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78 Tamedia-Journalistinnen stehen auf - mediale Reaktion bleibt aus

DMZ – GESELLSCHAFT / LEBEN ¦ Anton Aeberhard ¦

KOMMENTAR

 

78 Tamedia-Journalistinnen stehen mutig hin und kritisieren anhand von konkreten Beispielen ein sexistisches, diskriminierendes und von Männern geprägtes Arbeitsklima. Es werden klare Forderungen an die Geschäftsleitung und Chefredaktionen gestellt. Die mediale Reaktion darauf bleibt bezeichnenderweise bisher aus.

 

Das Schreiben hat es in sich. Der offene Brief von 78 mutigen Redaktorinnen an die Geschäftsleitung der Tamedia gegen alltäglichen Sexismus hat es in sich. Verwunderung, Ungläubigkeit und Entsetzen machen sich beim Lesen dieses Briefes breit.

 

 

Mit diesem offen Brief wenden sich die Journalistinnen an das Unternehmen, weil sie die neuesten Entwicklungen im Unternehmen befremden würden. Denn offenbar haben laut Inhalt des Schreibens erneut mehrere talentierte, erfahrene Frauen gekündigt. Diese seien alle aus Resignation und Frustration darüber, dass sich die Situation für die Frauen auf den Tamedia-Redaktionen trotz anderslautender Statements nicht verbessert habe. Sogar das Gegenteil sei der Fall.

 

"Frauen werden ausgebremst, zurechtgewiesen oder eingeschüchtert. Sie werden in Sitzungen abgeklemmt, kommen weniger zu Wort, ihre Vorschläge werden nicht ernst genommen oder lächerlich gemacht. Frauen werden seltener gefördert und oft schlechter entlohnt."

 

Es herrsche eine von Männern geprägte Betriebskultur, die sich durch die Pandemie, Homeoffice und Videocalls nochmals spürbar verschlechtert habe. Männer seien auf den Redaktionen klar in der Überzahl und besetzten fast alle Schlüsselpositionen und würden vorgeben, was angesehen und geschätzt sei.

"Männer steigen auf, wie sich etwa vergangene Woche beim Inland-Ressort gezeigt hat, Frauen werden übergangen. Auch bei der geplanten neuen Chefredaktion von BZ und Bund hat sich dies wieder gezeigt. Für leitende Funktionen wurden kaum Frauen berücksichtigt. Diese Entwicklungen widersprechen den jüngst verkündeten «Mission Statements». Sie widersprechen der schriftlich formulierten Absicht, ein jüngeres

und zunehmend weibliches Publikum anzusprechen und zahlungswillige Leserinnen zu gewinnen – wir fragen uns, wie eine derart männlich geprägte Redaktion solche Ziele erreichen will. Diese Entwicklungen hindern uns aber vor allem daran, unsere Arbeit so auszuführen, wie wir dies für richtig erachten:

motiviert, hartnäckig, leidenschaftlich.

 

Im Übrigen würden «Frauenthemen» unverhältnismässig hart kritisiert, teilweise niedergemacht. Jüngstes Beispiel sei die Berichterstattung über das 50-Jahre-Jubiläum des Frauenstimmrechts. Dies wurde gemäss Kritik im Brief wiederholt als «zu viel», «uninteressant» oder «no news» abgetan. Ein Beitrag wurde als «so anspruchslos wie ein Telefonbuch» herabgewürdigt. Interne Zahlen hätten aber gezeigt, dass unter anderem das Thema Frauenstimmrecht jüngere Frauen überdurchschnittlich interessiert habe.

 

 

"Der Umgangston ist harsch. Frauen berichten von Beleidigungen durch Vorgesetzte, die von anderen Personen mit Cheffunktion entschuldigt und toleriert werden. So hat etwa vor wenigen Wochen ein Mitglied der Chefredaktion einer Redaktorin gesagt, sie sei «überhaupt nicht belastbar» – nachdem sie sich mit einem professionellen Anliegen an ihn gewandt hatte."

 

Weitere Beispiele und Erlebnisse von Frauen der Tamedia-Redaktionen sind im Anhang des offenen Briefes aufgelistet. Das Arbeitsklima scheint katastrophal und untragbar geworden zu sein. Die gelisteten Probleme sind strukturell und vielschichtig.

 

"Wir sind nicht bereit, diesen Zustand länger hinzunehmen."

 

Die Forderungen der 78 Tamedia-Journalistinnen

Wenn man die Forderungen der Journalistinnen studiert, stellt man mit Entsetzen fest, dass man eigentlich davon ausgehen müsste, dass diese alle bisher restlos erfüllt waren. Denn abwegig ist dabei rein gar nichts. Alles was gefordert wird ist ein Normalzustand. So wird z.B. Anstand vorausgesetzt in der Zusammenarbeit, erwartet, dass die Sichtweise und Arbeit der Journalistinnen ernst genommen wird und dass die Beleidigungen und Beschimpfungen aufhören. Es ist schier unglaublich, dass in der heutigen Zeit noch solche "Forderungen" gestellt werden müssen.

 

Instrumente - Anonymisierte Umfrage

Weiter fordern die Journalistinnen von der Geschäftsleitung zur Verbesserung der Situation anonymisierte Umfragen. "Wir fordern, dass Tamedia bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen pulse check durchführt, eine anonymisierte Umfrage mit Freitextantworten zum Arbeitsklima. Die Resultate eines solchen «Stimmungsbarometers» sollen aufzeigen, wo der Handlungsbedarf dringlich ist."

 

 

 

 

Viele dieser Forderungen seien bereits bekannt, da diese im Rahmen des Frauenstreiks 2019 formuliert wurden. Konkrete Vorschläge zur Umsetzung der Forderungen und «verbindliche Ziele» werden bis zum 1. Mai 2021 erwartet.

 

Die Reaktionen in den "Sozialen Medien" ist gewaltig und liesse vermuten, dass sich nun alle Medien darum kümmern und informieren, damit das auch bald zur Vergangenheit gehört, dass solche Missstände vorherrschen. Leider nein...


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