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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Nicht ganz gebacken!

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne! Über kleine und mittlere Katastrophen und Dinge, die sich in und um unser Leben ereignen. Heute geht es um das ultimative Guetsli Fiasko! 

 

Wo beginnen? Mit einem grossartigen Vorhaben? Mit einem ganz und gar grossartigen Vorhaben? Ihr wisst schon, eines auf das man sich schon seit Wochen unglaublich freut und sich in den buntesten Farben ausmalt. Kekse backen mit Lila! (Mindestens vier Emojis mit leuchtend roten Sternchenaugen)

Vegane, gluten- und zuckerfreie Plätzchen backen mit Lila sollte ich vielleicht noch hinzufügen... (Ein Emoji, in leuchtend blauem Pullover, mit hochgezogenen Achseln, abgewinkelten Armen und vom Kopf abgespreizten Händen...) Denn Guetsli backen kann jeder. Ganz so schwer ist dies nicht. Wenn dann aber Zucker, Weizenmehl, Eier, Geliermittel, Schokolade und Alkohol, also alles, was so ein glänzender Krümelhaufen ausmacht, fehlt, dann ist die Challenge eröffnet.

 

An dieser Stelle könnte man den Himmel anrufen oder den Teufel oder gleich jeweils alle drei davon. Die göttliche Trinität und sein höllisches Pendant. Satan, Luzifer und Beelzebub. Denn warum will man sich so etwas antun?

 

Ihr ahnt es bestimmt: weil man keine Wahl hat. Weil man sich das Süsse im Leben, trotz Umständen, ertrotzen muss. Also gibt es nur die Vorwärtsstrategie. Man erkämpft sich das Aufblühen der prickelnden Geschmacksknospen in die Gaumenebene zurück. Denn als ausgemachtes Schleckmaul und verstohlenes Krümelmonster ist man nicht nur mit Profanem wie www.spruengli.ch und www.vollenweiderchocolatier.ch bestens vertraut, sondern auch mit www.tingel-kringel.ch, www.miyuko.ch, www.cafe1842.ch, www.confiserie-braendli.ch, www.cafefelix.ch und der Mutter aller Confiserien: www.laduree.fr/en/ und deren Make-up Linie: https://bit.ly/3nI50ct Ja, das Weltwunder Laduree wird nur noch von seiner eigenen Make-up Linie in den Schatten gestellt. Ansonsten reicht ihm niemand das Wasser.

 

Lilas Ding: Harry Potter, schwarzer Nagellack, die Haare hochstecken wenn es mehlig wird und ein weisser Kapuzenpullover, der am Bund des linken Ärmels einen roten Aufdruck aufweist, der mich jedes Mal zusammenzucken liess, da ich fürchtete die Beerenfüllung hätte sie übermannt. .

 

Mein Ding: «Die Torte» von Romana Ganzoni, weisse schmucklose Kopfhörer von Apple, die Haare zu Zapfenlocken spriessen lassen und eine Playlist, die wächst und wächst und wächst und jede Woche um neue Songs erweitert wird.

 

Untenstehend eine kleine Auswahl:

-Beck: Loser https://www.youtube.com/watch?v=YgSPaXgAdzE

-Cake: I will survive https://www.youtube.com/watch?v=f9rCUQjmkxU

-Dreamers: Sweet Disaster https://www.youtube.com/watch?v=wWB0AHhtjUE

-Christina Aguilera: Candyman https://www.youtube.com/watch?v=-ScjucUV8v0

-New Edition: Candy Girl https://www.youtube.com/watch?v=qAFg2TQk9v0

-Patty Cake Song: https://www.youtube.com/watch?v=QZpGe5rNJkI

-Time for Tea: https://www.youtube.com/watch?v=6iO_FJ_yfuo

 

Ausgezogen waren wir, um Zimtsterne, Nussecken und Terrassen zu produzieren. D.h. Temporär emigriert war nur Lila. Denn ich für meinen Teil blieb, wo ich war. Sie kam zu mir. Schwer beladen. Denn nichts wollten wir dem Zufall überlassen. Gar nichts. So schleppte sie Bleche, kleine und grosse Förmchen, Nudelhölzer, Pinsel, eine Motorsäge, Grundierungsfarbe, eine von beiden Seiten begehbare Stehleiter, einen Presslufthammer, zwei Grubenhelme, einen Pickel und eine Schaufel ins Quartier. Und dann machten wir uns ans Werk: Emsig, fleissig, stoisch, konzentriert und ruhig. Alles Eigenschaften, die Lila mit sich bringt. Von mir kommt die Unruhe. Das Quirlige im Teig. Die steigenden Luftblasen, der Schokoladenzimtguss und die Zitronenquiche im Waldbeerenmantel. Delikatessen im Geiste...

 

Kekse backen ist Präzisionsarbeit! Jeder, der sich schon mal mit der Erstellung von Backerzeugnissen auseinandergesetzt hat, kann ein Lied davon singen. Beim Kochen jeder beliebigen Speise lässt sich addieren, subtrahieren und improvisieren.

Nur bei der Backanleitung geht dies nicht. Denn da setzt man einen chemischen Prozess in Gang, dessen Befolgung Voraussetzung für den Erfolg ist.

 

Also hielten wir uns peinlichst genau an die Anweisungen. Akribisch gingen wir vor, als gälte es einen Corona Impfstoff zu entwickeln. Einen Esslöffel Leinsamen- vermengten wir mit 73 Gabeln Hafermehl, glutenfrei. Hinzu kam nochmals die gleiche Menge an Teff- und knapp die Hälfte an Mandelmehl. Tagelang war ich von einem Reformhaus zum nächsten gerannt, um den ganzen Staub zu besorgen. Weisses, braunes und graues Puder, dass sich in der Schüssel wie Liebesgrüsse aus der Sahara ausnahm.

Hinzu kam der Saft von zweijährigen Föhren, Sibirische Eiszapfen, Grabsplitter aus Transsilvanien, irischer Torf, das Destillat von hundertjährigem Glockengebimmel, Zimt, Honig, Backpulver, Vanillezucker, Meeressalz und eine Messerspitze Tannenweiss. Dies alles kneteten und formten wir zu einem Teig, der sich ausgewallt wie eine schnurrende Katze gab. Auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt...

Und dann kamen wir in Form. Und formten mit den Förmchen lauter formidable Formate, die wir fein säuberlich auf mit weissem Backpapier ausgelegten Backblechen verteilten. Ihr hättet unsere Augen sehen sollen, als wir die dünnen Metalle in den Ofen schoben. Sie leuchteten wie Strass. Ach was, sie leuchteten wie Diamanten, wie Rubine, wie Lapislazuli!

 

Nur geschmeckt hat es wie Pappschachtel. Wie Kleister, wie Styropor, wie die kleinen, weissen fluffigen Dinger, die sich als Füllmaterial in Paketen durchs Leben mogeln. Die meisten Religionen und Gemeinschaften kennen an der Schwelle der Adoleszenz zum Erwachsenwerden Initiationsrituale. Und je nach Kultur in der man hineingeboren wird, gehen diese mehr oder minder schmerzhaft aus. Lila, meine Patentochter, ging an diesem Abend ohne Zimtsterne nach Hause. Und was sie da an Nussecken mitnahm, war, um es gelinde zu sagen, zum in den Tisch beissen. An diesem Abend hatte ich ihr die Kindheit versaut.

 

 

Entdeckt hatte sie aber «Solange Du da bist» von Marc Levy und «Lila, Lila» von Martin Suter in meiner Bibliothek. Ihr Besuch hinterliess Löcher im Magen, in meinen Illusionen und im Büchergestell. Aber sie kommt bald wieder. Und dann packen wir das Ganze nochmals an. Die junge Dame und ich.  


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