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Angst und Zukunft

Franziska Herren ((c) Christian Jaeggi Photography)
Franziska Herren ((c) Christian Jaeggi Photography)

DMZ – UMWELT / POLITIK ¦ Franziska Herren ¦

GASTKOMMENTAR

 

Wagen wir den Sprung – oder verharren wir in der Sackgasse?

Von Franziska Herren, Mai 2021

 

Heute käme niemand mehr auf die Idee, sich im Restaurant eine Zigarette anzuzünden. Doch noch vor zehn Jahren war das in unserem Land gang und gäbe. Rauchen war selbst dann ganz normal, wenn am Nachbartisch eine Familie mit Kindern sass. Wer das Grundrecht des Rauchens in Frage stellte, konnte mit heftigem Unmut rechnen. Vor gut zehn Jahren noch.

 

An diese Zeiten fühle ich mich in der Debatte um die Trinkwasserinitiative immer wieder erinnert. Obwohl eine Million Menschen Trinkwasser trinken, das die Grenzwerte für Pestizide nicht einhält, obwohl enorme Gülleüberschüsse unsere Biodiversität dezimieren, obwohl durch die intensive Tierhaltung antibiotikaresistente Bakterien unsere Gesundheit unmittelbar bedrohen: die landwirtschaftlichen Praktiken, die diese Probleme verursachen, werden wie ein Grundrecht verteidigt. Und wer dieses angebliche Grundrecht in Frage stellt und sauberes Wasser und eine intakte Umwelt einfordert, erntet Unmut, Wut oder gar blinden Hass.

 

Während die Bauernpresse den Abwehrkampf gegen die Agrarinitiativen anheizt, entfaltet sich parallel bereits die Zukunft. Seit Jahrzehnten zeigen tausende Bäuerinnen und Bauern im In- und Ausland, wie Lebensmittel im Einklang mit einer lebendigen Umwelt, mit intakter Biodiversität und sauberem Trinkwasser produziert werden. Die Erträge des pestizidfreien Anbaus fallen mit intelligenten Methoden – etwa Mischkulturen – gleich hoch aus wie bei intensiven pestizidabhängigen Monokulturen. Auch die Märkte wären da: Migros sucht händeringend nach Betrieben für die Produktion von Eiweisspflanzen als Zutaten für veganen Fleischersatz.

 

Angesichts dieses enormen Potenzials fragen sich viele Konsument*innen, warum der Widerstand in Bauernkreisen gegen die Trinkwasserinitiative so gross ist. Immer wieder habe ich in Veranstaltungen hinter der aggressiven Ablehnung der Bauern Angst erkennen können. Denn viele Bauern haben sich in eine Sackgasse manövriert, oder eigentlich: sind dorthin manövriert worden. Sie sitzen fest in einem Spinnennetz vielfältiger Abhängigkeiten von Saatgut-, Futtermittel- und Pestizidlieferanten, von Bankkrediten für überdimensionierte Gebäude für ihre immer weiter aufgestockten Tierbestände, von knallhart verhandelnden Grossverteilern. Und obwohl sie sich von diesem System bei Annahme der Trinkwasserinitiative befreien könnten, fürchten sie die Freiheit. Der Spinne ist es gelungen, sie von den Vorteilen der Abhängigkeit zu überzeugen. Die Angst vor dem Verlust des Spinnennetzes scheint grösser als die Hoffnung auf eine bessere, gesündere und gesellschaftlich akzeptierte Landwirtschaft.

 

Die Fäden in diesem System zieht derweil die Agrarlobby. Doch weder Pestizidhersteller wie Syngenta noch Futtermittelimporteure wie Fenaco oder Fleischkonzerne wie Bell müssen ihre Interessen im Abstimmungskampf selber vertreten und verteidigen. Sie schicken die Bauern vor und liefern ihnen die Argumente gleich mit. Diese sind oft weit hergeholt oder beruhen auf einer unzulässigen Auslegung unseres Initiativtexts. Assistiert wird die Argumenteschmiede der Agrarlobby von Agroscope, der Agrarforschung des Bundes. Hier wurden – finanziert mit Steuergeldern – Studien gegen die Trinkwasserinitiative erstellt, die Experten als unwissenschaftlich und einseitig zurückweisen.

 

Dabei ist die Trinkwasserinitiative für die Schweizer Bauernbetriebe eine historische Chance, ein einzigartiges window of opportunity. Die Betriebe würden finanziell und durch Forschung und Ausbildung beim ökologischen, pestizidfreien Anbau unterstützt und könnten pro Betrieb zehntausende Franken für Pestizidkäufe einsparen. Sie könnten ihre Tiere so halten, dass sich der prophylaktische Einsatz von Antibiotika erübrigt, der Nährstoffkreislauf geschlossen ist und Seen und Grundwasser unbehelligt bleiben. Eine historische Neuausrichtung also, dank der Schweizer Bauern wasser- und umweltverträglich gesunde Lebensmittel für die Schweizer Bevölkerung produzieren können. Und das in einem realistischen Zeithorizont, denn für die Umstellung gilt eine Übergangsfrist von acht Jahren.

 

In der zunehmend verhärteten Debatte werde ich immer wieder an die Raucherdiskussion der Nullerjahre erinnert. Im Hintergrund zogen Tabakkonzerne die Fäden, unterdrückten jahrelang kritische Informationen über wissenschaftliche bewiesene Gefahren, schürten die Angst vor dem Verlust der Raucherfreiheit und liessen die empörten Raucher für sich Kampagne machen. Doch den Wandel der Zeiten konnten sie mit dieser Totalblockade nicht aufhalten, am 1. Mai 2010 war es vorbei. – Wenn nun alle kühlen Kopf bewahren, wird am 13. Juni 2021 auch das Ende der Pestizidära eingeläutet. Und wenn nach acht Jahren Übergangsfrist die Trinkwasserinitiative 2029 in Kraft tritt, wird der tägliche und flächendeckende Einsatz von Pestiziden ebenso aus der Zeit gefallen wirken wie ein verrauchtes Restaurant.


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