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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Wenn Künstler ihre eigenen Werke zerstören.

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                        

 

Wenn Künstler ihre eigenen Werke zerstören... So lautet der Titel meiner neuen Kolumne. Herzlich willkommen. Und nein, Ihr bekommt kein leeres Blatt serviert. Keine Bange.

 

Das Verblüffen war mit Händen zu greifen, als 2018 im vollen Auktionssaal von Sotheby’s in London gleich nach der Versteigerung eines Bildes von Banksy der im Rahmen versteckte Schredder einsetze und das für 1,3 Millionen US Dollar erworbene Werk in kleine, dünne Streifen schnitt. Ein je nach Standpunkt entsetztes oder begeistertes Publikum war soeben Zeuge einer vom Künstler inszenierten Aktion geworden.

 

Banksy, so die kunsthistorische Einordnung, habe damit ein Zeichen gegen die Übermacht des Kunsthandels setzen wollen, der es mit seinen horrenden Preisen zunehmend verunmöglicht, dass Museen und öffentliche Sammlungen Werke bedeutender Künstler erwerben können. Und diese somit aus den Augen der Öffentlichkeit in die Privaträume von Milliardären verschwinden... In dieser Absicht ist er allerdings, was das Werk selbst betrifft, grandios gescheitert. Denn der kommerzielle Wert von «Girl with Balloon» dürfte sich dank dieser Performance um ein Vielfaches gesteigert haben. Bestimmt war er sich dessen bewusst. Denn die neue Arbeit mit Schredder und lose aus dem unteren Ende des Bildrahmens wedelnden Papierfetzen erhielt posthum einen Namen. «Love is in the Bin», was soviel wie «Die Liebe ist im Eimer» bedeutet. Und tatsächlich, während ich noch diese Zeilen schreibe, erreicht die Welt die Nachricht, dass Sotheby’s die Arbeit für 22 Millionen US Dollar versteigert hat. 22 Millionen US Dollar! Und dann auch noch für ein zerstörtes Werk! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen...

 

So unglaublich dies klingen mag: Die Idee eine Kolumne über Künstler zu schreiben die ihre Werke selber zerstören schlummert schon lange in mir. Diese Woche wollte ich es endlich anpacken. Und nun, kaum setze ich mich hin und wähle Banksy als Aufhänger für das Thema, spielt dieser mir mit der am Donnerstag veröffentlichten Meldung einen ganz persönlichen Streich. Wer da noch an Zufälle glaubt...

 

Zurück zu meiner Kolumne. Auf den ersten Blick wirkt das Ereignis von 2018 absolut brisant. Der aus Bristol stammende Streetart-Künstler hat, so zumindest die Annahme, ein von ihm manipuliertes Werk beim Londoner Auktionshaus hineingeschmuggelt. Ob der ganze Coup jedoch tatsächlich so überraschend und ungeplant war, ist mehr als umstritten: denn in der Regel werden vor einer Versteigerung die eingereichten Kunstwerke von einem Expertenteam genaustens untersucht.

 

So oder so: Für Sotheby’s barg die Aktion eine spektakuläre Publicity. Und für Banksy natürlich einen Triumph. Seine Werke leben von der heimlichen, verborgenen und verschwiegenen Spontaneität, mittels derer er sie illegal an die Wände aller Herren Länder sprayt. Und ihrer oftmals kurzen Lebensdauer im öffentlichen Raum. Seine Kunst ist also primär nicht für Museen und für Privatsammler gedacht und richtet sich an ein öffentliches Publikum, dem er auf spielerische Art und Weise politische und gesellschaftspolitische Botschaften vermitteln möchte. Denn Banksy versteht sich vor allem auch als Aktivist.

 

In diesem Fall war das öffentliche Schreddern bei Sotheby’s der entscheidende Aspekt der Aktion. Die Versteigerung eines schon zerschnittenen Werkes wäre nicht halb so spektakulär gewesen. Die Zerstörung des ursprünglichen Bildes war also die Grundvoraussetzung und der eigentliche Entstehungsprozess für das neue Werk. Gleichzeitig wurde, wenn auch unbeabsichtigt, zum ersten Mal in der Geschichte eine Performance bei einer Auktion verkauft. Hier wurde Kunstgeschichte geschrieben. Und damit sind wir bei dem Thema, um das es eigentlich gehen soll: die Zerstörung als Teil des künstlerischen Prozesses. Banksy ist nämlich keinesfalls der erste Künstler, bei dem das „Kaputtmachen“ eine große Rolle spielt.

 

Hunderte wenn nicht tausende Künstler*innen haben in den letzten 600 Jahren ihre Bilder übermalt und damit unwiederbringlich zerstört. Man darf sich gar nicht vorstellen, wie viele Arbeiten dabei der Kunstgeschichte verloren gingen. Von der Renaissance bis zum Barock, über die Klassik, den Impressionismus bis hin zur klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst ist dieses Phänomen weit verbreitet. Und dies nicht nur in Zeiten des Krieges, bei persönlichen Krisen oder aus Armut - auch aus Gedankenlosigkeit und falscher Sparsamkeit wurden über die Jahrhunderte zahlreiche Werke vernichtet.

Vor Augen muss man sich halten, dass bis zur Erfindung der Farbtube 1841 und der transportierbaren Staffelei alles was mit Malerei zu tun hatte extrem aufwendig und unglaublich teuer war. Auch die Leinwand. Denn die Farben mussten selbst gemischt, die exklusiven Inhaltsstoffe auf komplizierten Wegen besorgt und die Leinwände produziert und zugeschnitten werden. Und auch danach blieb bis zur Massenproduktion der Malutensilien die Beschaffung des notwendigen Zubehörs nicht eben günstig. Und von den Bilderrahmen wollen wir gar nicht erst sprechen.

 

Natürlich ist es legitim sein eigenes Werk zu übermalen, wenn man dieses im Rückblick für misslungen hält. Und auch macht es keinen Sinn, hunderte von Bildern aufzubewahren - irgendwo müssen diese ja auch gelagert werden - wenn eine Vielzahl hiervon minderer Qualität sind. Nur ist dies mit der persönlichen Bewertung so eine Sache. Insbesondere Künstler*innen sind sehr anfällig für ein Übermass an Zweifel. Jeder Mensch durchläuft gewisse Stimmungen, Phasen, macht Modeerscheinungen mit und lässt sich im Denken und Handeln von anderen beeinflussen. Und erkennt vielleicht erst Jahre später, dass ein bestimmtes Bild ein Schlüsselwerk war. Weil es dabei half, bestimmte Gedanken und Ideen in das Gesamtwerk hineinfliessen zu lassen...

 

Ich sehe schon, diese Kolumne erfährt eine Fortsetzung. Einen zweiten Teil gibt es bestimmt. Eventuell sogar einen dritten. Nur bei der Playlist bin ich mir nicht ganz so sicher... Songs über Künstler*innen die ihre eigenen Werke zerstören? Fällt Euch hierzu etwas ein? Falls ja, freue ich mich über Eure Ideen und Vorschläge in der Kommentarspalte.

 

Ganz liebe Grüsse – Euer Alon

 

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