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«Erzählen durch Leerstellen»

DMZ –  KULTUR ¦ Urs Heinz Aerni ¦

 

Aus Flims über San Francisco nach Zürich zum ersten Roman über eine literarische Olivia, die wiederum ihre eigene Welt zum Schutz erbaut. Die Bündnerin Lea Catrina gibt Einblicke ins Making Of des Buches.

 

Urs Heinz Aerni: Unter uns, ich öffnete das Buch ohne viel Erwartung, auch etwas ermüdet, ob der schieren Menge an Novitäten die meinen Schreibtisch und die Regale unter physischem Druck setzen. Als ich mich aber nach dem Mittagessen darniederlegte und mit der Lektüre begann, gewann ich wieder etwas zurück. Der Glaube an neue Bücher mit neuen Stimmen, die es in sich haben. Soweit zu mir und nun zu Ihnen. Sie studierten in Chur an der damaligen HTW «Multimedia Production» und entscheiden sich nun für das geschrieben Wort.

Lea Catrina: Ich habe damals Multimedia Production studiert, weil ich Journalistin werden wollte. Gearbeitet habe ich danach aber vor allem als Texterin – und nebenbei heimlich an ersten Geschichten. Da liegen noch zwei Romanversuche in einer Schublade.

 

Aerni: Was kann Text, was Multimedia nicht kann?

Catrina: Text kann so viel. Der Leser muss aktiv mitarbeiten, damit etwas entsteht, alles spielt sich direkt im Kopf ab, ungefiltert. So wird im besten Fall jede Geschichte persönlich. Alle Medienformen haben ihren Reiz, aber neben Text ist mir Film besonders wichtig. Das ist für mich wie Musik hören. Ruhige Filme mag ich am liebsten. Meine Familie hat sogar ein Genre danach benannt, «Lea-Filme». Dann heisst es: «Ach, das ist wieder so ein langweiliger Lea-Film».

 

Aerni: In Ihrem Roman erzählen Sie von einer Olivia, die aus der Misere einer auseinanderfallenden Familie und von ihrer psychisch kranken Mutter in eine neue synthetisch zurechtgebastelten Welt zu entfliehen sucht. Erlauben Sie mir folgende Frage: Nach einem Studium für Literarisches Schreiben in Zürich und der Austausch in einem Literaturkollektiv fanden Sie Ihren lesenswerten Ton. Wie viel prozentualen Anteil macht Ihr Schreiben die Wut aus, im Verhältnis zum erlernten Kreativen Schreiben?

Catrina: Interessant, dass Sie von Wut sprechen. So habe ich das gar noch nie gesehen. Ich verspürte definitiv einen starken Drang, diese Geschichte aufzuschreiben. In welchem Verhältnis dieser Drang zum Schreiben steht? Vielleicht als Katalysator.

 

Aerni: Und die Kreativität?

Catrina: Ich glaube, ihr muss man vor allem Raum und Zeit geben. Das habe ich mit dem Besuch dieses Lehrgangs gemacht. Zudem ging es für mich darum, Menschen zu treffen, die meine Leidenschaft teilen. Ich habe Freunde gefunden, die mein Leben seither enorm bereichern und essentiell waren für die Entstehung dieses Buches. Schreiben kann man lernen. Kreativität kann man entdecken. Seine Stimme muss man selbst finden.

 

Aerni: «Die Welt, von der ich Stunden zuvor noch ein Teil gewesen war, stand auf einmal neben mir, als wäre ich versehentlich in die falsche Richtung gelaufen.» ist in Ihrem Buch zu lesen. Mit Ihrem Debüt geraten Sie in die Welt der Literaturszene. Erwartungen? Hoffnungen? Erste Enttäuschungen?

Catrina: Mein Ziel war es, ein Buch zu schreiben. Dass es nun auch noch veröffentlicht wurde, ist ein Erfolg, mit dem ich nicht gerechnet habe. Alles, was jetzt noch kommt, ist daher extra. Was die Literaturszene angeht, habe ich bisher nur positive Erfahrungen gemacht. Ich sehe mich selbst in erster Linie als Leserin, die den Austausch mit anderen Lesern sucht – neuerdings auch über mein eigenes Buch.

 

Aerni: Sie wählten die Ich-Perspektive. War mal die auktoriale Perspektive eine Option?

Catrina: Das ist eine gute Frage. Die Geschichte lebt meiner Meinung nach vor allem von den Leerstellen, all dem, was Olivia trotz der Nähe zum Leser weglässt. Dieses vermeintliche Anvertrauen prägt die Erzählstimme. Olivia versucht verzweifelt herauszufinden, was die anderen Figuren denken, fühlen oder wollen. Eine auktoriale Perspektive hätte dieses Spannungsfeld aufgelöst und war daher nie eine Option.

 

Aerni: Diesen Satz – und nicht nur diesen – habe ich genossen: «Manche Menschen sieht man klarer aus der Ferne.» Er stammt aus einer Schlüsselszene eines intimen Erlebnisses. Wann wussten Sie, dass der Roman vollbracht war?

Catrina: Irgendwann während des Schreibprozesses hatte ich ein Endbild vor Augen. Als ich dann dort angelangt war, fühlte sich auch die Geschichte fertig erzählt an. Danach ging es nur noch darum, alle überflüssigen Wörter zu entfernen und die Fehler zu beheben ... Richtig damit abschliessen konnte ich jedoch erst, als die Figuren aufhörten, mich im Alltag zu begleiten. Sie sind zwar immer noch in meinem Kopf, haben sich aber zurückgezogen.

 

Aerni: Sie bewegen sich in verschiedenen Sphären unseres Lebens, dort engagieren Sie sich für ein «Bed & Breakfast» in bündnerischen Stampa und für die Zeitschrift Annabelle schreiben Sie über Ihre Eindrücke in San Francisco im in der ersten Pandemie-Welle. Welche Ausdrucksform oder Arbeit würden Sie auf die berühmte Insel mitnehmen?

Catrina: Ich würde immer das Schreiben wählen. Und ich würde Fiktion dem autobiografischen Schreiben vorziehen. Auf diese Weise kann man das Menschsein in all seinen Facetten entdecken und steht sich selbst am wenigsten im Wege.

 

Aerni: Sie sind in Flims aufgewachsen und leben heute in Zürich. Wie wichtig ist für Sie das Umfeld für das Schreiben? Wie prägt die Aura eines Schneeberges im Vergleich … sagen wir mal … mit einem Sommerabend an der Langstraße Ihre literarische Kreativität?

Catrina: Es ist weniger entscheidend, wo ich bin, als das ich alleine bin, in einem abschliessbaren Raum. Nur so kann ich mich vergessen und nur, wenn ich mich vergesse, kann ich schreiben. Dabei geht es nicht um Abgrenzung, sondern um Empathie. Um die Frage: Wie fühlt es sich an, jemand anders zu sein? Zur Abwechslung setze ich mich gerne in ein Café. Der Lärm und das rege Treiben rundherum können sehr beruhigend wirken. Alleine im Chaos. Auch da kann ich mich vergessen.

 

Aerni: Letzte Frage. Wenn ich ein Gemälde malte, mit einem lesenden Menschen mit Ihrem Buch in den Händen, wie sollte dieses aussehen?

Catrina: Auf dem Sofa, ein Stück Pizza in der einen, das Buch in der anderen Hand, daneben eine halb leere Flasche Rotwein und der Pizzakarton mit dunklen Fettflecken. Das Handy umgedreht, sodass man das Display nicht aufleuchten sieht. Es ist später Abend, die Stehlampe im Wohnzimmer leuchtet gerade hell genug. Im Hintergrund ein Korb sauberer Wäsche, die Weisswäsche liegt zuoberst.

 

 

Lea Catrina (1987) ist Autorin und Texterin. Sie hat Multimedia Production in Chur sowie Literarisches Schreiben in Zürich studiert. Zudem ist sie seit 2019 Mitglied des Literaturkollektivs «Jetzt». Catrina ist in Flims aufgewachsen, lebt heute in Zürich und verbringt einen Teil des Jahres in der San Francisco Bay Area.

 

Das Buch: «Die Schnelligkeit der Dämmerung» von Lea Catrina, Arisverlag, ISBN 978-3-907238-08-0, 2021

 

 


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