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Taliban, Twitter, Trump: Die Wahrheit stirbt zuerst

DMZ – INTERNATIONAL ¦ Oliver Stock ¦

KOMMENTAR

 

Die Katastrophe in Afghanistan nimmt ihren Lauf. Doch die richtigen Fragen werden hierzulande einfach nicht gestellt. Hier sind fünf davon.

Seit einer Woche steht Afghanistan im Mittelpunkt des Weltgeschehens, und es fällt auf, wie gleichförmig die Berichte sind, die uns derzeit um Ohren und Augen fliegen wie Wüstensand. Von einem Land, das von mordenden Eroberern überrollt wurde, wird berichtet. Über die völlig falsche Einschätzung der Lage von deutscher Seite wird geklagt und Schuldige werden ausgemacht. Über die im Vergleich zu den amerikanischen Einsätzen kläglichen Bemühungen der Deutschen, ihre Leute aus Kabul in Sicherheit zu bringen, können sich gar nicht genug Kommentatoren erregen.

 

Was fehlt, ist die andere Sicht. Die andere Erzählung der Ereignisse, die genauso den Anspruch erheben kann, die Wirklichkeit abzubilden, wie das, was derzeit auf Social-Media-Kanälen, Nachrichtenplattformen und Fernsehbildern hierzulande zu sehen ist. Dass es diese Perspektive gibt, zeigen all diejenigen, die nicht durch die deutsche oder die US-Brille gucken, sondern vielleicht durch die chinesische, die russische oder ganz unverdächtig: die Schweizer Brille. Roger Köppel beispielsweise, Chefredakteur der Schweizer Weltwoche, hat in einem hörenswerten Podcast den Irrsinn der Berichterstattung treffend beschrieben. Er fragt sich nicht nur, was von einer Nachrichtenplattform namens Twitter zu halten ist, die dem ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump den Zugang noch immer sperrt, die Taliban aber munter ihre Botschaften in die Welt posaunen lässt. Nein, die neutralen Schweizer decken auch ein paar andere Ungereimtheiten auf.

Auf den Punkt gebracht, sind es fünf Fragen, die derzeit in Deutschland nicht gestellt werden:

Erstens: Was ist von einer Politik zu halten, die in den vergangenen 100 Jahren dreimal versucht hat, Afghanistan zu besetzen – erst kamen die Briten, später die Sowjets, und schließlich die US-Amerikaner - und jedes Mal von den bärtigen Männern aus den Bergen vertrieben wurde? Die Antwort könnte lauten: Es stimmt etwas an dem Konzept nicht, ein fremdes Land mit gänzlichen anderen Strukturen und Kulturen zu besetzen und den Menschen nahezulegen, die eigenen Werte zu übernehmen.

 

Zweitens: Was ist von einem US-Präsidenten zu halten, der in vier Tagen ein solches weltpolitisches Desaster anrichtet, wie sein Vorgänger in vier Jahren nicht? Vielleicht ist der Vergleich Joe Bidens mit seinem Vorgänger unfair, aber selbst der Sturm aufs Kapitol erreicht nicht die weltdramatische Bedeutung der Bilder von Menschen, die jetzt über Kabul aus den einziehenden Fahrwerken startender Flugzeuge fallen. Ein derartiger Über-Nacht-Abzug der US-Truppen und eine von ihren Verbündeten, Ausbildern und Helfern im Stich gelassene afghanischen Armee zeugt von krassem Missmanagement und Fehlentscheidungen der Oberbefehlshaber Washington.

 

Und damit im Zusammenhang steht drittens der Frage: Warum haben die Taliban Afghanistan weitgehend ohne Widerstand einnehmen können? Die Antwort könnte lauten, dass sie gar nicht allerorten die verhassten und gefürchteten Eroberer sind, als die wir sie betrachten. Unsere Wahrnehmung ist geprägt aus Berichten, die 25 Jahre alt sind, und aus der Zeit stammen, als die Taliban das letzte Mal in den neunziger Jahren die Herrschaft in Kabul an sich rissen. Ob sie nicht schon aus rein machtpolitischen Motiven es diesmal anders versuchen, um sich länger an der Spitze zu halten – wir wissen es nicht. Wir ahnen furchtbares, wir suchen uns die passenden Bilder zum Beweis unserer Ahnung und erklären alle beschwichtigenden offiziellen Statements der neuen Führung zur Propaganda.

 

Viertens: Wir bezeichnen unsere Politiker als Versager, weil sie die Situation nicht haben kommen sehen. Das ist eine rückwärtsgewandte und damit irgendwie nutzlose Betrachtung. Nach vorne gerichtet, stellt sich die Frage, was ist von Politikern hierzulande zu halten, die noch vor vier Wochen Afghanen allgemein als kriminalitätsaffin bezeichnet haben und sich jetzt mit möglichst hohen Zahlen überbieten, von Afghanen, die sie in ihrem (Bundes)land aufnehmen wollen?

 

Es war der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, dessen Fangemeinde in Deutschland möglicherweise größer ist als in Österreich, der im Juli auftrumpfte und in einem Interview mit einer deutschen Zeitung feststellte: „Mit mir wird es definitiv keinen Abschiebestopp nach Afghanistan und keine Aufweichung der Asylgesetze geben.“ Er kündigte eine Fortsetzung seiner konsequenten Abschiebepolitik an, auch wenn die Taliban noch weitere Teile des Landes unter ihre Kontrolle bringen sollten. Wenn Menschen fliehen müssten, dann halte er „Nachbarstaaten, die Türkei oder sichere Teile Afghanistans definitiv für den richtigeren Ort, als dass die Menschen alle nach Deutschland, Österreich oder Schweden kommen.“ Er fügte hinzu: „Sie müssen sich ja nur die Kriminalitätsstatistiken anschauen. Vieles, was es hier an Brutalität gibt, hat es in der Vergangenheit so nicht gegeben. Die Zahlen sind sehr eindeutig in gewissen Gruppen, was die Häufung der Gewaltverbrechen betrifft, was die Häufung von sexueller Gewalt gegen Frauen zum Beispiel betrifft.“ Unionpolitiker schlossen sich dem an und auch Regierungssprecher Steffen Seibert, sah bis Ende vergangenen Monats keinen unmittelbaren Anlass, den Abschiebestopp aufzuheben. Inzwischen passt diese Haltung politisch gar nicht mehr - aber auf was für Flüchtlinge müssen wir uns denn jetzt gefasst machen?

 

Fünftens schließlich die Frage: Warum reichen in der Außenpolitik erfahrene Großmächte wie China und Russland den Taliban die Hand, während wir sie verschämt einziehen? Die Politik des Westens ist gescheitert, darin sind sich alle hierzulande einig. Dass die Konsequenz heißt: Machen wir eine andere Politik, sagt aber keiner. Machthaber zu ignorieren, führt nur begrenzt zu Erfolgen. Nordkorea ist dafür ein Beispiel. Viele Nordkoreas kann sich die Welt jedenfalls nicht leisten. Kooperation ist manchmal ein schmerzvoller, aber mitunter erfolgreicher Weg zur Veränderung. Andere gehen ihn, wir nicht. Warum?

 

Neben diesen Fragen, deren Antworten eine andere Sicht auf die Geschehnisse bringen könnte, verblasst die Frage nach dem Irrsinn von Twitter ein wenig. Die Antwort, warum die Taliban noch twittern, ist eine banal technische: Es gibt einfach zu viele Accounts, die überprüft und lahmgelegt werden müssten. Trump ist einer, die Taliban sind einige zehntausend. Allerdings macht die Haltung von Twitter klar, wohin Zensur auf jeden Fall immer führt: Die Wahrheit stirbt zuerst.

 

 

 

Herausgeber / Quelle: Taliban, Twitter, Trump: Die Wahrheit stirbt zuerst: WirtschaftsKurier - Nachrichten und Kommentare aus Politik und Wirtschaft


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