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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Ich lasse die Hosen herunter

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

Heute möchte ich die Hosen herunterlassen und über meine Erschöpfungskrankheit sprechen. Ein Umstand, der mich zerfetzt. Der mich in kleine Stücke zerschlägt, mich zerreisst und zerbröselt. Tag für Tag sammle ich meine Einzelteile zusammen, mühsam, schwer und schleppend.

Bewaffnet mit einer schwarzen Rolle Klebeband, einem Bostitch und Sekundenkleber füge ich an, was abfällt: mein Ego, meine Geduld, meine Konzentration, meinen Verstand und meinen Gestaltungswillen.

Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der es mir nicht um Euer Mitleid geht, sondern um Eure Aufmerksamkeit und Euer Verständnis, wenn ich nicht immer ganz so kann, wie ihr es verdient oder gerne hättet.

 

Da man mir mein Gebrechen nur selten ansieht, wiegt dieses besonders schwer. Nach aussen hin wirke ich nämlich gesund. Und die Ärzte haben aufgegeben, denn es findet sich nichts. Jegliche Blutentnahme gerät zur absurden Hoffnung, doch endlich als krank diagnostiziert zu werden. Und jedes Mal die Enttäuschung, die Ohrfeige, die tropfende Spucke im Gesicht: «Wir können nichts ausmachen, sie sind vollkommen gesund Herr Renner. Jegliche Anzeichen von Erschöpfung, Rheuma und den von Ihnen beschriebenen Symptomen müssten nachweisbar sein. Oder sie wären Vorboten einer noch viel schrecklicheren Sache, die sich belegen liesse.» Eisen- und Vitaminmangel, Schlafapnoe, Schilddrüsenunterfunktion (die habe ich tatsächlich, danke der Nachfrage. Und ja, sie wird behandelt.) Depressionen, Syphilis, Krebs, Tumore – was wurde nicht schon alles abgeklärt.

 

Die Fratze meines zynisch grinsenden Arztes fürchtend, schleiche ich mich nur noch verstohlen in seine Praxis. Denn als verrückt, Simulant und Hypochonder mag ich nicht gelten. Mittlerweile sind wir keine Freunde mehr, eher eine Zweckgemeinschaft. Ich komme, er findet nichts und schickt mir eine Rechnung.

Und nein, es dürstet mich nicht danach ungesund zu sein. Es würde nur so vieles erleichtern. Man hätte eine Diagnose. Man wüsste woran man wäre. Vielleicht könnte man es bekämpfen, lindern und den Ursachen auf den Grund gehen. Und im schlimmsten Fall würde auch die IV für mich aufkommen. Aber so, so falle ich durch alle Maschen. Und lebe von meinem Ersparten...

 

Schlimm sind gut gemeinte Ratschläge. Denn das Gegenteil von gut, ist in der Regel gut gemeint. «Hast Du es schon mit Akupunktur versucht?», «Mit Hypnose?», «Kalten Bädern?», «Verbringe die Nacht mit einer toten Katze im Schoss und Du wirst sehen, welche Wunder dies bewirkt»...

 

Die kalten Bäder helfen tatsächlich. Aber die Fülle an Ratschlägen und das gesammelte Expertenwissen meiner Umgebung führen hauptsächlich zur Überforderung. Es ist ein bisschen wie mit Corona. Jeder zweite entpuppt sich als nebenberuflicher Virologe und Spezialist in Gesundheitsfragen.

 

Wart Ihr schon mal auf der Pirsch, auf der Jagd nach Wild? Beim möglichst lautlosen Durchstreifen eines Waldes um Rehe, Wildschweine und Hasen aufzuspüren und sich ihnen auf Schussweite zu nähern?

Nun, ich bin die liebe lange Zeit auf der Lauer und beobachte meine Zustände. Sozusagen auf dem Hochsitz, die Waldlichtung vor mir. Nur, dass es sich beim zu erbeutenden Wild um meinen Körper handelt, der ausschlägt und den ich nicht mehr unter Kontrolle habe.

 

Dabei hängt der jeweilige Tag immer davon ab, wie ich die Nacht davor verbracht habe. Schlaflosigkeit und ein mehrmaliges Aufwachen führen zu einem verkaterten Morgen. So, wie ihr es von durchzechten Stunden in der Bar und an fröhlichen Parties kennt. Allerdings habe ich seit Jahren keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen. Neben den Schuhen, verpeilt und verwirrt tapse ich mich dann durch die erste Tageshälfte und versuche, zu mir zu kommen. Benebelt ist dabei nicht nur der Kopf, sondern auch die Sicht. Verschwommen nehme ich die Umgebung wahr. Unscharf, schemenhaft und diffus, der Blick getrübt und immer fürchtend, dass dieser Zustand anhalten oder sich im Laufe der Stunden wiederholen möge.

 

Unmittelbar nach dem Aufstehen durchfährt meine Glieder meist ein gleissender Schmerz. Als ob jemand flüssiges Eisen in meine Hände und Füsse giessen würde. Sie werden ganz warm und heiss und ein pulsierender Strom glühender Lava breitet sich in den Fingern und Zehen aus. Gleiches geschieht kurz vor dem Einschlafen.

 

Oft mag ich gar nicht aus dem Bett. Es fehlt der Antrieb, die Kraft. Einfache Dinge wie auf die Toilette zu gehen, mich zu duschen, zu rasieren, in die Küche zu streifen um sich etwas herzurichten – all die Dinge, die mir früher so leicht und ohne nachzudenken von der Hand gingen, benötigen mittlerweile ein Abwarten, ein gutes Zureden, den richtigen Beitrag auf Youtube, der mir das notwendige Glücksgefühl vermittelt um den Tag überhaupt in Angriff zu nehmen.

 

Die Folge davon ist das «Rumnölen». Im Trödeln bin ich der Weltmeister. Von der Liege zum Schreibtisch und mit dem Laptop zurück unter die Laken... Und ja, dies erklärt auch meine Aktivitäten auf Social Media. Dies lässt sich ganz wunderbar aus dem Bett gestalten.

 

Mittags und abends überfällt mich dann der Juckreiz, wandernder Juckreiz. Ausgehend vom Kopf, wo es mich immer zuerst beisst, breitet er sich wie ein Lauffeuer rasend schnell über den Haaransatz oberhalb der Stirn, die Stirn selbst, die Ohrmuschel, die Ohrläppchen, die Nase, die Nasenspitze, die Nasenwände, jedes einzelne Nasenhaar und sollte ich nicht rasiert sein, und das bin ich oft, über alle Bartstoppeln die Backen und das Kinn hinunter zum Hals, zum Nacken und zum Rücken aus. Es beisst mich zwischen den Fingern, den Zehen, den Beinen und an Stellen an denen ich gar nicht wusste, dass diese überhaupt existieren...

In Gedanken erfinde ich dann ein ganzes Arsenal an Werkzeugen um die spezifischen Körperstellen zu beruhigen. Mit Schleifpapier umwickelte Fingerhüte für die Nasenlöcher, lange, sehr lange Bildernägel mit rauhen Kanten für das Innenohr, allerlei Bürsten, mit Borsten aus Stahl, ein Teleskop Rückenkrazer mit rotierendem Ende... Kaum juckt es mich an einer Stelle nicht mehr, treibt mich die nächste in den Wahnsinn. 

 

Es kommt mir so vor, als sässe ich den lieben langen Tag zu Hause herum und würde nur darauf warten, dass mir der Kopf explodiert.

 

Euch zu fragen, ob Euch die Lektüre bis anhin gefallen hat und ob Ihr dabei Spass hattet, ist etwas seltsam. Aber auf alle Fälle geht es die nächste Woche weiter.

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

Hier findet Ihr mich auf Social Media:

Facebook: Alon Renner

Instagram: alon_renner

 


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