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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Fluchwörter Teil III

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

Du Lauch! Über die ganz wunderliche Begebenheit des Fluchens haben wir ja schon Einiges gelernt. Im dritten Teil meiner Kolumne über Fluchwörter befassen wir uns nun tatsächlich mit der Karriere von Schimpfwörtern und schauen uns deren Eigenarten im Französischen und im Jiddischen an.

 

Viele Wissenschaftler glauben, daß das erste sinnvolle Wort der menschlichen Sprache ein Schimpfwort war. Ashley Montagu, aus dessen Buch "The Anatomy of Swearing" diese Erkenntnis entstammt, ist selbst der Meinung, daß die Sprache

aus der Notwendigkeit der Kommunikation bei den gemeinsamen Jagdgängen der Urmenschen entstand. Aber so wirklich weiss es keiner.

Denn was war zuerst da? Der Affekt, der Impuls, der wilde Trieb, gesteuert vom limbischen System des Gehirns, der unserem Sprachzentrum, den Sprachbändern und der Zunge befiehlt: Fluchen! Jetzt, sofort! Und sich dafür die passenden Worte erfand? (Denn nichts anderes ist Fluchen – eine Reaktion des limbischen Systems. Siehe Teil 1 dieser Trilogie.) Oder die Erkenntnis, dass eine Treibjagd, der Angriff oder die plötzliche Flucht besser funktionieren, wenn man diese mittels einer Sprache koordiniert?

 

Wissen tun wir, dass in fast allen 7000 Sprachen der Menschheit Fluchwörter existieren. Und dies in einer Vielfalt und Blüte, dass man hier durchaus von einem überquellenden, schöpferischen Reichtum sprechen darf.

Schauen wir uns die einzelnen Fluchwörter und ihren Alltagsgebrauch näher an, so stellen wir fest, dass sie eine eigentliche Karriere durchlaufen. Beim Fluchen wollen wir so richtig Dampf ablassen, eine Grenze überschreiten. Die emotionale Spannung die sich in uns befindet, soll mittels einer krassen Wortwahl ausgeglichen werden. Haben wir aber das uns zur Verfügung stehende Arsenal an Beleidigungen schon tausend Mal benutzt, schockiert es uns irgendwann nicht mehr. Die alten Begriffe brechen kein Tabu und wir suchen nach neuen Ausdrücken, die unserer Wut Luft verschaffen. So wurde das Wort «Verrückt», dass eine Bezeichnung für eine geistige Erkrankung beschreibt, irgendwann zu einer Verunglimpfung. Heute bedeutet es jedoch zumeist: dass eine Situation, beziehungsweise eine Person, witzig oder außergewöhnlich ist. Das Fluchwort stumpfte im Laufe der Zeit also ab und der Sinn wandelte sich. 

Wörter wie «Arsch», «Schwanz», «vögeln» und so weiter sind wie «Haus» oder «Brot», die bleiben immer da, denn sie sind kurz und bündig. Aber sie sind auch abgenutzt und haben ihren emotionellen Inhalt und die Spannung weitgehend verloren, obwohl sie bei gewissen Bevölkerungsgruppen nach wie vor eine scharfe Schneide besitzen. Darum fliessen immer wieder neue Begriffe in unseren täglichen Sprachgebrauch ein. Mal sind es krasse Ausdrücke, dann wird aus dem «Arsch» ein «Arschficker» und aus dem «Schwanz» ein «Schwanzlutscher», mal wird es poetischer, verspielter und aus «vögeln» wird «Ich bin gut zu Vögeln».

Diese Spannung zwischen Wortwitz und Derbheit ist, was das Fluchen so attraktiv und so reizvoll macht. Es unterhält uns, amüsiert uns und entlockt uns trotz aller Wut und allem Zorn ein Grinsen. Ein verschmitztes, ein schüchternes oder ein fettes, dreckiges Lachen. Auf jeden Fall ist Fluchen beste Unterhaltung.

Vor ungefähr 20 Jahren waren auf einmal, wie aus dem Nichts, folgende Diffamierungen in Umlauf: «Dünnbrettbohrer», «Warmduscher», «Beckenrandschwimmer» und «Frauenversteher». Sie waren in aller Munde und kreierten unzählige Nachkommen. Vom «Fahrgast» bis zum «Treppensteiger». Dies waren Beleidigungen der ganz besonderen Art. Denn sie waren klug und besassen viel Wortwitz. Und dann geschah: Gangster Rap. Oder vielmehr: Gangster Rap Deutscher Prägung mit deftigem Einfluss aus dem Balkan, Russland, der Türkei und den Arabischsprachigen Gebieten. Denn der Lead im Gangster Rap lag bei den Secondos. Und obwohl die Reimkunst an und für sich mitunter auf hohem Niveau stattfand - und dies meine ich ohne jegliche Ironie - war nun doch das Extreme gefragt. Die obigen Ausdrücke verschwanden und wurden durch Poesie wie «Opfer», «Vorhaut», «Kanacke», allerlei Mögliche und Unmögliche Kombinationen mit dem Wort «Ficken» und durch «Azzlack» abgelöst. (Eine Wortschöpfung des Rappers Haftbefehl.) Aber auch «Azzlack» - Assozialer Kanacke - war nur eine sehr kurze Halbwertszeit beschieden und musste bald durch ein neues Schimpfwort ersetzt werden. Denn wie bei den Amerikanischen Vorbildern, die sich gegenseitig «Nigga» nennen, und dies als Ausdruck für Kumpel verstehen, begannen sich diverse Rapper und ihre Fans gegenseitig als «Azzlack» zu bezeichnen. Der Begriff verlor seine negative Konnotation... Heutzutage stehen folgende Schmähworte hoch im Kurs: «Fickfehler», «Evolutionsbremse», «Schuhwichser», «Allergiker» und man glaubt es kaum: «Lauch».

 

Dieses Phänomen lässt sich in allen Sprachen beobachten. «Shit» das Englische Wort für Scheisse, erhielt im Laufe der 80er Jahre eine überraschend positive Bedeutung. «The Shit» war plötzlich «Der heisse Scheiss». Und ein gutes Essen konnte durchaus «The shit is delicious» sein.

 

Besondere Eigenarten des Fluchens finden sich im Jiddischen, im Französischen und im Schweizerdeutschen. Denn hier, geht es etwas anders zu und her als anderswo.


Wenn wir uns mit dem Jiddischen befassen, dann liegt die Spezialität dieser Sprache, das Exquisite des Schmähens sozusagen, nicht in seinen Beleidigungen, sondern in seinen Flüchen. Denn
die jiddischsprachigen Juden im Osten Europas entwickelten eine geradezu dichterische Verwünschungskultur. Selbstverständlich gibt es für Worte wie z.B. Penis ganz tolle Begriffe wie: «Potz», «Schlong» (von Schlange) oder «Schmock». Gerade das Letztere, hat sich via New York, mit seinen 1-2 Millionen Juden, und der US Amerikanischen Popkultur als linguistischen Dauerhit entpuppt.

Aber auch ein Ausdruck wie «Gey kaken in Jam» (Geh scheiss ins Meer) ist in seiner Profanität eine kleine Kostbarkeit. Betrachten wir aber die Welt der jiddischen Flüche, dann tun sich hier derart form-vollendete, ja himmlische Abgründe auf, die nicht nur einen Zuckerrand aufweisen, sondern mit Rosenblättern gefüllt, die Zuhörer geradezu verleiten, sich mit Wonne in sie hineinzuschmeissen.

Das Besondere am Wesen des Jiddischen Fluches ist es, dass er übertreibt. Dass er masslos übertreibt. Dass er die Übertreibung auf ein derart hohes Niveau hebt, dass man nicht darum herumkommt, ihm dafür Bewunderung zu zollen. Es wird nämlich immer noch eins draufgesetzt. Denn es reicht ihm ganz einfach nicht aus, jemanden «zum Teufel zu schicken.» Beispiele gefällig?

 

-"Du sollst wie eine Lampe sein: tagsüber sollst du hängen, in der Nacht sollst du

brennen und am Morgen soll man dich auslöschen."

-"Man soll einen Eisenstab erglühen und ihn dir mit dem kalten Ende in den Hintern

stecken!" – "Warum mit dem kalten Ende?" – "Damit du ihn nicht herausziehen

kannst!"

-«Dein Arzt soll viel Geld mit Dir verdienen!»

-«Du sollt wachsen wie eine Zwiebel, mit dem Kopf in der Erde»

 

Eine andere Möglichkeit besteht darin, zuerst einen guten Wunsch zu äußern, um den eigentlichen Fluch als noch beißender erscheinen zu lassen:

 

-"Du mögest eine Tonne Gold erben. Aber es soll dennoch nicht reichen, um deine

Arztkosten zu bezahlen"

-«Berühmt sollst du werden – man soll eine Krankheit nach dir benennen»

-"Du sollst viele Verwandte haben und keine Freunde."

-"Die besten Gedanken sollen dir kommen, wie die Polizei kommt – zu spät."

 

Fluchen bedeutet auch Schimpfen. Das englische to swear bedeutet fluchen, schimpfen und schwören. Aber der Fluch ist keine Drohung, keine Verspottung, keine Herabsetzung – es ist eine Verwünschung. Das "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens" formuliert es so: "Fluch ist eine Redeformel, durch welche man Unheil auf einen anderen, auf dessen Habe oder auch auf sich selbst herabwünscht. Die Denkweise, welcher der Fluch entspringt, ist die magische Weltanschauung, welche auf dem Glauben an die Allmacht des eigenen Willens beruht. Der Fluchende lebt in der Überzeugung, daß das bloße Aussprechen - unter Umständen das bloße Denken - des bösen Wunsches das Eintreten des Ereignisses zur Folge hat..."

Der Fluch ist ein Produkt und ein Eingeständnis seiner eigenen Unterlegenheit, denn er ist eine Androhung des Eingreifens einer höheren Macht.

 

Der Grund warum die osteuropäischen Juden mit zu den Weltmeistern im Fluchen gehören, liegt in zwei Gründen: Erstens wurden sie jahrhundertelang verfolgt und hatten keine Waffen, um sich zu verteidigen, deshalb haben sie Wörter als Waffe benutzt. Zweitens kann Jiddisch seine verbale Munition aus drei Sprachgruppen schöpfen: aus dem Deutschen, den slawischen Sprachen und dem Hebräisch-Aramäischen. Dazu kommt viel Wortwitz und Scharfsinn.

 

Französisch gilt von jeher als Sprache der Liebe, der Diplomatie und der feinen Gesellschaft. Eine jahrhundertelange Tradition an geschliffenem Ausdruck und das Image einer an Charme und betörender Eloquenz nicht zu überbietender Sprechweise eilt dem Französischen voraus. Da denkt man zunächst an Parfum, Champagner, an Käse, an Croissants, an den Eiffelturm, die Impressionisten, Picasso, Braque, elegante Pariserinnen ... und so gar nicht an die Kunst der Malediktion.

Doch fast ebenso zungenfertig wie deftig, wissen die Franzosen ihre Worte als Waffe einzusetzen. Selbst die trivialsten Kraftausdrücke werden in unserem Nachbarland zu Perlen geformt und als Bijoux ins Schaufenster der internationalen Haut Couture der Beschimpfungen gestellt. Denn wie sooft gilt auch hier: «C’est le ton qui fait la musique» Es ist also der Klang, der die französischen Fluchwörter zu etwas ganz Besonderem erheben.

«Enfoiré» (Blödmann), «Trou Du cul» (Arschloch), «Vas te faire foutre» (Leck mich am Arsch), «Casse-Toi» (Verpiss Dich) und «Ta gueule» (Maul halten) klingen dann auch mehr wie eine Einladung zum Essen. Und «Quelle Connerie» (Was für ein Blödsinn) wie das hierzu passende Mineralwasser. Lässt man sich diese Worte erst einmal richtig auf der Zunge zergehen, dann stellt sich bald der Appetit nach mehr ein.

 

Eintauchend in die Finessen der französischen Verschmähungskunst finden wir von «niquer» (ficken), um damit die ganze Familie gebührend zu würdigen, «Nique Toi», «Nique Ta Mère», «Nique Ta Soeur», «Nick ton Pére» etc über «Putain» (Nutte/Hure) und «Merde» (Scheisse) rein alles was das Herz begehrt.

 

Wahrhaftige Sahnetörtchen sind aber folgende Ausdrücke:

- «Va te faire cuire un Oeuf» (Lass mich in Ruhe / Wörtlich: Geh Dir ein Ei kochen)

- «Va peter dans les fleurs» (Lass mich in Ruhe / Wörtlich: Geh in die Blumen furzen)

- «Il/Elle ne suce pas que des glacons» (Er/sie säuft wie ein Loch. Wörtlich: er/sie

saugt nicht nur an Eiswürfeln.)

-«On ne t’a pas sonné (Dich hat keiner gefragt / Wörtlich: Man hat nicht an Deiner

Haustür geklingelt)

-«Tu me fais chier» (Du nervst! Wörtlich: Du bringst mich zum scheissen!)

-«Saperlipopette» (Altes Französisch, wiederentdeckt: Saperlott)

-«Raclure de Bidet» (Bidet Abschaum)

-«Au Niveau Bagage Intellectuel, tu voyages lèger». (Auf intellektuellem Niveau bist

Du ein Leichtgewicht.)

 

Habt Ihr immer noch nicht genug, dann kann ich Euch trösten: Nächste Woche folgt Teil 4 der Trilogie Inklusive einer Playlist mit den 55 schönsten Songs über Fluchwörter aller Zeiten. Zum Mitsingen! Für die ganze Familie!

 

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