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AT: Chronisch krank und in Vergessenheit geraten?

BDr. Jan Oliver Huber, Leiter Gesundheitspolitisches Forum Ing. Evelyn Groß, Präsidentin ÖMCCV Mag. Ingo Raimon, Geschäftsführer AbbVie
BDr. Jan Oliver Huber, Leiter Gesundheitspolitisches Forum Ing. Evelyn Groß, Präsidentin ÖMCCV Mag. Ingo Raimon, Geschäftsführer AbbVie

DMZ – MEDIZIN / SOZIALES ¦ Markus Golla ¦                BDr. Jan Oliver Huber, Leiter Gesundheitspolitisches Forum Ing. Evelyn Groß, Präsidentin ÖMCCV Mag. Ingo Raimon, Geschäftsführer AbbVie 

 

Am 16. November 2021 fand die 120. Ausgabe des Gesundheitspolitischen Forums der Karl Landsteiner statt, diesmal zum Thema „Chronisch krank und in Vergessenheit geraten?“. Hochrangige ExpertInnen diskutierten über die derzeitige Versorgungsstruktur für Menschen mit chronischen Erkrankungen, wie sich diese unter COVID-19 verändert hat und welche Rahmenbedingungen von Seiten der Politik nötig sind, um die Situation von chronisch Kranken zu verbessern. Oberstes Gebot sei es, das stets akute Thema COVID-19 nicht gegen chronisch Kranke auszuspielen, sondern Bedienstete im Gesundheitswesen und das Gesundheitswesen selbst zusätzlich zu stärken und zu unterstützen. Nur so könne eine qualitätsvolle Versorgung chronisch Kranker gewährleistet und verbessert werden, so der einhellige Tenor der ExpertInnen.

 

Laut Gesundheitsbericht der Statistik Austria sind 2,8 Millionen Österreicher chronisch krank.[1] So unterschiedlich die Krankheiten auch sein mögen, eines ist den Betroffenen doch gemein: die Erkrankung ist unheilbar und benötigt eine lebenslange Therapie, medizinische Begleitung und der Leidensdruck der Krankheit selbst ist groß. So trifft die Diagnose einer chronischen Erkrankung Menschen oft, wenn sie noch am Anfang bzw. mitten im Erwerbsleben stehen. Daher gilt es: Je schlechter chronisch Kranke betreut werden, desto schwerwiegender sind die Auswirkungen auf das Gesundheitssystem und in Folge die Wirtschaft selbst. Wichtig ist, dass eine Krankheit von Anfang an richtig therapiert wird. Dafür braucht es mehrere Optionen an Therapien – auch an neuesten verfügbaren Wirkmechanismen. Verzögert sich die Therapie, drohen einerseits Produktivitäts- und Arbeitsplatzverlust, andererseits aber auch hohe Folgekosten für die Behandlung in späteren Erkrankungsphasen. Umso wichtiger ist es daher, auch in Zeiten einer Pandemie nicht auf die Versorgung chronisch Kranker zu vergessen. So hatte Österreich schon vor der Pandemie mit Herausforderungen in vielen Bereichen zu kämpfen – vor allem bei den Ressourcen in den Versorgungseinrichtungen. Nachdem aktuell viele Ressourcen in Richtung COVID abfließen, scheinen chronische Erkrankungen ins Abseits gedrängt zu werden. Das dürfe aber nicht passieren, so die ExpertInnen. Der Status quo vor der Pandemie wird von den ExpertInnen als gerade noch ausreichend beschrieben. Es könne aber nicht der Anspruch sein, diesen nur wieder herstellen zu wollen, sondern es bedarf ihn zu verbessern und zwar durch grundlegende Reformen. Diese sehen mehr Pflegepersonal aber auch ein besseres Therapiemanagement vor. Erreicht werden könne das beispielsweise durch den Einsatz von spezialisierten Nurses oder Case Managern. Die Pandemie habe aber auch gezeigt, dass gerade bei chronischen Erkrankungen die Telemedizin einen wesentlichen Beitrag für ein verbessertes Therapiemanagement leisten könne und diese gilt es weiter zu fördern und auszubauen.

 

Hier ein Auszug der Statements (alphabetische Reihung):

Ing. Evelyn Groß, Präsidentin ÖMCCV (Österreichische Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung)

„Chronisch Entzündliche Darmerkrankungen (CED) begleiten viele Menschen schon von Jugend an und greifen wesentlich in die Lebensplanung ein. Oft ist es für Außenstehende nicht ersichtlich, dass die täglichen Herausforderungen und Einschränkungen mit einer chronischen Erkrankung enorm sein können. Das Gesundheitssystem in Österreich hat hier bisher kaum oder keine Antworten, speziell wenn es um die Verbesserung der Versorgungsstruktur geht. Der unbürokratische Zugang zu einer frühzeitigen und effizienten Therapie muss flächendeckend ausgebaut werden, nur so kann Betroffenen eine bessere Lebensqualität gewährleistet werden. Einen wesentlichen Baustein stellen in Österreich durchgeführte klinische Studien dar, um ebendiese qualitative, etablierte medizinische Versorgung auch auf lange Sicht anbieten zu können.“

 

Mag. Karin Hafner, Betreiberin der Plattform hautinfo.at

„Die Haut ist das größte Organ des Menschen, um so vielfältiger sind die Erkrankungen die mit Haut in Zusammenhang stehen. Während der Pandemie haben wir von sehr vielen Betroffenen gehört, deren Krankheitszustand sich durch fehlende Versorgungsstrukturen verschlechtert hat. Es muss das Ziel der Politik sein, den Status quo der Versorgung nicht nur aufrecht zu erhalten, sondern auch mit Hilfe von geeigneten Maßnahmen zu verbessern. Wichtig ist es auch, dass Menschen mehrere therapeutische Optionen inklusive verbessertem Zugang zu psychologischer Unterstützung haben. Denn diese bringen Betroffene einen wichtigen Schritt weiter, wenn es darum geht, die Erkrankung unter Kontrolle zu bringen.“

 

Mag. Ingo Raimon, General Manager AbbVie in Österreich

„Wer medizinische Forschung im Land haben will, muss eine Kultur erhalten, in der die pharmazeutische Innovation dann auch willkommen geheißen wird. Denn Innovationsförderung ist das, was uns in die Zukunft bringen wird. Verlieren wir hier den Anschluss, werden wir auch als Gesellschaft nachhaltig Schaden nehmen. Die Politik muss dafür Sorge tragen, dass die Rahmenbedingungen von der Erforschung bis zum Markteintritt von Arzneimitteln adäquat sind. Derzeit werden jedoch Signale gesendet, dass nur mehr der Preis entscheidet und nicht der Wert. Diese Schieflage droht allmählich zu kippen und es muss darum gehen, die Diskussion über den Wert von Innovation wieder in den Vordergrund zu bringen.“

 

Ao. Univ. Prof. Dr. Walter Reinisch, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Gastroenterologie & Hepatologie, MedUni Wien

„Die Pandemie hat zu einem weiteren Rückzug der PatientInnen mit CED in möglicherweise weniger qualifizierte Hände geführt, so dass wir derzeit seltener Erst- und Frühmanifestationen an unserer Abteilung zu sehen bekommen. Umso wichtiger ist es, finanzielle Mittel zur verbesserten Versorgung unserer PatientInnen zur Verfügung zu stellen. Eine Heilung ist bei CED momentan noch nicht möglich, doch muss es unser Ziel sein, durch innovative translationale und klinische Forschung die Mechanismen der Erkrankung noch intensiver zu durchdringen, um zumindest eine Abheilung der Schleimhaut zu ermöglichen. Wissenschaft und Forschung ohne staatliche Förderung kann nicht funktionieren. In Österreich haben wir nicht nur am AKH eine gute Chance, durch die vertieften Erfahrungen an großen Patientenkollektiven, den Ursachen der Erkrankung näher zu kommen. Das Ergebnis der Forschung sind dann therapeutische Neuerungen, mit Hilfe derer man den klinischen Behandlungsstandard optimiert und den Standard-of-Care stets neu definieren kann.“

 

Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp, MBA, Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik, Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich

„Unsere Gesellschaft verlangt in vielen Bereichen Marathonqualitäten – vor allem im Berufsleben und bei jungen Menschen. Wer nicht mithält, hat verloren. Das kann und darf eine Gesellschaft nicht zulassen. Junge Menschen, die von einer chronischen Erkrankung betroffen sind, müssen rund um die Diagnosestellung und den Therapiebeginn herum multiprofessionell begleitet werden, auch in Hinblick auf das persönliche Entwicklungspotenzial und die berufsbezogenen Wünsche junger Menschen. Es ist unsere Aufgabe in der Politik – besonders in Zeiten einer Pandemie – chronisch Kranke Menschen zu schützen und ihnen eine gleichbleibende Versorgung zuzusichern.“

 

Über das Gesundheitspolitische Forum

Das Gesundheitspolitische Forum ist eine etablierte regelmäßige Informations- und Diskussionsplattform für die Akteure und Entscheidungsträger im österreichischen Gesundheitswesen. Sie bietet den geladenen TeilnehmerInnen aus Wirtschaft, Recht, Medizin und Politik ein Netzwerk für Diskussion, Kommunikation und Interaktion. Einleitende Podiumsdiskussionen mit hochrangigen ReferentInnen behandeln vielfältige und stets aktuelle Thematiken und Fragestellungen des Gesundheitswesens. Sie durchleuchten unterschiedliche Sichtweisen und regen somit zur Diskussion an. Das Gesundheitspolitische Forum ist eine Veranstaltungsreihe der Karl Landsteiner Gesellschaft und wird von Dr. Jan Oliver Huber geleitet.

 

Mehr Infos unter:

https://www.gesundheitspolitischesforum.at/

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