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Missbrauch des Holocaust-Mahnmals

Stelenfeld, Foto: Marko Priske  © Stiftung Denkmal
Stelenfeld, Foto: Marko Priske © Stiftung Denkmal

DMZ –  GESELLSCHAFT / LEBEN ¦ MM ¦ AA ¦              Stelenfeld, Foto: Marko Priske © Stiftung Denkmal

KOMMENTAR

 

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird von den meisten Berlinern nur kurz Holocaust-Mahnmal genannt. Das im Mai 2005 eröffnete Denkmal in Berlin-Mitte liegt in der Nähe des Brandenburger Tors und gehört zu den beeindruckendsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Leider wird das Mahnmal auch immer wieder missbraucht. Auch in den letzten Tagen gab es neue, untragbare "Fälle".

 

Das Holocaust-Mahnmal besteht aus einem wellenförmigen Feld aus 2711 Betonstelen, das von allen Seiten durchgehbar ist. Beim Wandeln zwischen den verschieden hohen Säulen und den labyrinthartigen Gängen kommt bei Besuchern vielleicht ein kurzer Moment der Orientierungslosigkeit auf, der Raum für die Auseinandersetzung öffnen soll. Unter dem Mahnmal liegt der Ort der Information, der in Themenräumen die Verbrechen der Nazizeit dokumentiert.

 

Im Juni 1999 beschloss der Bundestag, das "Denkmal für die ermordeten Juden Europas", so lautet der offizielle Name des Mahnmals, in unmittelbarer Nähe des Brandenburger Tors zu bauen. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde das Mahnmal am 10. Mai 2005 feierlich eröffnet. Auf einem rund 19.000 Quadratmeter grossen Feld wurden 2711 Stelen installiert– so wie es der Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman vorsah. Bei dem Denkmal handelt es sich um die zentrale Holocaustgedenkstätte in Deutschland.

 

Planung des Holocaust-Mahnmals

Schon Ende der 1980er Jahre wurden Forderungen laut, ein Denkmal für die europäischen Juden zu bauen. Die Diskussion über Ort, Botschaft und Gestalt des Denkmals sollte schliesslich fast ein Jahrzehnt dauern. Im Frühjahr 1995 schrieb die Berliner Senatsverwaltung einen ersten künstlerischen Wettbewerb aus – es wurden 528 Arbeiten eingereicht. Im Jahre 1997 wurde ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben. Der Entwurf von Peter Eisenman wurde angenommen, musste aber im Laufe der Zeit mehrmals verändert werden. Im Juni 1999 beschloss der Deutsche Bundestag den Bau und die Ergänzung des Mahnmals um einen "Ort der Information".

 

Architektur

Das wellenförmige Feld besteht aus über 2700 Stelen auf einer Gesamtfläche von ca. 19.000 m². Es kann von jeder Seite aus betreten werden. Die Betonstelen unterscheiden sich nur in ihrer Höhe voneinander und erzeugen je nach Standort ein wellenförmiges Muster. Mit dieser abstrakten Form soll das Mahnmal zum Nachdenken anregen.

 

Missbräuche am und mit dem Mahnmal

Leider ist die Liste bereits viel zu lang. Angefangen mit einem Video auf Youtube welches zeigt, wie sich mehrere Menschen in der Silvesternacht zwischen den Stelen des Mahnmals erleichtern. In dem Clip ist noch mehr zu sehen: Jugendliche missbrauchen die Stelen des Holocaust-Mahnmals als Abschussrampen für Raketen, beschmieren sie mit Graffiti und nutzen sie als Urinal. Die israelische Zeitung "Haaretz" berichtet in ihrer Online-Ausgabe über die Vorfälle in der Silvesternacht.

 

Die fast 20.000 qm grosse Fläche ist mit Hunderten unterschiedlich grossen grauen Betonquadern gefüllt, die sinnbildlich für die Gräber, der unter Hitler ermordeten Juden, stehen. In den letzten Jahren, unter anderem durch den momentanen Selfie-Hype, nehmen auch immer mehr Besucher der Gedenkstätte dort Fotos von sich auf. Shahak Shapira, deutsch-jüdischer Satiriker, betitelt dieses Phänomen als absolut geschmacklos und prangert es mit seinem Projekt Yolocaus an. “Die Bilder zeigen, wie schnell Erinnerung in Vergessenheit geraten kann. Viele sehen das Mahnmal leider immer mehr als Lifestyle-Foto-Objekt und weniger als Stätte der Erinnerungskultur”.

 

Berliner Polizisten machen Liegestütze am Holocaust-Mahnmal

Liegestützen gehören bei der Berliner Polizei zum regelmässigen Sportprogramm der Beamten. Am Pfingstwochenende trainierten zwei Polizisten ihre Brustmuskeln jedoch nicht in der Turnhalle, sondern auf einer Stele des Denkmals für die ermordeten Juden Europas mitten im Berliner Regierungsviertel.

 

Ein Video der Aktion vom 2.11. löste Entsetzen aus. Beide Beamten befanden sich im Dienst und tragen auf den Bildern Uniform. Die Männer sollen dem Abschnitt 26 des südlichen Teils von Charlottenburg-Wilmersdorf angehören und waren an diesem Tage für die Absicherung verschiedener Demonstrationen in Mitte eingesetzt. Bei ihren Liegestützen haben sie sich gegenseitig mit Handys gefilmt.

 

Aber auch in der Schweiz gibt es Missbräuche

"Mit einem Ja zur Begrenzungs-Initiative wird die Schweiz nicht weiter zubetoniert." Mit diesem Satz hat in der Schweiz die SVP für die Initiative geworben. In der Werbung wurde dieses Argument aber auf höchst fragwürdige Weise illustriert: nämlich mit den Beton-Stelen des Holocaust-Mahnmals.  Nach einer Auswertung der "New York Times" ist die SVP extremer und noch mehr rechts als die deutsche AfD, die österreichische FPÖ, die Partei der Französin Marine Le Pen oder die Schwedendemokraten.

 

 

3.11.2021 - Nun kommt ein "Satireblatt" in der Schweiz und überbietet dies noch einmal. Dieses verwendet tatsächlich ein Bild des Mahnmals, um einen Artikel zur Schliessung eines Coronaleugner-, Querdenkern, QAnon- und Reichsbürgerrestaurants zu illustrieren. Jüdische Opfer werden zu bloss "Unerwünschten" degradiert. 

 

 

Wir finden - Es reicht! Die Corona-Pandemie verlangt von vielen Menschen seit fast zwei Jahren in vielen Lebensbereichen Einschränkungen zu akzeptieren, zugegeben - vernachlässigbare Einschränkungen, aber alles Dinge, die für die Rettung von Menschenleben unverzichtbar sind.

Doch wie geschichtsvergessen, ja zynisch, müssen Menschen sein, die solche "Propaganda" betreiben, und ein Mahnmal dafür mannigfaltig missbrauchen.

 

Wie einst "Jana aus Kassel", Teilnehmerin an den sog. Anti-Corona-Demonstrationen und nimmermüde "Querdenkerin", die sich durch krude Vergleiche mit den Gegnern der NS-Diktatur oder gar den Opfern des Holocaust gleichsetzte, kommen plötzlich noch, Wirte, Politiker und Satiremagazine dazu? Widerlich!

Solchen Missbrauch verurteilen auf das Schärfste. Wir fordern diese Leute auf, die Verhöhnung der Opfer der Nazi-Diktatur und auch die Vergleiche heutiger Protest- und Demonstrations"inhalte" mit dem grössten Menschheitsverbrechen, dem Holocaust, umgehend zu unterlassen.

 

 

Es gilt nun genau hinzusehen. Bei "Querdenkern", Rechtsextremen, "Reichsbürgern" und Verschwörungstheoretikern mit antisemitischem Hintergrund hört die Toleranz auf.


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