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Die Familie und Arbeitgeber haben auch Internet!

DMZ – DIGITAL / RECHT ¦ David Aebischer ¦

KOMMENTAR

 

In den letzten Monaten muss man sich die Augen noch öfter und heftiger reiben als noch vor der Pandemie. Was online alles abgesondert wird, hat kaum mehr Grenzen. Was die User aber zu vergessen scheinen, ist die Tatsache, dass u.a. auch die Familie und die ArbeitgeberInnen und Arbeitskollegen und -kolleginnen mitlesen. Viele Menschen haben sich mit ihren Posts und Kommentaren bereits die Karriere ruiniert, wurden strafverfolgt, haben Freunde verloren, Familienstreitigkeiten und andere Streitigkeiten heraufbeschwört oder sich einfach dermassen verrannt in eine Sache, dass sie niemand mehr ernst nimmt. Kurz: Die Welt liest mit, also VORSICHT!

 

Facebook, Twitter, Instagram und alle anderen Plattformen machen Privates sichtbar – auch für Familie, Freunde und den Arbeitgeber. Das kann unliebsame Folgen haben.

 

Die Pandemie ist die Stunde der Verschwörungserzählungen

Freunde teilen plötzlich absurde Theorien oder kommentieren alles sehr aggressiv. Der eigene Vater schickt ein YouTube-Video, das vor angeblich finsteren Hintergedanken der Regierung warnt. Alte Bekannte installieren die Messenger-App Telegram und treten dort Gruppen bei, in denen ständig neue Mythen zum Coronavirus in die Welt geschleudert werden. Was ist mit diesen Menschen passiert, die man zu kennen glaubte?

Dass Menschen in nahezu beliebiger Weise verführbar sind, zeigen historische Ereignisse wie die Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, der Terror der Nazis und Kommunisten. Zu allen Zeiten, besonders aber seitdem die Menschen sesshaft wurden und in grösseren Gemeinschaften leben, sind sie verführbar durch Irrlehren, Hasstiraden und Manipulationen aller Art. Hier spielen charismatische, narzisstische Persönlichkeiten eine tragische Rolle und die Medienflut der postmodernen Welt inflationiert alles noch obendrein, macht es also durch die leichte globale Verbreitung noch riskanter und unberechenbarer.

 

Die Pandemie wird von einer „Infodemie“ begleitet

Die Erklärungen für die Corona-Pandemie, die im Netz kursieren, sind mindestens abenteuerlich. Hinter dem Virus stecke der Milliardär Bill Gates, heisst es etwa. Der verfolge einen Geheimplan, um der gesamten Menschheit durch Impfungen einen Mikrochip zu implantieren. Auch einen Zusammenhang mit Mobilfunkstrahlung, die das Immunsystem schwäche, wollen einige ausmachen.

Angebliche Belege, die Verschwörungsideolog:innen für ihre Behauptungen liefern, beruhen auf Missverständnissen oder sind schlichtweg erfunden. Dass tausende Menschen sie nun dennoch glauben, scheint geradezu lachhaft. Die Pandemie, sie wird begleitet von einer „Infodemie“, wie die Weltgesundheitsorganisation es nannte. Doch die Lage ist ernst. Denn die Mythen sind nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit, sondern auch für das soziale Umfeld der Betroffenen.

 

Addiction sagt dazu: "Die wichtigsten psychologischen Anfälligkeiten für Verschwörungsmythen liegen im Bereich der psychischen Defizite und Störungen. Diese als Vulnerabilitäten für irrationales Denken verstehbaren Hintergründe sind den Betroffenen in der Regel nicht bewusst und können erst durch Selbstreflexion und Psychotherapie erschlossen werden:

(1) Narzisstisch

(2) Antisozial

(3) Mangelnde Emotionsregulationskompetenz, leichte Erregbarkeit, Impulsivität

(4) Trait-Angst

(5) Minderintelligenz

(6) Manipulierbarkeit, Suggestibilität

(7) Soziale Ansteckung, Gruppenzugehörigkeit, Minderheiteneffekt

(8) Identitäts- und Selbstwertprobleme

(9) Kognitive Stile: Rigidität, geringe Ambiguitätstoleranz

(10) Paranoider, schizotypischer Persönlichkeitsstil

(11) Wahnhaftes, psychotisches Denken und Empfinden

 

Die Vielfalt der möglichen psychologischen Hintergründe zeigt, dass bei Verschwörungs-theoretikern sehr viele Ursachen zusammenkommen können, divergierende Motive und Umstände, aber ein homogenes Ziel vorherrscht: Unwiderlegbar Recht zu haben gegen die bestehende Ordnung oder die mehrheitliche Realitätskonstruktion."

Dass der Glaube an Verschwörungstheorien mit Bildungsstand und – zumindest in Amerika – politischer Gesinnung zusammenhängt, sagt eine Studie des U.S.-amerikanischen Pew Research Centers.

 

Wieso sollten Arbeitgeber, Firmen nicht auch soziale Netzwerke und Google nutzen, um mehr über Bewerber zu erfahren, als sie in Motivationsschreiben und Lebenslauf preisgeben. Oder zu sehen, wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ticken. Dass hochgeladene Verschwörungstheorien, politische Ansichten, Erotik- oder Partyfotos oder Hate Speech auch von anderen Nutzern und eben Arbeitgebern und Familienmitgliedern (Kindern!) dieser Welt gesehen werden, geht häufig vergessen. Hate Speech (deutsch: Hass-Sprache oder Hass-Rede) ist ein Oberbegriff für das Phänomen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit oder Volksverhetzung im Internet. Täterinnen und Täter beleidigen andere Menschen, werten sie ab oder greifen sie an. Zum Teil rufen sie zu Hass oder Gewalt auf. Aber ACHTUNG! Kommentare können strafbar sein. Seit der Corona Pandemie scheint es im Netz regelrecht auszuarten. Die Kommentare werden immer heftiger. Natürlich sind solche Kommentare in den meisten Fällen auf persönliche Defizite zurückzuführen, das ändert aber nichts oder macht es für Täterinnen, Täter und Opfer dadurch besser .

Hate Speech ist eine Form von psychischer Gewalt. Sie kann bei den Betroffenen zu Erkrankungen wie Depressionen oder Schlafstörungen führen.

 

Internet: Nachdenken, bevor man postet

Allzu schnell kann man bei Facebook etwas veröffentlichen, was man hinterher bereut. Beiträge kann man zwar wieder löschen, allerdings hat das Netz sie vielleicht schon gelesen. Deshalb sollte man zunächst in Ruhe über mögliche Folgen Posts, Kommentars nachdenken, bevor man etwas veröffentlicht. Das gilt auch beim Teilen von Beiträgen. Der Begriff "Meinungsfreiheit" oder besser "Meinungsäusserungsfreiheit" wird oft von Menschen bemüht, die bereits wissen, dass sie etwas anderes posten. An dieser Stelle aber ein Wort zum Thema Meinungsfreiheit und Corona: Kritik an bestimmten Massnahmen und dem Umgang der Regierung mit der Krise auszuüben, ist legitim. Achtung Wortwahl! Fake News zu verbreiten, Verschwörungstheorien zu teilen und Corona zu leugnen hat jedoch wenig bis gar nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Denn diese Art der „Meinungen“ basiert auf haltlosen Fakten, Lügen und Hetzerei. Abgesehen davon sollte jeder sich überlegen, wie er berechtigte Kritik zum Ausdruck bringt.

 

Leben: Coronaleugner stellen Gefahr für Arbeits- und Familienklima dar?

Das Thema Corona ist seit Monaten unser ständiger Begleiter und ein häufiges Gesprächsthema – auch am Arbeitsplatz. Diskussionen sind vorprogrammiert, besonders wenn sich unter den Kollegen Coronaleugner befinden. Doch was tun, wenn der Büronachbar die Schutzmassnahmen belächelt, Verschwörungstheorien und zwielichtige Statistiken als Argumente nutzt und sich vor wissenschaftlichen Fakten verschliesst? Wie reagiert man, wenn jemand in der eigenen Familie so tickt? Demjenigen einen Aluhut schenken? Oder ein Kochbuch von Attila Hildmann? Lieber nicht.

Diskussionen mit Personen, die nicht offen für Gegenmeinungen sind, führen ins Nichts. Und auch wenn kleine Spitzen wie die genannten Geschenke im ersten Moment lustig scheinen, sorgen sie am Ende bloss für noch mehr dicke Luft.

 

Anstatt sich also den ganzen Tag über Coronaleugner im Kollegenkreis zu ärgern und zu zulassen, dass das Arbeitsklima immer schlechter wird, sollte sich auf das professionelle Miteinander beschränkt werden. Wenn Kollege Coronaleugner doch einen seiner Vorträge halten möchte, sollte dies direkt im Keim erstickt werden – zum Beispiel, indem man einfach weggeht. Bei Verletzungen der Schutzmassnahmen hingegen, ist es völlig legitim den Kollegen darauf aufmerksam zu machen, zu tadeln oder im Notfall auch den Vorgesetzten zu informieren. Schliesslich geht es dabei um die Sicherheit aller Mitarbeiter.

 

An Fakten orientieren

Man sollte sich jeweils an Fakten orientieren. Und nein, das ist kein dehnbarer Begriff. Was unterscheidet also Fakten von Nicht-Fakten? Ein Fakt ist eine Tatsache, die belegt werden kann.

Ein Nicht-Fakt dagegen kann eine persönliche Meinung sein, die auf Gefühle und/oder Wertvorstellungen eines Menschen basiert. Oder es ist einfach eine Lüge. Auf Grund der Informationsüberdosis und den unzähligen Quellen im Netz sind sie heute präsenter als früher. Und verbreiten sich häufig viel schneller als Fakten. Also ganz einfach sich an Fakten zu orientieren, statt die immer selben, falschen und haltlosen Theorien zu wiederholen oder posten.

 

Verschwörungstheorien funktionieren nach allgemeinen Regeln

Der Ausgangspunkt jeder Verschwörungstheorie ist eine Geheimgesellschaft, der man böse Machenschaften und schreckliche Vorhaben unterstellt. Das bildet die These, die über der Verschwörungstheorie steht. Alles, was die These stützt, tragen die Autoren der Theorie zusammen. Was der These widerspricht, lassen sie schlicht unter den Tisch fallen.

Die Zahlen oder Fakten, die sie verwenden, sind leicht nachprüfbar. Nur die Schlussfolgerungen, die aus dem ganzen Zahlen- und Datenmaterial gezogen werden, sind falsch. Oft deuten die Verschwörungstheoretiker wahre Ereignisse so um, dass sie zur Theorie passen.

Wirkungsvoll ist es, die Wissenschaft in Frage zu stellen und zu attackieren. Denn die Theorie braucht nur den Anstrich von Authentizität. Grosse Wirkung erzielen Verschwörungstheorien auch damit, ihre Gegner zu dämonisieren.

 

Unter dem Strich ist eine Verschwörungstheorie also eine Mischung aus einigen nachprüfbaren Fakten und vielen erfundenen Behauptungen und Geschichten, aus denen immer neue Sinnzusammenhänge konstruiert werden. Ein Faktor, der beeinflusst, ob Menschen an Corona-Verschwörungstheorien glauben oder nicht, ist laut einer Studie der Universität Heidelberg, in der über 1.300 Teilnehmer online befragt wurden, die Akzeptanz und Befolgung von Anti-Corona-Massnahmen.

 

Verantwortung

Die Behauptungen einer Verschwörungstheorie sind nie letztendlich beweisbar oder widerlegbar und können daher auch nicht als Theorie im wissenschaftlichen Sinne, sondern nur als Mythos oder Narrative betrachtet werden. Wir leben in einem Zeitalter des täglichen Informationskonfettis und Informationsoverkills, was vielfach auch Fakedemie bedeutet. Fake-Meldungen haben sich explosionsartig vermehrt, werden für politisch-manipulative Zwecke eingesetzt, bedrohen die demokratischen Zivilgesellschaften und verwirren vulnerable Personen besonders. Nicht zuletzt auch deshalb, sind wir mitverantwortlich Sorge zu tragen, abzuwägen, zu recherchieren, sich sicher zu werden und dann erst einen Post abzusetzen. Man ist es sich und der Gesellschaft einfach schuldig.

 

Die Verbreitung von Verschwörungstheorien wird mit Sorge betrachtet. Und die Corona-Pandemie hat ihnen medial noch einmal Auftrieb gegeben. Bereits vor der Pandemie hat die Konrad-Adenauer-Stiftung in einer repräsentativen Befragung erhoben, wie verbreitet der Zweifel an etabliertem Wissen und der Glaube an Verschwörungstheorien war.

Es geht nicht nebeneinander und schon gar nicht gegeneinander, es geht nur miteinander. 


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