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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Grenzen

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦                         

 

So wie es Grenzen gibt für das, was man tun darf und kann, so gibt es auch Grenzen für das, was man sagt und kommuniziert. Dies gilt nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Gemeinschaften, Firmen und Staaten. Diese Erkenntnis ist nicht neu, wurde aber in den letzten drei Wochen von Russland dermassen mit Füssen getreten, dass ich die heutige Kolumne dem Thema der Grenze als Schwelle, als Schranke und als physische und psychische Trennungslinie widmen möchte, die sich insbesondere auch in unseren Köpfen manifestiert.

 

Eine Grenze nehmen wir hauptsächlich als diejenige Linie wahr, die als Rand Objekte, Systeme oder Flächen voneinander trennt. Dies gilt auch für diejenigen Dinge, die wir in unserem Innern mit uns herumtragen: Glaubenssätze, Moralvorstellungen, Ansichten, Meinungen, Denkmuster, etc. Wobei sehr vieles, das wir als innere Werte fest in uns abgespeichert glauben, oftmals an den Ufern verschwimmt, am Saum knickt... Denn ganz so deutlich, ganz so scharf und ganz so konsequent ist die Abtrennung dessen, was wir wollen, denken, fühlen und für gut befinden, von seinem Gegenteil meistens nicht.

 

Jeder wollte schon mal jemanden umbringen. Und die meisten haben diese Phantasie ziemlich weit getrieben. Sich ausgemalt, wie es wäre, und sich daran erfreut, ja, sich im heimlichen Blutrausch derart daran ergötzt, dass nicht nur jedes Detail geplant wurde, wie denn die Tat zu vollstrecken sei, sondern auch in welcher Stellung sich denn am besten auf dem Grab des oder der so Eliminierten urinieren liesse.

Und wer hat sich nicht schon dabei ertappt, mit dem Partner oder der Partnerin eines guten Freundes oder einer guten Freundin zu flirten? Und sich in Gedanken Dinge vorgestellt, die an dieser Stelle besser mit dem Mantel der Verschwiegenheit überdeckt werden?

 

Dies alles geschieht in unserer Imagination, und die Wenigsten treten dazu an, diese Ideen auch in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Ursache hierfür liegt in tief verinnerlichten Moralvorstellungen, die uns in der Regel davon abhalten, anderen Menschen derartige Boshaftigkeiten anzutun.

 

Was aber benötigt es, dass dies kippt? Dass wir unsere Prinzipien über den Haufen werfen und moralische Grenzen überschreiten? Die Antwort ist komplex, aber wahrscheinlich benötigt es weit weniger, als man denkt...

 

Viele von uns haben schon einmal etwas gestohlen. Sei es als Kind, als Jugendlicher oder gar als Erwachsener. Bei der Mehrheit handelt es sich hierbei um einmalige Vorgänge. Um Mutproben, bei denen man sich selbst oder einer Gruppe etwas beweisen möchte. Es ist der Reiz des Verbotenen, der Adrenalinkick, der lockt... Gar mancher weiss aber noch ganz genau, wo und wann und unter welchen Umständen er was entwendet hat. Und wenn es Jahrzehnte zurückliegt, denn so was vergisst man nicht. Ausser, es wird zur Gewohnheit. Wenn man beim Einkaufen regelmässig Dinge mitlaufen lässt oder die Waage in der Gemüseabteilung immer wieder manipuliert...

 

Schwarzfahren, der Erwerb von illegalen Substanzen, der Betrug an seiner Versicherung oder das Optimieren von Steuern sind Dinge, die man hier ebenfalls aufzählen muss. Und natürlich alle Delikte im Strassenverkehr... Und dann gibt es die Momente, wo wir schlicht und ergreifend die Beherrschung verlieren, wo uns die Hand ausrutscht, wo wir Menschen schlagen, obwohl wir dies gar nicht wollen. Und ich spreche hier nicht von Verprügeln, sondern von einer Ohrfeige, einem Klaps, einem Schlag, einem Tritt in der Wut, der Verzweiflung oder der Ohnmacht...

 

Und schaut man sich dies alles an und lässt es vor seinem inneren Auge passieren, jeder mit seiner eigenen Geschichte, fallen alle Hüllen und der Mensch steht nackt vor uns als das, was er ist: alles andere als perfekt, unsicher, eigensinnig und bereit, sich sehr vielem hinzugeben. Und dann steigt die Ahnung in uns auf, dass wir nur eine hauchdünne Linie davon entfernt sind, genauso werden zu können, wie all diejenigen, die wir für ihre Aktionen verabscheuen.

 

Denn kommt hier das Motiv der Bereicherung, der Gier, der Lust und die Möglichkeit hinzu, dies auch umzusetzen, dann werden doch etliche schwach. Die jährlichen Polizeistatistiken können hier ein Lied davon singen.

 

Damit wir der Willkür und den Aggressionen unserer Mitmenschen nicht hilflos ausgesetzt sind, haben wir die Moral und das Gesetz erfunden. Grenzen, die wir ganz bewusst setzen und die uns schützen.

Genau so wie wir Häuser, Städte, Kommunen und Länder erfunden haben, um uns allein und in der Gemeinschaft zu verteidigen. Vor den Naturgewalten und von denen, den Anderen, die uns bedrohen. Die anders sind, die Sprachen sprechen, denen wir nicht kundig sind, die anderen Kulturen angehören und Dinge tun, die wir mit unserem begrenzten Vorstellungsvermögen nicht nachvollziehen können.

Darum wollen wir sie erst gar nicht bei uns haben. Und sperren sie aus. Oder Menschen, die nicht ins System passen, wandern in extra für sie errichtete Domizile und werden vor Mauern und Hürden gestellt, die sie nicht überwinden können.

 

Der Mensch grenzt sich ab, igelt sich ein und entwirft laufend Gebilde, durch die er andere ausschliesst. Religionen, Berufe, Schulen, Vereine, Clubs, Museen und Restaurants sind immer Orte für Gleichgesinnte und gleichzeitig auch immer Unorte für diejenigen, die nicht dazugehören oder nicht dazugehören sollen.

Wer anders denkt, überschreitet eine Grenze.

 

Und dann kommt einer und sprengt alles in die Luft. Weil er Grenzen nicht akzeptieren möchte. Weil er alles für sich haben will. Länder, Menschen, Besitztümer, Ideen und die Deutungshoheit über die Dinge. Alles will er sich unterwerfen.

 

Für einen kurzen Augenblick lassen nun die Menschen ihre Grenzen fallen. Denn die gleiche Angst, die sie auseinandertrieb, treibt sie nun zusammen... 

 

Ganz liebe Grüsse

Euer Alon

 

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