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Covid-19-"Laien" Streeck, Gassen und Schmidt-Chanasit melden sich zu Wort und gaukeln Einigkeit vor - Ärzte stellen sich klar gegen das Trio

DMZ – WISSENSCHAFT / POLITIK ¦ Walter Fürst ¦

KOMMENTAR

 

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hat vor einem bundesweiten Lockdown gewarnt. Wichtig sei eine starke Akzeptanz für Corona-Massnahmen. Der Virologe Hendrik Streeck forderte zudem einen besseren Schutz der Risikogruppen.

 

Ein Zusammenschluss von Ärzten und Wissenschaftlern hat sich gegen bundesweite Einschränkungen des Alltagslebens zur Eindämmung der Corona-Pandemie ausgesprochen. "Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. Doch viele Ärzte und medizinische Berufsverbände sind irritiert und verärgert über die Stellungnahme mit dem Titel "Gemeinsame Position von Ärzteschaft und Wissenschaft", die am Mittwoch auf einer Pressekonferenz von KBV-Chef Andreas Gassen, Hendrik Streeck, Jonas Schmidt-Chanasit und dem stellvertretenden KBV-Vorsitzenden Stephan Hofmeister vorgestellt wurde.

 

Covid-19 Laien

Drei Ärzte also, die in Sachen Covid-19 durchaus als Laien bezeichnet werden können, die sich den Medien stellen und meinen für alle Ärzte zu sprechen. Konkret: KBV Chef Herr Dr. Gassen, ein Orthopäde, Prof. Schmidt-Chanasit (bisher kein Fachbeitrag zu Covid-19) und Prof. Streeck (bisher 3 Fachbeiträge zu Covid-19).  

 

Auch Ärzte distanzieren sich von Positionspapier gegen Shutdown 

Bereits die ersten Ärzteverbände distanzieren sich von dem Streeck-Gassen-Schmidt-Chanasit-Papier. Der Berufsverband Deutscher Anästhesisten protestiert gar: Man sei ohne Absprache als Unterzeichner genannt worden. Auch Intensivmediziner wenden sich gegen das Papier.

 

Das Positionspapier, das am Mittwoch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Virologen Hendrik Streeck (Uni Bonn) und Jonas Schmidt-Chanasit (Uni Hamburg) vorlegten, ruft Widerspruch hervor. Ausgerechnet am Tag, als sich die Regierung auf strenge Corona-Massnahmen einigte, hatten sich die zwei Forscher und die KBV deutlich gegen jede Art von Lockdown ausgesprochen. Sie forderten Vertrauen in die Eigenverantwortung der Bürger und eine Abkehr vom alleinigen Blick auf die Zahl der Neuinfektionen. Der KBV-Vorsitzende Andreas Gassen wies in einer Pressekonferenz zum Papier ausserdem mehrfach darauf hin, dass die Intensivkapazitäten in Deutschlands Krankenhäusern noch lange nicht ausgeschöpft seien. Eine klare Lüge, wie es die aktuelle Situation zeigt. "Ein Orthopäde, der Verwaltungsarbeit macht, zwei Virologen, der eine auf HIV spezialisiert mit 3 Fachbeiträgen, die publiziert wurden, der andere auf Arbovirosen spezialisiert und noch keine Fachpublikation zum Thema Covid-19, schreiben an einem Positionspapier und behaupten damit die Meinung der Ärzteschaft zu vertreten. Das tun sie nicht."  Was die drei Ärzte genau mit diesem Papier und den Aussagen darin bezwecken ist noch nicht klar. Die Zukunft wird es zeigen.

 

Viele Ärzte und Verbände unterstützen stattdessen die am Dienstag von mehreren wichtigen Forschungsorganisationen wie der Leopoldina ausgesprochene Stellungnahme mit dem Titel "Es ist ernst" . Darin mahnen die Autoren, "dass es gegenwärtig ein Hauptinstrument gibt, um die Kontrolle über die Pandemie zurückzugewinnen: Die Anzahl der Kontakte zwischen Personen ohne adäquate Vorsichtsmassnahmen muss konsequent reduziert werden." 

 

Phänomen Streeck

Hendrik Streeck ist bereits des Öfteren negativ in Erscheinung getreten mit falschen Äusserungen und klaren Lügen. Auch das Portfolio an Papers in Fachjournalen von Streeck unterscheidet sich deutlich von denen anderer, "normaler". Offensichtlich ist es für Hendrik Streeck einfach nur wichtig, in der Öffentlichkeit zu stehen, egal womit. Es ist sehr gefährlich, zu glauben, man wisse viel obschon man es nicht tut, dabei aber laut herumzuschreien, dass alle glauben, na wenn er laut ist, wird es schon stimmen. Die Heinsberg-Studie von Streeck & Co. wurde vom Fachpublikum stark diskutiert, da die wissenschaftlichen Methoden nicht die besten waren. Und im Gegensatz zu allen anderen liess er sich, bzw. das ganze Vorhaben, von einer PR Agentur namens Storymachine unterstützen. Wie das Blog medwatch berichtet, ist einer der Mitbegründer der frühere Chefredakteur der BILD Zeitung Kai Diekmann. Selbiger war früher im kritischen Bildblog.de sehr oft Thema. Wenn man nach der PR Agentur im Netz sucht, taucht ausserdem der Name Philipp Jessen auf. Laut seinem derzeitigen Profil bei LinkedIn beschäftigt gewesen bei BILD, Bravo, Gala und Stern. Die SPD-Politikerin Sarah Philipp kritisierte diese Konstellation als „unlauteren Wettbewerbsvorteil“, weil Streeck den Auftrag an Mronz vergeben habe. Der Wissenschaftsjournalist Joachim Müller-Jung kommentierte, Streeck habe einer fachlich völlig unversierten Marketingagentur „Propaganda-Prokura“ gegeben. Der Deutsche Rat für Public Relations untersucht die Rolle der Agentur auf mögliche Verstösse gegen das Transparenzgebot.

 

Dagegen wurde bekannt, dass StoryMachine bei potentiellen Mitfinanzierern des Projekts damit warb, dass die Zielstellung der Studienbegleitung die Schaffung eines Narrativs zur Lockerung der Sanktionen sei. So erklärte u. a. Annette Leßmöllmann, es sei der Eindruck entstanden, die Ergebnisse seien schon vorher bekannt gewesen und es sei darauf hingearbeitet worden, um der Öffentlichkeit folgende Botschaft zu vermitteln: "Die Lockerung des Lockdowns ist eine gute Sache, und wir werden euch Fakten liefern". Das sei ein Versprechen, das "von der Wissenschaft eigentlich nicht gemacht werden" könne.

Dem Magazin Kontraste zufolge machte Ministerpräsident Armin Laschet zudem mehrfach falsche Angaben zu der studienbegleitenden PR-Arbeit. So habe Laschet Mitte April mehrfach Unkenntnis über die begleitende PR-Arbeit geäussert und noch am 19. April gesagt, er wisse nicht "welche PR-Agentur da wie was macht, ob das begleitet wird, ob man Herrn Streeck dabei hilft, die Presseanfragen aus aller Welt koordiniert zu beantworten". Die Landesregierung habe nichts von einer PR-Begleitung der Studie gewusst. Tatsächlich sei Laschet aber bereits Anfang April über die PR-Aktivitäten von Storymachine zur Studie informiert worden.

Zur Kritik an der Begleitung der Studie durch StoryMachine sagte Streeck: „Die Unterstützung haben wir vom ersten Moment an klar und transparent deutlich gemacht. Im Sinne der maximalen Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit habe ich dieses Angebot gerne angenommen, und mit der Leitung des Universitätsklinikums abgestimmt.“

 

Drosten kritisiert Streeck

Christian Drosten, Lehrstuhlinhaber und Institutsdirektor an der Charité in Berlin, kritisierte die Studie und die Empfehlungen Streecks. Falls ein ungeeigneter Antikörpertest verwendet worden sei, ergäbe sich technisch bedingt eine hohe Rate falsch-positiver Ergebnisse. Zudem, so Drosten weiter, könne er aus der gehaltenen Präsentation aufgrund der mangelnden Erklärungen nichts ableiten. Drosten sagte weiterhin, dass ein Wert von 0,37 % Sterblichkeit pro Infektionsfall ungefähr dem entspreche, wovon man bereits in Vorüberlegungen mit Politikern und Wissenschaftlern Wochen vor Einführung der Kontaktsperren ausgegangen sei. Die angegebene Rate von 15 % Immunität hinterfragte er; man müsse sehen, ob dies eingehende Diagnosen oder nur Labortests seien, die häufig falsch-positiv anzeigten und Bestätigungsuntersuchungen im Labor brauchten. Er bat um Aufklärung darüber, ob diese Tests stattgefunden hätten, um die Zahlen der Politik und Öffentlichkeit richtig zu übersetzen.

 

Stimmt die Aussage des Positionspapier? Alles kein Problem an der medizinischen Front?

Keineswegs, entgegnen nun jene Experten, die in Krankenhäusern an vorderster Front arbeiten. Der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA), Götz Geldner, kritisiert das Positionspapier scharf. Es gebe keine Alternative zu einer deutlichen Einschränkung der Kontakte: 

 

"Wir können der Lawine, die sich bald lösen könnte, als Gesellschaft und Gesundheitssystem nicht tatenlos zusehen."

Götz Geldner, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA)

 

Geldner kritisierte das Papier nicht nur inhaltlich: Er verwahrte sich auch dagegen, dass sein Verband, der rund 20 000 Anästhesistinnen und Anästhesisten vertritt, in dem Papier über seine Mitgliedschaft im "Spitzenverband Fachärzte Deutschlands" (SpiFa) sogar als Unterzeichner des Diskussionspapiers genannt wird. Der BDA unterstütze das Positionspapier inhaltlich nicht, bekräftigte Geldner am Donnerstag, er habe im Vorfeld auch keinerlei Kenntnis von dem Papier gehabt. So wurde hier also bewusst ungesetzlich gehandelt, indem man "Unterschriften" fälscht. Eine Affront gegenüber jedem seriösen Arzt und der Bevölkerung - eine Missetat, die nicht ohne Konsequenzen bleiben dürfte.

 

Die Stellungnahme trage nur zur weiteren Verunsicherung bei

"Eine solche Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt erachtet der BDA als grundsätzlich nicht zielführend. Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei." Diese Auffassung teile auch die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin mit mehr als 15 000 Mitgliedern. 

 

Zugleich warnten Intensivmediziner in der Bundespressekonferenz am Donnerstag vor einer wachsenden "Konkurrenz ums Bett" in Kliniken. Denn auch auf den Normalstationen steige die Zahl der Covid-Patienten rapide, dabei seien dort die Kapazitäten schon in einem normalen Winter ohne Corona meist am Limit, berichtete etwa Norbert Suttorp, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie an der Berliner Charité.

 

Ärzte werfen dem KBV-Chef vor, seine Stellung zu missbrauchen

In den sozialen Medien mehren sich derweil Beiträge von Medizinern, die sich als KBV-Mitglieder klar von dessen Positionspapier distanzieren. "Die Ärzteschaft" kritisiere mitnichten die neuen Massnahmen zur Eindämmung der COVID19-Pandemie, schreibt etwa Prof. Dr. med. Leif Erik Sander, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie an der Berliner Charité auf Twitter. "Diese Erklärung wird von keiner medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaft und auch nicht von Klinikärzt*innen unterstützt", kritisiert Sander. Das Positionspapier suggeriere, dass es eine generelle Position "der Ärzteschaft" widergebe. "Die 'gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft' ist dies sicher nicht!"

 

Es sei unvermeidbar, jetzt die Personaluntergrenzen sowie verschiebbare Eingriffe und Behandlungen auszusetzen und finanzielle Kompensationen für Krankenhäuser bereitzustellen, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens. Die Intensivmediziner begrüssten die beschlossenen Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Sie seien sinnvoll und verhältnismässig. Er habe kein Verständnis für den Vorwurf, dass Panik gemacht werde, sagte Janssens. Es sei offensichtlich nicht gelungen, der Bevölkerung wirklich klarzumachen, dass mit dem Sommer das Infektionsrisiko nicht verschwunden sei.

 

Auch Marc Hanefeld, Hausarzt und Facharzt für Allgemeinmedizin sowie für Anästhesie, Notfall- und Intensivmedizin, äusserte auf Twitter seinen Ärger: "Von meiner Seite aus keinerlei Rückhalt. Es ist eine ganz perfide Sache, diskutable Fakten in einem solchen Kontext, zu einem solchen Zeitpunkt und mit einem derartigen Tenor herauszubringen. Herr Gassen spricht nicht für die Ärzteschaft."

 

 

 

Dr. Andreas Gassen wurde 1962 in Köln geboren. 1982 bis 1988 studierte er nach dem Abitur Humanmedizin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, wo er auch zum Dr. med. promovierte. Seine Arbeitsschwerpunkte waren Orthopädie, Unfallchirurgie und Rheumatologie.

 

Dr. med. Hendrik Streeck (* 7. August 1977 in Göttingen) ist ein deutscher Mediziner. Er ist seit Oktober 2019 Professor für Virologie und Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn.

 

Jonas Schmidt-Chanasit (* 25. März 1979 in Ost-Berlin-Pankow) ist ein deutscher Virologe und  Hochschullehrer an der Universität Hamburg. Er wurde einer breiten Öffentlichkeit durch zahlreiche Radiosendungen und TV-Auftritte bekannt, in denen er infektiologische Fragestellungen allgemeinverständlich erläutert.

 

 

Quellen: 

  • https://www.tagesschau.de/inland/wissenschaftler-lockdown-101.html
  • https://www.kbv.de/media/sp/2020-10-29_KBV-Positionspapier_COVID-19.pdf
  • https://medwatch.de/2020/05/08/wie-manche-virologen-vertrauen-verspielen/
  • https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/coronavirus-pandemie-es-ist-ernst-2020/

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Kommentare: 1
  • #1

    U.H. (Montag, 02 November 2020 06:01)

    Der Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin Hausärztin in Norddeutschland, und das Positionspapier wurde überhaupt gar nicht mit der Basis und teilweise zumindest auch nicht mit den genannten Fachgesellschaften abgestimmt. Ob ein Großteil oder nicht - viele Ärzte und Ärztinnen, die PRAKTISCH arbeiten, auf Intensivstation oder in Krankenhäusern oder in Praxen, unterstützen die Maßnahmen der Regierung.