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Covid-19 - Verfrühte Lockerungen führen zu neuer Welle

DMZ – WIRTSCHAFT / POLITIK ¦ David Aebischer ¦

KOMMENTAR

 

Würde man es nicht besser wissen, könnte man annehmen, dass die Politik Angst vor der Gastrobranche und den Rechten hat. Praktisch (west)weltweit stellt man das Phänomen bereits fest. Trotz gemachter Erfahrungen droht man erneut durch verfrühte Lockerungen in die nächste Coronawelle zu driften. Offenbar auch eine Folge von fehlgelenkter und falscher Wahrnehmung von Wirtschaftslage und öffentlicher Meinung. Zitieren die einen den "Willen der Wirtschaft", sinnieren die anderen über vermeintlich bestehende Überzeugung. Fest steht. Die Mehrheit ist nicht für zu frühe Lockerungen - zweimal hat man den Fehler bereits gemacht - mit dem selben Resultat: Shutdown und strengere Massnahmen. Ursache für die Shutdowns ist also nicht direkt das Virus, sondern die Minderheit, die laufend zu frühe Lockerungen fordert und die Politik, die sich offenbar hinreissen lässt. 

 

Kausalität

Ein praktisches Beispiel der Kausalität, der Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Sie betrifft die Abfolge von Ereignissen und Zuständen, die aufeinander bezogen sind. Demnach ist A die Ursache für die Wirkung B, wenn B von A herbeigeführt wird. Gesteuert durch dauernde Schlagzeilen, verfallen wir offenbar laufend in diese Endlosschleife: "Der Druck ist einfach zu hoch!", "Die Menschen sind müde und sind nicht mehr bereit mitzumachen." oder "Die Wirtschaft wird gegen die Wand gefahren." Wie oft musste man das in den letzten  Wochen und Monaten bereits lesen? Und paradoxerweise werden genau diese "Befindlichkeiten" durch die Leute herbeigeführt, die gegen die Massnahmen, bzw. für weitgreifende Lockerungen gewisser Massnahmen oder generell für eine rasche Öffnung sind. Das Tragische ist also, dass es sich gar nicht so verhält: Weder die Mehrheit der Menschen halten es nicht mehr aus, noch steht die versammelte Wirtschaft am Abgrund. Es ist viel eher anzunehmen, dass der Beschluss zu öffnen sogar Folge einer medialen Fehlwahrnehmung war und weiterhin ist. Wenn nicht durch ein Wunder diese Endlosschlaufe durchbrochen wird, kommt es immer wieder wie es war. Meldungen über steigende Infektionen, Todesfälle, Shutdowns und Beschränkungen. Virologen und Epidemiologen prophezeiten dies in der Vergangenheit richtig und werden auch künftig ins Schwarze treffen. Eine grosse Veränderung gibt es allerdings: Aktuell sind viel stärker die Jüngeren betroffen.

 

Ein Demokratiefiasko auch in der Schweiz

Die Gastro- und Gewerbebranche sowie die SVP reagieren immer negativ auf jede Massnahme und die Strategie des Bundesrates. Die anderen Parteien, die Gewerkschaften, die Bevölkerung und somit die grosse Mehrheit hingegen stellen sich angesichts der unsicheren Lage hinter die Regierung. Fehlende Empathie und mangelnder Weitblick sorgten bei SVP, Gastro- und Gewerbebranche bereits kurz nach der ersten Welle für Euphorie und darauf folgende Forderungen nach Lockerungen und Öffnungen. Gefordert, getan - Zack, zweite Welle.

Genau diese Gruppierungen sind also verantwortlich für die missliche Lage, in der sie sich befinden. Die Kausalität ist hergestellt. Analysiert man die Gruppierungen um diese Forderungen herum etwas genauer, stellt man fest, dass diese vor allem eines gemeinsam haben. Eine schwache Führung. All diese Führer sind es dann auch, die Behauptungen und Pauschalisierungen in den Mund nehmen, die nicht allgemein gültig sind. So behauptet die Gastroführung z.B., dass das zögerliche Vorgehen der Regierung für den Verband für Hotellerie und Restauration unverständlich sei. Fragt man einzelne Vertreterinnen und Vertreter an, sind diese gar komplett gegenteiliger Meinung. Einige fühlen sich sogar seit Monaten vor den Kopf gestossen ob solcher Behauptungen.

Ins gleiche (Alp)Horn stösst der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) und behauptet gar, dass die Teststrategie und weiteren Massnahmen wie Schutzkonzepte, Contact Tracing und Ausweitung des Impfprogramms eine vollständige Öffnung der Wirtschaft ermögliche. Eine Behauptung, die falsch ist, da eben genau dies bisher mehrfach und international nicht so eingetroffen ist. Jede rasche Öffnung führte zu einer neuen Welle. Es sei  unverständlich, warum der Bundesrat eine solch zögerliche und perspektivlose Öffnungsstrategie fahre. Er ignoriere damit den Willen von Parlament, Wirtschaft und Kantonen, die eine Beendigung des Lockdowns verlangten. Eine glatte Lüge. Denn weder der Wille von Parlament, Wirtschaft und der Kantone, noch der Mehrheit der Bevölkerung entsprechen einem solchen Ansinnen. Die SVP masst sich sogar an zu behaupten, die Regierung verliere mit der vorsichtigen Vorgehensweise an Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Absurd.

 

Wie die dritte Welle ausfällt, darüber entscheiden nicht nur die Inzidenzzahlen oder das Tempo, mit dem sich ein exponentielles Wachstum aufbaut. Selbst relativ hohe Ansteckungsraten wären theoretisch verkraftbar, wenn sie nicht wie in der ersten und zweiten Welle drei, vier Wochen später zu vollen Intensivstationen und vielen Toten führen. Selbst "Impfweltmeister" Israel erlebte während seiner Kampagne noch einmal eine massive Todeswelle.  

 

Beeindruckt durch Lobbys

Offensichtlich sind Politiker beeindruckt wenn Lobbys dauernd wiederholen, dass es für den Mittelstand schon "5 nach 12" sei oder die Coronakrise für die Wirtschaft verheerende Auswirkungen habe. Das stimmt so natürlich nachweislich nicht. Klar haben es einige Menschen auch im Gastgewerbe, Einzelhandel und Kulturbereich schwer, unbestritten. Allerdings machen diese Branchen für die Wirtschaft oder den vielbeschworenen Mittelstand lediglich einen kleinen Teil aus. Gerade der zweite Shutdown hat gezeigt, dass die Wirtschaft ansonsten weiterwächst, nicht schrumpft, die Industrie mehr Aufträge bekommt als vor der Pandemie und es im Februar z.B. in Deutschland alles in allem auch mehr Erwerbstätige gibt als vor Beginn des zweiten Shutdowns im November. 5 nach noch oder vor 12 sieht wahrlich anders aus.

 

Anders klingt es bei den Mitte-Links-Parteien und den Gewerkschaften: Die Gesundheit der Bevölkerung und ein intaktes Gesundheitssystem haben hier absolute Priorität. Deshalb müsse die Entwicklung der Pandemie die Grundlage für die Entscheide des Bundesrates bilden. Schliesslich muss der Jojo-Effekt endlich durchbrochen werden. Sollte die Wahrnehmung falscher Meinungslage auch nur ansatzweise dazu beigetragen haben, dass in mehreren Ländern aktuell bei anlaufender dritter Pandemiewelle die Politik für Öffnungen gestimmt haben, könnte sich das schon in den nächsten Tagen und Wochen als tragisch erweisen. Vielleicht sollten wir uns in Erinnerung rufen, dass Filterblasen und soziale Medien kein repräsentatives Abbild der Bevölkerungsmeinung abgeben und uns nur noch von Fakten leiten lassen.

 

 

Verbreitung einer Pandemie

Was wir immerhin über Pandemien schon lange wissen ist, dass sich diese wegen Reisenden entwickeln können. Es wäre also ein "Leichtes" eine Pandemie zu stoppen, sollte man meinen. Aber es fehlt vor allem am Willen. Bereits die Pest im Mittelalter war eine Seuche, die sich in Europa per Schiff und auf dem Landweg über das Handelsnetz der Genueser Kolonien ausbreitete. Heute gelten Flugrouten als die schnellsten Ausbreitungswege von Infektionskrankheiten. So entwickelte sich AIDS, das durch das HI-Virus verursacht wird, u. a. durch den Flugtourismus von einem lokalen zu einem weltweiten Problem. Nachvollziehbar war dieser Effekt auch während der SARS-Pandemie 2002/2003: Während man in Asien noch die klassischen Verbreitungswege für SARS annahm, zeigte die zunehmende Zahl der Erkrankungen in Kanada diesen Reise-Effekt schon recht deutlich. Auch das Ausbreitungsgeschehen im Verlauf der Zikavirus-Epidemie 2015/2016 in Südamerika wurde mit der intensiven Reisetätigkeit während der Endrunde der Fussball-Weltmeisterschaft 2014 in Verbindung gebracht.


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