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Schulen und Kitas spielen doch eine gewichtige Rolle im Corona-Geschehen

DMZ – WISSENSCHAFT ¦ Anton Aeberhard ¦

 

Bisher beteuerten viele (vor allem aus Politik und Wirtschaft), dass die Schulen keine Corona-Hotspots seien und deren „strengen Hygiene- und Infektionsschutzmassnehmen“ wirkten. Aktuelle Daten von den Gesundheitsämtern zeichnen allerdings ein ganz anderes Bild: Danach gehören Schulen durchaus zu den relevanten „Infektionsumfeldern“. Elf Prozent der nachvollziehbaren Infektionsketten beginnen dort.

 

Die Gesundheitsämter kommen offenbar bei der Rückverfolgung von Infektionsketten immer öfter nicht mehr hinterher. In 43 Prozent der Fälle, so berichtet die „Rheinische Post“ unter Berufung auf einen Lagebericht der NRW-Gesundheitsämter zur Woche vom 24. bis 30. September, blieb das „Infektionsumfeld“ unklar. Trotzdem wird aus den Daten deutlich, dass Feiern und Reisen nur noch eine geringe Rolle im Infektionsgeschehen spielen – die meisten der nachvollziehbaren Infektionsketten, nämlich 35 Prozent endeten in der Rückverfolgung in „privaten Haushalten“, gefolgt vom Arbeitsplatz (13 Prozent) sowie von  Schulen und Kitas (11 Prozent). In sechs Prozent seien Krankenhäuser oder Pflegeheime ermittelt worden.

 

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hat Ländern und Kommunen einen widersprüchlichen Umgang mit den Corona-Regeln für Schulen vorgeworfen. Der Regelbetrieb laufe vielerorts weiter, obwohl in Städten und Regionen immer häufiger der kritische Wert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche überschritten werde, sagte Meidinger der „Rhein-Neckar-Zeitung“ (Heidelberg). „Bei diesem Wert müsste es eigentlich eine Rückkehr zum Wechselbetrieb mit halbierten Klassen geben.“ Er kenne aber kaum eine Kommune, die entsprechend handele.

 

Robert-Koch-Institut bestätigt: Es gibt mehr Ausbrüche an Schulen

Und das Infektionsgeschehen in Deutschland verschärft sich weiter – mit dramatischer Geschwindigkeit: Letzten Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut bundesweit mit 6.638 Neuinfektionen einen neuen Rekordwert für Deutschland, auch in NRW wurden mit 1.213 neuen Fällen im Sieben-Tages-Schnitt so viele Neuinfektionen wie nie registriert. Weil von der Infektion, Testung, Ergebnisermittlung und Veröffentlichung bis zu zehn Tage verstreichen, spiegeln die Daten das Geschehen aus der Zeit vor den Herbstferien.

 

Noch am Mittwoch behauptete NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer: Die Erfahrungen der vergangenen Wochen hätten gezeigt, dass an den Schulen des Landes kein unkontrolliertes Infektionsgeschehen festzustellen sei und Schulen keine Hotspots seien. "Ganz im Gegenteil: Die strengen Hygiene- und Infektionsschutzmassnahmen werden eingehalten und wirken."

Heute hat das Redaktionsnetzwerk Deutschland unter Berufung auf die Kultusministerien der Länder relativierende Daten veröffentlicht, die zeigen sollen, dass seit den Sommerferien „nur relativ wenige“ Schüler von Corona-Infektionen betroffen seien. Demnach waren in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und Bayern offiziell rund 0,04 Prozent der Schüler mit dem Coronavirus infiziert. 

 

Datensammlungen machen das Ausmass des Infektionsgeschehens an Schulen deutlich

Das Ausmass lässt sich aufgrund von zwei Datensammlungen erahnen. Zwei Initiativen – eine davon von einer Lehrerin aus Hamburg – sammeln unabhängig voneinander Medienberichte zu Corona-Fällen an Schulen. Als Ausbrüche werden dabei nur solche Fälle aufgenommen, bei denen mehrere Infizierte gleichzeitig an einer Schule offiziell festgestellt werden, was Ansteckungen innerhalb der Schule vermuten lässt. In der ersten Datensammlung lassen sich bundesweit 120 Schulen ausmachen, bei denen drei bis fünf infizierte Schüler und Lehrer gemeldet wurden, 73 Schulen, bei denen fünf bis neun Infektionen auftraten, 33 Ausbrüche mit offiziell zehn bis 19 Betroffenen und sechs Schulen, die mit jeweils mehr als 20 offiziell Infizierten als Hotspots gelten können. Vier Schulen aus Nordrhein-Westfalen sind unter diesen Hotspots.

 

Aus der anderen Datensammlung, die nach Monaten der Meldung trennt, ergibt sich allein für Oktober ein ähnliches Bild. An fast 1.000 Schulen bundesweit (995) traten danach einzelne Infektionen auf; an 297 Schulen wurden mehrere Fälle gleichzeitig registriert. An 99 Schulen wurden Quarantänemassnahmen verhängt, ohne dass Infektionszahlen dazu veröffentlicht wurden. Auch die Kitas sind betroffen: 217 mit Einzelfällen, 25 mit mehreren Infektionen – und 129, bei denen Quarantäne verhängt wurde, ohne den Grund dafür zu nennen.

 

NRW-Städte melden: Schulen sind bei uns die Treiber des Infektionsgeschehens

Dazu passen die Meldungen von NRW-Kommunen aus der vergangenen Woche: Die NRW-Städte Wuppertal, Hagen und Gladbeck hatten vor den Herbstferien wieder eine Maskenpflicht auch im Unterricht der weiterführenden Schulen eingeführt. Zwei der drei Kommunen räumten dabei – als erste in Deutschland – ein, dass sich Schulen als Corona-Hotspots erweisen. „Bei uns spielt sich das Infektionsgeschehen an den Schulen ab“, hiess es zum Beispiel in Gladbeck. 

 

Schon länger machen Lehrervertreter Druck, um einen wirksameren Schutz gegen das Coronavirus zu erzielen. Erst am Montag hatte die Vorsitzende des nordrhein-westfälischen Philologenverbands, Sabine Mistler gefordert: „Ein „Weiter so“ darf es nach den Herbstferien nicht geben.“ In Deutschlands grösstem Bundesland, in dem es viele Corona-Hotspots gibt, enden an diesem Wochenende die Ferien.

Das von der Kultusministerkonferenz empfohlene regelmässige Stosslüften reiche nicht aus, sagte Mistler weiter. „Schülerinnen und Schüler sollten in beheizten Klassenzimmern lernen, nicht in Kühlräumen.“ Angesichts steigender Infektionszahlen sollte auch die Wiedereinführung der Maskenpflicht im Unterricht kein tabu sein.


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