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Für die Virologin Melanie Brinkmann steht fest: Wir haben diesen Kampf längst verloren

Melanie Brinkmann © Verena Meier/HZI
Melanie Brinkmann © Verena Meier/HZI

DMZ – WISSENSCHAFT ¦ Anton Aeberhard ¦

 

Die Virologin, Arbeitsgruppenleiterin des Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, Professorin des Instituts für Genetik an der TU Braunschweig, Frau Prof. Dr. Melanie Brinkmann zeichnet ein düsteres Bild.

Ministerpräsident Stephan Weil möchte am Mittwoch bei der Bund-Länder-Konferenz den Entwurf eine Stufenplans besprechen. Darin sind auch Lockerungen vorgesehen. Die Virologin Melanie Brinkmann warnt. 

 

 

Kann Deutschland schnell genug impfen, um die Ausbreitung der Virusmutationen zu stoppen? 

Die deutsche Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann sieht den Kampf gegen die Mutationen des Coronavirus bereits als verloren. „Wir kriegen niemals genügend Menschen geimpft, bevor die Mutanten durchschlagen“, sagte Brinkmann im Interview mit dem „Spiegel“. „Dieser Wettlauf ist längst verloren. Alles andere entspringt Wunschdenken, genährt von falschen Versprechungen einiger Politiker.“ Prof. Dr. Melanie Brinkmann gehörte zuletzt zum wissenschaftlichen Beraterstab von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten. Sie sieht trotz der begonnenen Impfkampagne der Bundesregierung wenig Chancen, die Mutationen in den Griff zu bekommen. „Der Impfstoff ist zwar da, die Produktion läuft, aber es wird dauern, bis alle ihn bekommen. Das Impfen wird uns erst aus der Pandemie befreien, wenn sie weltweit abflaut.“ Die Virologin ist sich sicher: „Corona wird uns 2022 noch beschäftigen – wahrscheinlich darüber hinaus.“

Für Brinkmann sei klar, dass es nur eine Frage von Wochen sei, bis sich die Mutationen auch in Deutschland durchgesetzt haben: „Die Mutante aus Grossbritannien und andere werden uns überrennen, das Virus hat einen Raketenantrieb bekommen. Es geht nur noch darum: Können wir den Siegeszug der Varianten hinauszögern, Zeit gewinnen?“

 

Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown

Prof. Dr. Melanie Brinkmann gilt als Vertreterin einer sehr harten Linie im Kampf gegen die Pandemie, der sogenannten No-Covid-Strategie. Dafür warb sie nun erneut: „Wir, eine Gruppe von 13 Wissenschaftlern, glauben nicht an die Strategie, dass man mit dem Virus leben kann, sondern dass man es besiegen muss.“ Und weiter: „Es wäre fatal zu glauben, wir könnten die Massnahmen mit einer Inzidenz von knapp unter 50 lockern und dabei das Virus im Zaum halten.“ Die Zahlen würden sofort wieder steigen, so die Wissenschaftlerin. „So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann.“

Bereits im Herbst habe die Politik zu spät reagiert, so Brinkmann, jetzt tue sie mit Blick auf die mutierten Varianten das Gleiche. „Wir alle wollen aus diesem verdammten Lockdown raus – aber die Kanzlerin hat am Dienstag leider verkündet, dass die 50er-Inzidenz weiterhin als Richtschnur dienen soll. Mit diesem Kurs haben wir keine Chance. Dieses Larifari des 'Hier ein bisschen Homeoffice, dort ein improvisiertes Hygienekonzept', das muss aufhören.", sagte Brinkmann.

 

No-Covid-Strategie

Eine Gruppe von Wissenschaftlern, Medizinern und Ökonomen hat einen Strategiewechsel im Umgang mit der Coronapandemie angeregt. Anstatt weiterhin auf Mitigation zu setzen, plädieren die Experten für die Umsetzung eines NO-COVID-Ziels sowie die Einführung von „Grünen Zonen“, in denen dann Lockerungen möglich wären.

Die vorgestellte Strategie zielt darauf ab, Neuinfektionen, Todesfälle und weitere bundesweite Lock­downs zu vermeiden. Sie besteht aus drei Kernelementen: einem schnellen Absenken der Infektionszah­len auf null, die Vermeidung der Wiedereintragung in hierdurch errichtete Grüne Zonen durch lokale Mo­bilitätskontrollen, Tests und Quarantänen und ein rigoroses Ausbruchsmanagement bei sporadischem Auftreten neuer Fälle.

 

Prof. Dr. Melanie Brinkmann

Melanie Brinkmann studierte Biologie an der Georg-August Universität Göttingen und der Humboldt Universität zu Berlin. Während ihrer Doktorarbeit am Institut für Virologie an der Medizinischen Hochschule Hannover studierte sie Herpesviren. Während ihrer Postdoktorandenzeit widmete sie sich der Studie von spezialisierten Rezeptoren des angeborenen Immunsystems, den Toll-like Rezeptoren. Diese Rezeptoren spielen eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Bekämpfung von Herpesviren.

Nach ihrer vierjährigen Postdoktorandenzeit am Whitehead Institute for Biomedical Research, das dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, USA, angegliedert ist, übernahm sie im Juli 2010 die Leitung der Nachwuchsgruppe “Virale Immunmodulation“ am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung.

 

Melanie Brinkmann wurde mit dem Promotionspreis der Medizinischen Hochschule Hannover (2004), dem Robert-Koch-Postdoktoranden-Preis der Robert-Koch-Stiftung (2007), sowie 2016 dem Science Award der Gesellschaft für Signaltransduktion ausgezeichnet.

Von 2012 bis 2018 war Melanie Brinkmann Junior Professorin am Institut für Virologie der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit Juli 2018 ist sie Professorin am Institut für Genetik an der Technischen Universität Braunschweig.

 

 

Quellen: 


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