preis. Der Foifer und das Weggli ist bekanntlich nicht zu haben, deshalb setzen wir mit Besserstein Wein seit Anfang an auf die Karte Qualität. Das macht mehr Spass. Der Konsument bekommt von der Technik im Rebberg sehr wenig mit. Da zählen Arbeitsaufwand, Ertragssicherheit und betriebswirtschaftliche Überlegungen. Inwiefern sich die antiautoritäre Reberziehung durchsetzen wird, wird sich zeigen. Ich bin bis jetzt jedenfalls positiv überrascht und bin gespannt auf den Jahrgang 2020.Gerne können Interessierte sich selber vor Ort ein Bild machen.

 

Aerni: Was erwartet Sie bei der herbstlichen Lese im Berg der – sagen wir mal – etwas wilderen Reben?

Schödler: Die ersten zwei Jahre nach einer solchen Umstellung des Erziehungssystems sind noch nicht ganz repräsentativ. Es wird sehr viel vom Erfolg der Ertragsregulierung abhängen. Und das Herbstwetter ist halt auch sehr wichtig. Auf jeden Fall erwarte ich einige Überraschungen im Vergleich zum konventionellen System. Es ist ja schon ziemlich unbekanntes Terrain. Im Moment kann ich nicht mehr berichten, ich bin auch gespannt.

 

Infos

Der Minimalschnitt könnte auch als Naturwuchs mit System umschrieben werden. Wie diese Anbautechnik sich entwickeln wird auch in Sachen Qualität und Absatz, wird von der Weinbauforschung beobachtet. Diese Technik geht zurück in die 1930er Jahren, auf Versuche einer Kalifornischen Universität, was dann später vor allem in den Oststaaten der USA und in Australien weitergeführt wurde unter anderem auch aus Mangel an Arbeitskräften. Wie sich diese Umstellungen auf die Qualität von Weinen auswirken, wird sich zeigen.

Peter Schödler gehört der Geschäftsleitung der Besserstein Wein AG an, mit Sitz in Villigen. Das Unternehmen versammelt die Winzer und ihre Rebberge rund um den Besserstein, ein Gebiet, das zum Aargauer Jurapark gehört. Regelmässig finden im firmeneigenen Gebäude in Villigen Veranstaltungen, Degustationen und Bewirtungen statt. www.besserstein-wein.ch.


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