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Covid-19 - Genesen, aber nicht gesund - die Spätfolgen

DMZ – MEDIZIN / WISSENSCHAFT ¦

 

Experten beobachten mit wachsender Beunruhigung eine Vielfalt von anhaltenden Symptomen bei Covid-19 Patienten.

 

In den letzten Wochen mehren sich Medienberichte über Menschen, die unter andauernden Symptomen nach einer durchgemachten Corona-Infektion leiden. Zum einen scheint es zu Schäden an Lunge, Herz und Nervensystem zu kommen. Es wird aber auch vermehrt von langanhaltenden postviralen Symptomen berichtet. Der Spiegel schreibt jüngst, dass nach Untersuchungen des Londoner Kings College von mehr als 200.000 Covid-19 Patienten jeder zehnte Patient unter Folgeproblemen leide.

 

Forscher aus Rom beschreiben sogar, dass 87 % der untersuchten Krankenhauspatient:innen noch nach zwei Monaten mindestens ein postvirales Symptom habe. Die in Medienberichten und von den Forschern beschriebenen Symptome der Betroffenen sind vielfältig:

  • Erschöpfung
  • Kopfschmerzen
  • Geruchsverlust oder Brandgeruch
  • Atembeschwerden
  • Schwindel
  • Durchfall
  • Hautausschlag
  • Muskelschmerzen
  • Halsschmerzen
  • Übelkeit
  • Herzrasen nach kleinster Anstrengung
  • plötzlich auftretende Lähmungserscheinungen
  • schwere Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • auch Fieber könnte noch nach Monaten auftreten.

Ähnliches beschreibt der selbst an Covid-19 erkrankte britische Arzt Professor Garner im Blog des Medizinjournals BMJ. Nach einer siebenwöchigen Genesungsphase erholte sich der Arzt nicht mehr. Immer, wenn er wieder aktiv wurde, z. B. nach einem kleineren Spaziergang oder einem Onlinekurs, kamen laut seinem Blog-Eintrag die Symptome zurück: Tinnitus, Kopfschmerzen, ein »benebelter« Kopf, und vor allem eine extreme Erschöpfung, die den Arzt tagelang ans Bett fesselte.

 

Man kann die Corona-Spätfolgen in zwei Arten unterteilen. Es gibt Patienten, die unter Organschwächen leiden. Ihr Herz oder ihre Lunge sind nur eingeschränkt leistungsfähig. Auch viele Wochen nach dem Abklingen der Infektion stellt man oft noch Veränderungen an der Lunge fest. Auf dem Computertomografen erkennt man in solchen Fällen milchglasartige Trübungen. Diese Patienten leiden unter Luftnot oder Kurzatmigkeit. Das ist die eine Gruppe. Die andere Gruppe sind Patienten, die über sehr unterschiedliche Beschwerden klagen, die unter der Bezeichnung Post-Covid-Syndrom zusammengefasst werden. Viele fühlen sich nach der Infektion ständig kraftlos und erschöpft, eine anhaltende Müdigkeit hat die Patienten im Griff. Andere können sich nur schwer konzentrieren, haben regelmässig Albträume, sind plötzlich sehr vergesslich. Bei einigen ist auch der Geschmackssinn gestört.


Etwa 15 Prozent aller Covid-Patienten haben diese Probleme mit dem Geschmackssinn. Sie halten bei vielen auch über einen sehr langen Zeitraum an. Viele, die noch nach sechs Monaten nach ihrer Erkrankung untersucht werden, haben diese Beschwerden noch immer. Die Patienten versalzen ihr Essen regelmässig. Die Erfahrung zeigt, dass der Geschmackssinn für Süsses etwas schneller zurückkehrt.

Oft werden die Betroffenen mit ihren Beschwerden im Medizinbetrieb nicht ganz ernst genommen. Sie werden als Spinner abgetan. So fühlt es jedenfalls für die Patienten an, wenn ihnen gesagt wird, dass man ihnen nicht helfen kann mit ihrer Müdigkeit, mit den Konzentrationsschwächen und den Geschmacksstörungen.

Das Post-­Covid-Syndrom hat nichts mit der Schwere der Grunderkrankung zu tun. Es gibt vor allem Patienten, die einen milden Krankheitsverlauf im häuslichen Umfeld durchgemacht haben und dann dennoch Beschwerden behalten.

 

Die Spätfolgen können alle treffen. Es werden auch viele junge Menschen, die einen milden Corona-Verlauf hatten und nun seit Monaten unter schweren Langzeitwirkungen leiden, behandelt. Man muss der jungen Generation deutlich machen: Für die Spätfolgen spielt das Alter überhaupt keine Rolle.

ME/CFS EXPERTEN RATEN, DIE SYMPOME ERNST ZU NEHMEN

Prof. Scheibenbogen, Immunologin und Expertin für (postvirale) Fatiguezustände an der Charité Berlin, erörtert in der Berliner Zeitung, dass schon nach der SARS-Epidemie 2004 ca. 40 % der Erkrankten chronische Folgesymptome entwickelten, 27 % seien später mit Myalgische Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue Syndrom (ME/CFS) diagnostiziert worden. Die Daten gehen zurück auf eine Studie der Universität Hong Kong.

Ob es sich bei den postviralen Symptomen nach einer durchgemachten Corona-Infektion um ME/CFS handelt, ein verwandtes Syndrom oder ein anderes Krankheitsbild ist zu diesem Zeitpunkt noch unklar. Prof. Scheibenbogen sagt hierzu in der Welt: »In den ersten Wochen und Monaten nach einer überstandenen Viruserkrankung sind viele nicht so leistungsfähig wie zuvor und leiden auch unter der einen oder anderen kognitiven Störung. Bei den meisten verschwindet das aber wieder. Wir sprechen deshalb in den ersten sechs Monaten nach einer Infektion zunächst nur von einer postviralen Fatigue. Erst danach ist die Diagnose einer chronischen Erkrankung, also von CFS, möglich.«

 

In der Tat gibt es Ähnlichkeiten. Auch ME/CFS beginnt häufig nach einer Infektion (meist nach einer EBV-Infektion, aber auch Fälle nach Enteroviren oder Q-Fieber sind bekannt). Ein Teil der Post-Covid-19-Patienten, darunter auch Professor Garner, beschreiben eine massive Erschöpfung und vor allem Symptomverschlimmerung nach Aktivität. Sie ähnelt von der Beschreibung der postexertionalen Malaise, dem Kardinalsymptom von ME/CFS. Prof. Garner äußert sich beunruhigt, dass viele Betroffene und ihre behandelnden Ärzte nicht erkennen, dass das Wiederauftreten der Symptome (bei dieser Gruppe) durch Überlastung ausgelöst werden könne und ausgiebige Schonung notwendig sei. Gegenüber der britischen BBC sagte er: »Wieder zurück zur Arbeit zu eilen, weil man es muss, erhöht die Wahrscheinlichkeit wieder krank zu werden und verzögert wahrscheinlich die Erholung und ich glaube, das haben die Menschen nicht richtig durchdacht.«

 

 

 

Quellen:


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