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DE: Bundesregierung rechnet mit regional unterschiedlichen Notlagen

DMZ –  POLITIK ¦ Dirk Specht ¦                                 

KOMMENTAR

 

Mit etwas Kenntnis in der Energiewirtschaft kann man über solche Berichte und das dahinter stehende politische Geschnatter nur bitter lachen.

 

Es gibt nicht „das“ Gasnetz und beim Strom ist es nicht wesentlich anders. Das sind regional entstandene sehr komplexe technische Versorgungsstrukturen, zwischen denen ein gewisser Ausgleich möglich ist – nicht mehr, nicht weniger. Auf diesen Ausgleich sind die regionalen Strukturen mal mehr, mal weniger angewiesen, das gilt zudem über die Landesgrenzen hinaus. Ein größerer regionaler Ausfall kann damit nicht kompensiert werden. Für Gas gilt das mehr als für Strom, aber auch letzterer kann nicht beliebig verteilt werden. Es ist nicht mal beim Öl bzw. den Ölprodukten aus den Raffinerien trivial, das national auszugleichen. Hier scheint es noch am ehesten vorbereitet, Ausfälle der russischen Lieferungen zu kompensieren – regional sehr unterschiedliche Preisentwicklungen signalisieren aber auch hier den Stress im System. An der „Nachricht“, dass es mit der Energiekrise regional sehr unterschiedlich verlaufen wird, ist also nichts neu oder gar überraschend.

 

Es ist daher falsch, mit Daten aus den Gesamtbilanzen zu rechnen. Die Anteile russischen Gases sind regional komplett unterschiedlich und auch die Bedeutung von Gas in der Stromproduktion ist es. Wenn in der Situation Strukturen, die direkt über russische Pipelines versorgt werden, keine Zufuhr mehr erhalten, sieht es dort ziemlich „dunkel“ aus, während andere Regionen davon kaum betroffen sind, was aber eben durch keinen großvolumigen Ausgleich kompensierbar ist.

 

Die nun heiß diskutierten Prioritäten für mögliche Rationierungen, der Schutz der Privathaushalte, wie mit der Industrie zu verfahren ist und auch die gerne politisch so hoch gehängte Frage der Laufzeitverlängerungen von drei verbliebenen Atomkraftwerken sind also ebenfalls regional zu betrachten – da traut sich politisch aber bisher keiner so richtig ran.

 

Tatsache ist, dass der gleichzeitige Ausstieg aus der Kern- und der Kohlekraft vor allem den Ausbau der Gaskraftwerke beim Strom erforderlich machte. Das wird nun gerne den Erneuerbaren in die Schuhe geschoben, was wie die meisten Sprechblasen in der Energiedebatte nicht ganz falsch und zugleich keinesfalls richtig ist. Tatsächlich war nämlich die von vielen nun herbeigesehnte gute alte Kraftwerkstechnik eine gewaltige Energieverschwendung. Es wird ja gerne über die volatile Energieerzeugung der Erneuerbaren gesprochen, aber unser Verbrauch ist das halt auch. Daher müssen mit trägen Kraftwerken enorme Reserven produziert werden, um die Spitzen abzudecken und bei Verbrauchstälern dann schlicht vernichtet zu werden. Die Belgier haben dafür mal die Beleuchtung von Autobahnen entwickelt – ansonsten wird diese Energie halt erzeugt und sofort vernichtet.

 

Deshalb war der Ausbau von agilen Gaskraftwerken ohnehin erforderlich, da diese spitzenlastfähig sind. Ebenso wurde der Ausbau von Speichertechnologie sträflich versäumt und auch der Ausbau der Netze, um Produktion und Verbrauch über größere Regionen ausgleichen zu können. Ob die Erneuerbaren diese Situation überhaupt verschlechtert oder ggf. sogar verbessert haben, ist in der Wissenschaft höchst umstritten – spielt aber schlicht keine Rolle, denn sowohl Spitzenlastproduktion als auch Speicherung als auch intelligente Netze sind in einer modernen Strominfrastruktur ohnehin unverzichtbar. Wer energietechnisch unbedingt in die 70er zurück will, sollte das dazu sagen und sich übrigens nicht auf andere Länder berufen, denn keiner ist da stehen geblieben.

 

Dass insbesondere Deutschland dabei die Gaskraftwerke nämlich so stark ausgebaut hat, freute nicht nur Deutschland, sondern auch unsere Nachbarn. Die bessere Spitzenlastfähigkeit der deutschen Energietechnik wird nämlich gerne (aka zwingend!) von u.A. Franzosen und Schweizern genutzt, weshalb dort die Sache mit russischem Gas und der Energiesicherheit genauso angekommen ist, wie bei uns. Die Energieministerien beider Länder beschäftigen sich genauso mit Notfallplänen wie in ganz Europa und das hat auch mit russischem Gas sowie der Stromerzeugung per Gaskraftwerken in Deutschland zu tun.

 

Daher ist dieses ganze dumme Gerede über die Substitution von Gas in der Stromproduktion überwiegend warme Luft. Wie viel da überhaupt geht und wie das regional aussieht, wissen nur sehr wenige Experten mit den entsprechenden Daten und so ganz genau vermutlich sogar niemand. Ich wage sogar die These, dass kein einziges Gaskraftwerk wirklich abgeschaltet wird. Als Reserve werden die alle mindestens Standby stehen bleiben, sonst ist im kompletten Mitteleuropäischen Raum kein Stromnetz wirklich sicher – ganz egal, wie viel Atom-, Kohle- oder was auch immer Kraft da läuft. Deshalb und genau deshalb wird übrigens aktuell weiter Gas für Strom verbrannt. Bei den Preisen macht das niemand freiwillig und sollten parallel Gasrationierungen fällig werden, wird das noch schwieriger, in dieser politischen Landschaft vermutlich noch dümmer diskutiert – aber es wird passieren, weil es gar nicht anders geht.

 

Für die aktuelle Krise bedeutet das nun zunächst sehr unterschiedliche Szenarien. Dabei sind Regionen mit vielen Erneuerbaren und wenig russischem Gas möglicherweise gar nicht betroffen, während das in Ostdeutschland, aber insbesondere in Bayern eher schlecht aussieht. Hier ist zugleich beim Strom die Gasproduktion besonders hoch und der Versorgungsanteil über die russischen Pipelines ist es auch. Kein Wunder daher, dass die bayerischen Politiker besonders laut bellen, denn sie möchten bereits frühzeitig die eigenen Bürger gerne in Richtung Berlin emotionalisieren. Dabei hat gerade die CSU sich schon seit Strauß bei den Energieformen, die der Bürger nicht so gerne vor der Tür hat, also beginnend bei den Kernkraftwerken und endend mit der Windkraft, hübsch zurück gehalten und zugleich besonders gerne die Gazprom-Deals unterstützt, um billiges russisches Gas zu erschließen. Das war halt eine Energiepolitik, deren Folgen man jetzt gerne nach Berlin schieben möchte, was hoffentlich nicht gelingt.

 

Zugleich mauert Berlin an der falschen Stelle und das bröckelt nun auch so langsam. Für die aktuelle Krise kommt das nun zu spät, eine Diversifikation der Energieproduktion ist so schnell nicht machbar. Aber es ist klar, dass in der geplanten Energiewende der Ampel die Sache mit dem Gas als Achillesverse deutlich geworden ist. Habeck muss mittelfristig Antworten geben, die er aktuell scheut. Ob weiter mit Gas in der Menge unserer Gesamtversorgung und auch beim Strom geplant werden kann, ist eine durch die Geopolitik aufgeworfene Frage, die lange verdrängt wurde. Kurzfristig ist es kaum haltbar, von einer reinen Gaskrise bei Prozesswärme zu sprechen und ein Übergreifen auf den Stromsektor auszuschließen. Dazu ist Gas bereits heute in der Stromproduktion zu schwierig ersetzbar und regional wird es zudem Substitutionseffekte auf strombetriebene Prozesswärme geben, die dann auch die Stromnetze überlasten könnten.

 

Ob es in der Lage klug ist, die Atomkraftwerke zum Jahresende abzuschalten, wissen ebenfalls nur sehr wenige Experten wirklich genauer. Das ist ohne Kenntnisse der regionalen Last- und Erzeugerprofile nicht zu bewerten. Aber auch hier wage ich mal die These, dass im Gasland Bayern die Herausnahme eines Kernkraftwerks keine wirklich gute Idee ist. Da scheint mir bei den Grünen die Suche nach dem Anlass und dem Boten im Gang, diese Nachricht irgendwann zu verkünden.

 

Was regional passieren wird, wenn die russischen Lieferungen ausbleiben, ist also leider schwer einschätzbar. Ob überhaupt jemand das großflächiger bewerten kann, wage ich zu bezweifeln. Die Netzagentur ist bekanntlich gerade dabei, die Daten wenigstens der Großverbraucher zu erheben und das ist ja nur ein Teil des Eisbergs. Auch bei der Stromversorgung dürften Stressfaktoren möglich werden, die es bisher nicht gab und deren Bewertung daher kaum möglich ist.

 

Das ist Folge einer verfehlten Energiepolitik der Vergangenheit, in der aber viele Dogmen der Gegenwart stecken und das muss als Lehre aus dieser Krise dringend enden. Es ist richtig, dass der Ausstieg aus der Kernkraft in dieser Geschwindigkeit weder notwendig war, noch ausreichend hinterlegt wurde. Der Ausbau Erneuerbarer und auch der – jenseits dieser! – erforderlichen Infrastruktur bei Netzen und Speichern wurde versäumt. Das hat – europaweit – nur funktioniert, weil Gas eben nicht als Brückentechnologie, wie behauptet, sondern als wesentlicher Eckpfeiler genutzt wurde.

 

Es gilt nun, diese Krise zunächst mal zu managen. Das wird zwei Jahre dauern und es liegt nahe, dafür alle Reserven zu heben – inklusive einiger oder aller Kernkraftwerke. Die Begründungen dagegen sind nicht krisenresistent. Danach ist vor allem die Frage auf dem Tisch, welche Rolle Gas überhaupt noch spielen kann und soll. Es war gut begründet als Brückentechnologie, ist aber nie so eingesetzt worden. Als Eckpfeiler ist es weder für CO2-Ziele, noch für Preis-, noch für Versorgungssicherheit auf Dauer in dieser tragenden Rolle geeignet.

 

Rein technisch macht es größten Sinn, zukünftig Spitzenlast mit Wasserstoff oder künstlichem Methan zu produzieren, also schon mit Gas, aber selbst klimaneutral produziertem. Das kann zudem teilweise mit den vorhandenen Kraftwerken passieren. Wenn man aber parallel – was ebenfalls richtig, ja sogar prioritär ist – massive Elektrifizierung vorantreibt, erkennt man natürlich ganz andere Energiemengen für die Stromerzeugung als heute. Das ist auch kaum verwunderlich, wenn man den gesamten Energieverbrauch inklusive der fossilen Energieträger für Mobilität und Prozesswärme zu ersetzen hat.

 

Woher diese mehr als dreifache Menge an Strom perspektivisch kommen soll, ist also jenseits der Erdgasfrage als Brücke – und eben nur als solche – die berechtigte, die bereits in dieser Krise politisch auf dem Tisch liegt. Man sollte das zwar von der Krisenpolitik trennen, um nicht vollkommen falsche Entscheidungen zu treffen, aber hier ist der dafür zuständige Habeck schon gefordert. Wenn diese Energiemengen nämlich Erneuerbar erzeugt werden sollen, ist das national nicht möglich. Dazu müsste Deutschland dauerhaft Importeur von grünem Strom, Wasserstoff und ggf. Methan aus Regionen mit ausreichend Platz, Wind und Sonne sein. Das wäre nur als europäisches Projekt sinnvoll, würde aber auch Europa weiter zum Importeur machen. Die nächste politische Frage, die nach dem Gas zu beantworten ist, lautet also: Wie viel Autarkie will Europa erreichen und wie viele Importe – und von wo – sollen dauerhaft erfolgen. Insofern ist auch die grüne Energiewende nun geopolitisch beeinflusst, was übrigens keine neue, sondern auch eine verdrängte Frage ist.

 

Erkennbar ist Energiepolitik leider eine voller Zielkonflikte. Technisch ist vieles möglich und inzwischen erkennen auch die Ökonomen, dass es falsch ist, nur nach dem jeweils günstigsten Preis zu schauen und den Rest „dem Markt“ zu überlassen. Es sind daher politische Entscheidungen zu treffen, anders sind Zielkonflikte nicht zu handhaben. Dass der Ausbau nationaler Produktion Erneuerbarer Energien dabei größten Sinn macht, sollte endlich unstrittig sein, aber es ist nur ein Baustein und keine Lösung für das große Ganze. Man kann technisch und auch ökonomisch alles mit Erneuerbaren produzieren, aber dafür muss man das global aufbauen und entsprechende Importstrukturen schaffen. Betrachtet man die logistischen und politischen Dimensionen dieses Aufbaus, wird darüber viel zu wenig gesprochen, geschweige denn konkret getan.

 

Wer aber solche Importe nicht oder zumindest nur teilweise will, kann sich der Kernkraft nicht wirklich verschließen. Es macht sicher keinen Sinn, die in derzeitiger Technologie mit den entsprechenden Vorlaufzeiten nun wieder aufzubauen, nachdem sie überhastet abgerissen wurde. Es macht aber jeden Sinn, in die Forschung der Kernkraft wieder einzusteigen. Ganz undogmatisch. Und auch das ist nur ein Baustein – ebenso undogmatisch.

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