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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Die innere Weltreise V

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Wenn die Reiseidylle zum Albtraum wird: Warum so viele Passagiere bei Kreuzfahrten verschwinden. Eine Frau geht über Bord und überlebt zehn Stunden im kalten Wasser. In der Regel enden ähnliche Fälle meist tödlich. Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der wir existenziellen Fragen nachgehen. Wir befinden uns noch immer auf der inneren Weltreise. Aber dieses Mal, dieses Mal ist alles anders...

 

Wasserrutschen auf Deck, ausschweifende Buffets und spektakuläre Unterhaltungsprogramme: Moderne Kreuzfahrtschiffe werben mit einem Luxus, der oft selbst Fünf Sterne-Hotels in den Schatten stellt. Die Anziehungskraft ist ungebrochen. Seit Jahren boomt das Geschäft. Beflügelt von Urlaubern, die sich nebst homöopathischen Reisehäppchen an den Häfen der Meere Entspannung und Entertainment erhoffen. Doch manchmal entpuppt sich das Urlaubsparadies als Albtraum. Immer wieder gehen Passagiere über Bord und so mancher Fall bleibt ungeklärt. „Tatsächlich verschwinden im Schnitt jedes Jahr über 20 Menschen von Bord eines Cruise Liners“, erklärt Ross Klein, Professor für Maritime Studien von der kanadischen Universität Neufundland. Insgesamt 315 solcher Fälle hat der Experte seit dem Jahr 2000 dokumentiert. Ein Teil der Vermissten sei auf Suizide zurückzuführen, andere seien das Resultat unglücklicher Unfälle, oft als Folge von übermässigem Alkoholkonsum. „Besorgniserregend ist jedoch, dass es in rund 30 Prozent aller Geschehnisse keinen Anhaltspunkt gibt, was mit den Passagieren geschehen sein könnte“.

 

Der Schluss liegt nahe, dass nebst Selbstmörder, die es vorziehen, im blutroten Himmel eines malerischen Sonnenunterganges zu ertrinken, oder im leuchtenden Pfad, der die Spiegelung des Vollmondes auf der Meeresoberfläche hervorruft, Kreuzschifffahrten ein wahres Eldorado für Mordgetriebene sind. Denn seien wir ehrlich, einmal über Bord, werden die wenigsten Passagiere wieder gefunden. Insbesondere, wenn dies im Stillen, unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit geschieht. Reiselustige Triebtäter brauchen nur die späten Abendstunden abzuwarten, in denen der eine oder andere Feriengast an der Reling steht um sich eine Zigarette zu gönnen, die Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen oder sich sturzbetrunken im offenen Gewässer erleichtern möchte. Haben wir es dann auch noch mit einem tosenden Wellengang oder dem Umstand zu tun, dass sich das Opfer in der Nähe einer lauten Bar befindet, wird ein zufällig vorbeilaufender Mitreisender kaum bemerkt. Zumal dies an Deck eines Cruise Liners ja was ganz Normales ist... Die mitgebrachte Tatwaffe, wenn es denn einer solchen bedarf, lässt sich zudem mit dem oder der Unglücklichen in einem Zug entsorgen...

 

Oder vielleicht ist es nochmals ganz anders als wir glauben. Vielleicht sind es nicht diejenigen die Freude daran finden andere beiseite zu schaffen die gerne ihr Unwesen auf grossen Passagierschiffen treiben, sondern diejenigen, die untertauchen wollen. Diejenigen deren Anliegen es ist, ihr Dasein in den Weiten der Ozeane zu ertränken. Könnte es nicht sein, dass ein Bruchteil der Reisenden zwei Kabinen auf zwei verschieden lautende Namen bucht, um die Spuren der eigenen Existenz zu verwischen? Um so zu tun, als ob sie in den blauen Tiefen ums Leben kamen, derweil sie zum Ende der Reise als jemand ganz anderer von Bord gehen?

 

«Ich gehe kurz Zigaretten holen» ist ein geflügeltes Wort, das einen Mythos begründet. Nämlich von demjenigen, der plötzlich verschwindet und nicht wiederkehrt. Der vorgaukelt, einer kurzen, belanglosen Tätigkeit nachzugehen um sich durch die Hintertür auf immer und ewig zu verabschieden. Heute, im Zeitalter der Nichtraucher, mögen andere Vorwände herhalten, aber verschwinden werden die Flüchtenden weder aus unserer Wirklichkeit noch aus unserer Phantasie. Wer aus seinem Leben türmt, ausbricht und entweicht, schlägt der Vorhersehbarkeit ein Schnippchen. Der will seine Geschichte loswerden, der will ein anderer werden oder an einem anderen Ort zu sich kommen. Und manche wollen ganz einfach weg. Die Zurückgebliebenen sind es, die mit dem Verlust zurechtkommen müssen und den Verschwundenen ihre Aura verleihen. Dabei sind ihre Mutmassungen über Motive und mögliche Aufenthaltsorte oft nichts anderes als ein Ausdruck der Weigerung, das Unverständliche zu akzeptieren.

 

Agatha Christie war keine Unbekannte, als sie mit 36 Jahren verschwand: sechs Jahre lang hatte sie Detektivromane veröffentlicht, die ein immer grösser werdendes Publikum begeisterte. Am 3. Dezember 1926, in einer dunklen, stürmischen Nacht, packte sie einen Koffer und fuhr in ihrem zweisitzigen Sportwagen davon. Am Tag darauf durchkämmten bereits hunderte Polizisten die Gegend. Oberst Archibald Christie hatte seine Frau unverzüglich als vermisst gemeldet. Ihr Wagen wurde schnell gefunden: In der Nähe von Guildford hing er über einem Kalksteinbruch, die vorderen Räder ragten über die Klippe. Auf dem Sitz lag der offene Koffer, die Kleider darin waren zerwühlt. Die Polizei war ratlos, obwohl es zahlreiche Vermutungen und Theorien über ihr Verschwinden gab. Ihr Mann sagte aus, sie sei mit ihren Buchprojekten überarbeitet gewesen bis an die Grenze der Erschöpfung. Freunde versicherten, sie habe es in ihrem einsam gelegenen Haus nicht mehr ausgehalten, in dessen Nähe sich kurz zuvor ein Mord und ein Selbstmord ereignet hatten. Eine Weile hielt Scotland Yard Gerüchte für glaubhaft, die einen Selbstmord der Schriftstellerin annahmen, weil sie es nicht geschafft habe, ihr jüngstes Buch zu Ende zu bringen. Einige wenige behaupteten dagegen, ihr Verschwinden sei eine raffinierte PR-Massnahme zur Lancierung ihres neuen Romans.

 

Scotland Yard, die Polizei und unzählige Privatpersonen hielten nach ihr Ausschau, zu Fuss, auf Fahrrädern und in Autos. Insgesamt waren über 15 000 Leute unterwegs auf der grössten Suche nach einer vermissten Person, die bis dahin je in Grossbritannien durchgeführt wurde.

 

Die Entdeckung der Verschwundenen war weit weniger spektakulär als die Lösung der Fälle in ihren Büchern: Kein scharfsinnig kombinierender Hercule Poirot trat auf den Plan, sondern ein Gast des Seebads Hydro Harrogate in Yorkshire erkannte seine Tischnachbarin wieder. Bei ihrer «Entdeckung» wirkte Agatha Christie völlig überrascht. Sie wusste nicht, wer sie war. Angekommen war sie zu Fuss, im Hotel hatte sie sich unter einem falschen Namen eingetragen und behauptet, «vom Kap der Guten Hoffnung» zu stammen. Offensichtlich litt sie an einer vollständigen Amnesie. Während ihres Aufenthalts hatte sie Tanzveranstaltungen besucht, mit anderen Frauen Billard gespielt und, wie alle Gäste, mit Interesse die Pressemeldungen über das Verschwinden Agatha Christies verfolgt. Nur langsam fand die Schriftstellerin wieder zu sich. Ihren Mann verwechselte sie zunächst mit ihrem Bruder, und daran, wie sie wirklich nach Hydro Harrogate gekommen war, erinnerte sie sich nicht. Der Verlust ihres Gedächtnisses aber erwies sich als finanzieller Gewinn: Der internationale Medienrummel der ihr Verschwinden hervorgerufen hatte, erhöhte ihren Marktwert schlagartig. Die Zeitungen rissen sich um Vorabdrucke der neuen Bücher, die alten Romane wurden wieder aufgelegt. Agatha Christie war nun weltbekannt.

 

Verschwinden können aber nicht nur Personen, sondern auch Schiffe. Man denke nur an das Bermuda Dreieck. Ein Seegebiet im Atlantik, nördlich der Karibik und zwischen Südflorida, Puerto Rico und Bermuda gelegen. Dieses Gebiet bekam infolge mehrerer dort tatsächlich oder vermeintlich stattgefundener Schiffs- und Flugzeugkatastrophen den mysteriösen Ruf, dort spielten sich gehäuft entsprechende Unfälle ab... Dass eine Geschichte aber einfach so verschwindet, dass habt Ihr noch nie gehört. Denn wenn sie nicht mehr ist, dann hat sie wohl nie stattgefunden. Und wenn, dann könnt Ihr Euch nicht mehr daran erinnern. Nichtwahr? Denn wenn sich jemand an die Geschichte erinnert, dann ist sie nicht verschwunden... Oder ist der Zusammenhang etwas komplexer? Ich gehe jetzt mal Zigaretten holen. In der Zwischenzeit könnt Ihr ja der Frage nachgehen, ob diese Serie eine Fortsetzung erfährt...

 

Wer die Abenteuer der Inneren Weltreise bis anhin verpasst hat, kann sie hier nachlesen:

 

Die innere Weltreise I: Von Sankt Petersburg über Helsinki bis nach Stockholm, Berlin und Wien. https://bit.ly/2U0Qcvx

 

Die innere Weltreise II: Die Ultimative Playlist für Euer Kopfkino. Die 41 schönsten Songs für Eure fantastischsten Gedankenreisen. https://bit.ly/3gS75Bk

 

Die innere Weltreise III: Zu Fuss von Wien nach Zürich und von da nach Venedig, Paris und London. https://bit.ly/3xVHywH

 

Die innere Weltreise IV: Auf nach Australien! Den Ort, an dem mein Vater als Fünfjähriger verbannt wurde. Von den Schweizer Behörden. Nach dem Aufenthalt im Konzentrationslager Bergen Belsen. Im Schlepptau sein kleiner Bruder... https://bit.ly/3jCwqRB

 

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