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RRRrrrr Renners Rasende Randnotiz - Das Warten

Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)
Alon Renner (Potrait von Olivia Aloisi)

DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦

 

Warten. Wartet, könnt Ihr mal kurz warten? Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne, in der es um das Warten geht. Heute verdamme ich Euch dazu, mit mir zu warten. Auf den Bus, auf bessere Zeiten, auf den oder die Richtige, auf Leute die immer zu spät kommen, mit Sex bis zur Ehe und auf all das, was Youtube sonst noch alles zum Thema Warten meint. Der schönste Beitrag den ich hierzu gefunden habe lautet jedoch: «Warten Juden eigentlich immer noch auf den Messias?».

 

Der käme mir an dieser Stelle gerade recht. Denn nicht nur ist in Bordeaux der Tripper ausgebrochen, sondern Leopold hat sich auch noch den Schwanz eingeklemmt. Babette fällt aus, Olivia fällt aus und der Impressionismus, um den es an dieser Stelle eigentlich gehen sollte, benötigt noch eine Woche Aufschub.

 

In Bordeaux ist der Tripper ausgebrochen? Jawohl. Sowas geschieht, wenn man in Frankreich zwischen der zweiten und dritten Corona Welle die Bars und Restaurants wieder öffnet. Das Lektorat – Insider wissen, mein Lektorat wird von einer dermatologischen Praxis in Bordeaux betrieben – bat mich Anfangs Woche händeringend um Nachsicht.

Und was ist mit dem armen Leopold geschehen? Das wissen wir auch nicht so genau. Aber Olivia, meine Illustratorin, ist sehr besorgt und steht diese Woche nicht zur Verfügung. Sein Schwanz geht vor. (Treue Leser wissen, Leopold ist Olivias Stoffleopard. Wer sich hierauf keinen Reim machen kann, lese meine letzte Kolumne. Hinter dem Vorhang – Teil II. https://bit.ly/3mzRsQo )

 

Generell kann man sagen, dass Warten niemanden kalt lässt. In unserer Gesellschaft, in der es darum geht, die vermeintlich stets knappe Zeit bestmöglich zu nutzen, wird das Nichtstun beim Warten, die Unterbrechung im Zeitfluss, als Verschwendung erlebt. Hinzu kommt, dass wir oft gezwungen sind, an öffentlichen Orten zu warten, an denen wir uns nicht besonders wohl fühlen. Und: Je wichtiger es uns ist, worauf wir warten, desto weniger neutral stehen wir dem Umstand gegenüber, dass wir hingehalten werden.

 

Warten, so die kollektive Erfahrung gilt als Zumutung. Zumindest im westlichen Kulturkreis. Wer nach dem nicht fahrplanmässigen Zug Ausschau hält, auf das verspätete Rendezvous oder den freien Tisch im Restaurant wartet, der wird ungeduldig, ungehalten und nicht selten aggressiv. Ganz offensichtlich begreifen wir das Warten nicht als geschenkte Zeit. Denn anstatt sie zu nutzen und zu genießen, wird sie zur Qual. Dies könnte aber auch an den Räumen liegen, die uns hierfür zur Verfügung stehen. Denn diese sind oft trostlos und ungemütlich gestaltet oder, z.B. im Gesundheitsbereich, mit einer miefigen und kleinbürgerlichen Biederkeit behaftet. Begegnet man solchen Unorten, Dunkelkammern und Flecken des Grauens will man in der Regel nur eines: ihnen so schnell wie möglich wieder entkommen.

 

Zum Thema der ungeliebten Warteräume stellte Claudia Peppel 2016 eine spannende Ausstellung auf die Beine. "The Waiting Room" fand am ICI Kulturlabor in Berlin statt. Im Anschluss entstand auch das Buch «Die Kunst des Wartens», dass Peppel zusammen mit Brigitte Kölle schrieb. Diese wiederum kuratierte 2017 in der Hamburger Kunsthalle die Ausstellung: «Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit». In ihrem gemeinsamen Buch gehen die beiden folgenden Fragen nach: Können wir in der westlichen Welt überhaupt noch warten? Wo warten wir? Ist Warten erlernbar? Und: Was ist das überhaupt, Warten?

Wahrscheinlich kommt es nicht so darauf an, worauf wir warten, sondern vielmehr darauf, wie wir warten. Ob im Wartezimmer beim Arzt, auf einem kargen Bahnsteig oder im Vorzimmer einer Behörde - wer hier ausharren muss, fühlt sich zumeist fremdbestimmt. Wer andere warten lässt, hat Macht über sie. Das "Warten-Lassen", wird zum Machtinstrument.

 

Warten sei ein Zustand des unmittelbaren Erlebens von Zeit, sagt Claudia Peppel. «Einerseits beklagen wir uns darüber, keine Zeit zu haben, andererseits wünschen wir uns Unterbrechungen, Pausen», so die Autorin. «In dem Moment, wo es aber verordnet ist oder von jemand anderem bestimmt wird, erleben wir diesen Zustand als etwas sehr Unangenehmes.»

 

Warteräume in Bahnhöfen und Flughäfen wurden über die Jahrzehnte zu eigentlichen Shoppingmalls umgestaltet. Warten wurde durch Einkaufen übertüncht. Verweilen in der glitzernden Shopping Passage – da rückt das Ziel der Reise, für eine kleine Weile, gerne auch mal in den Hintergrund.

In der DDR, sowie in den anderen ehemaligen Staaten des Warschauer Pakts, war das Warten allgegenwärtig, «fast schon ein Lebensprinzip» sagt die Berlinerin Peppel. Bis zur Anlieferung des ersehnten Autos konnten Jahre vergehen. Auch die gewünschte Wohnung erhielt man nicht über Nacht. Im Gegenteil, auch dieses heiss begehrte Gut erhielt man mitunter erst nach Jahren zugewiesen. In der sozialistischen Mangelwirtschaft fehlte es schlicht und ergreifend an allem. Von den Dingen des täglichen Bedarfs, bis zu hochwertiger Kleidung, Möbel, Bettwäsche und einer breiten Auswahl an Gemüse und Früchten. Das Einzige was die Wirtschaft der realsozialistischen Länder in Hülle und Fülle produzierte, waren Menschenschlangen vor leeren Läden.

 

Schlangen sind Mittel der Disziplinierung. Wer in einer steht, ist gezwungen, eine Wartezeit gesittet und in Gemeinschaft mit meist fremden Menschen zu überbrücken. Dabei greifen Gesetze, die nirgendwo festgeschrieben und doch in allen Köpfen verankert sind. So stellt man sich hinten an, rückt zügig vor, wenn sich die Spitze der in Bewegung setzt, drängelt nicht und schmuggelt sich nicht an einen besseren Platz, die Unaufmerksamkeit des Vordermanns ausnutzend. Die Schlange dröselt die Masse auf, entwirrt sie und ordnet sie in eine übersichtliche, leicht zu kontrollierende Form.

 

Laut Statistik verbrachten die Bürger der Sowjetunion einen Drittel (!) ihres Lebens in einer Warteschlange. Über dieses «Schlangestehen» hat Vladimir Sorokin 1985 einen Roman geschrieben. An eine Veröffentlichung in Russland war allerdings nicht zu denken, zu beissend war die Kritik an Staat und Planwirtschaft. Eine Kopie des Manuskripts gelangte nach Paris zu dem dort seit 1973 lebenden russischen Schriftsteller Abram Terz. «Die Schlange» erschien 1985 und war ein riesiger Erfolg.

1990 folgte dann die Deutsche Übersetzung. Das Buch ist fast durchgehend in direkter Rede geschrieben, beginnend mit der Frage: «Genosse, wer ist der letzte?»

Wer einen ganzen Tag lang dicht gedrängt mit anderen ansteht, wird bald zu einem guten Bekannten und erfährt viel aus dem Leben der anderen. Man zank sich, klatscht und tratscht, flirtet. Oder lässt sich den Platz freihalten, um Zigaretten zu holen, etwas essen zu gehen oder einen zu heben. Zwischendurch gilt es zu klären, ob die Ware, für die man ansteht, wohl für alle reichen wird, welche Farbe sie hat, ob alle Grössen vorhanden sind, woher sie kommt. Aus Bulgarien? Aus der Türkei? Aus Amerika? Und glaubt der Leser gerade, es handle sich hier um Stiefel, so ist Seiten später von einem echten Pelzkragen die Rede... Bis zum Schluss des Buches erfährt der Leser nicht, wofür die über tausend Sowjetbürger*innen denn nun anstehen. Warten, so Sorokins ironische Botschaft – kann sehr kurzweilig und subversiv sein.

 

Warten ist eine alltägliche Erfahrung. Aber Warten ist nicht gleich Warten: Da ist die Animierdame, die auf dem Barhocker am Tresen auf ihren Einsatz wartet. Ihre Sinne sind so geschärft, wie die eines Jägers bei der Jagd oder eines Drogenhundes am Zoll. Gläubige warten auf den Erlöser, Einbrecher auf den günstigsten Moment. Wir warten auf bessere Zeiten oder auf eine Katastrophe, auf einen Geburtstermin oder den Tod. Kinder halten nach dem Osterhasen oder dem Weihnachtsmann Ausschau. Für manchen ist das Ausharren geschenkte Zeit und die Vorfreude Teil des Genusses. Soviel steht fest: Ist das Warten ein Vorgehen, dessen Ausübung mit Belohnung gekrönt wird, dann fühlt es sich gleich viel besser an.

 

In anderen Kulturen ist die Erwartungshaltung an Sachen die eintreten oder nicht eintreten sollen, nicht so ausgeprägt wie bei uns. In Asien, in Afrika, aber auch in Südamerika gibt es sehr viele Gemeinschaften mit einem ganz anderen Zeitverständnis als das bei uns Vorherrschende. Dinge geschehen erst, wenn die Zeit reif für sie ist. Geschieht also nichts, befindet sich die erwünschte Sachlage noch in einem Reifungsprozess. Ein afrikanisches Sprichtwort lautet: «Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit.»

 

Wenn das Warten ein so fester Bestandteil unseres Lebens ist, wie können wir es dann erträglicher gestalten? Oder gar genießen? Ein erster Schritt wäre es zu lernen, Muße zu erleben – oder sich in Achtsamkeit zu schulen. Für die kindliche Entwicklung ist Langeweile von zentraler Bedeutung. Auch Erwachsene können produktiver und kreativer werden, wenn sie sich darauf fokussieren ihren Gedanken nachzuhängen. Probiert doch beim nächsten Anstehen oder Ausharren in einem Amt, beim Arzt oder auf dem Bahnsteig, nicht aufs Smartphone zu schauen, sondern Eure Gedanken zu beobachten. Schon wird aus der Wartezeit kostbare Meditationszeit. Yogapraktizierende nutzen die Zeit des vermeintlichen Nichtstuns auch gerne für Atemübungen. Das bewusste Ein- und Ausatmen aktiviert den Parasympathikus, der Körper schaltet in den Entspannungsmodus, vor allem, wenn das Ausatmen länger als das Einatmen dauert. Hier eine kleine Atemübung für Eure nächste Wartezeit: Atmet durch die Nase ein, in dem Ihr auf vier zählt. Haltet den Atem an und zählt ebenfalls auf vier. Beim Ausatmen zählt ihr dann auf acht. Dann beginnt Ihr wieder mit einatmen... Viel Erfolg dabei!

 

Hier findet Ihr mich auf Social Media:

Facebook: Alon Renner

Instagram: alon_renner

 

Das Warten versüssen kann man sich aber auch mit einer guten Playlist.

Ladies and Gentlemen:

Here we go! All Killers - No Fillers! 

 

RRRrrrr presents: Die 30 schönsten Songs aller Zeiten über das Warten.

John Coltrane: I’ll Wait and Pray

https://www.youtube.com/watch?v=4NONofNvHq8

Bob Marley & The Wailers: Waiting in Vain

https://www.youtube.com/watch?v=8WQVb_nuKvs

Seeed: Waiting

https://www.youtube.com/watch?v=HZuzNLIgRfo

The Doors: Waiting fort he Sun

https://www.youtube.com/watch?v=W1WnrjciO8c

Freddy Mercury: Time Waits For No One

https://www.youtube.com/watch?v=LGjt291COa0

Tom Waits: Don’t Fall In Love With You

https://www.youtube.com/watch?v=EtLVXBqfqBY

Lenny Kravitz: I’ll Be Waiting

https://www.youtube.com/watch?v=xntxoEFsqfU

Leonard Cohen: Waiting fort he Miracle

https://www.youtube.com/watch?v=D1EDKvXRKd0

Depeche Mode: Waiting for the Night

https://www.youtube.com/watch?v=vyrpRzdvp5U

Bananarama: Robert De Niro’s Waiting

https://www.youtube.com/watch?v=H87yGvoCNHU

AnnenMayKantereit: Warte auf mich

https://www.youtube.com/watch?v=qFrDIVwKQWY

Nickless: Waiting

https://www.youtube.com/watch?v=IxXthV9EG3g

Jack Johnson: Sitting, Waiting, Wishing

https://www.youtube.com/watch?v=IhTvifGShw4

Lewis Capaldi: Hold Me While You Wait

https://www.youtube.com/watch?v=QZ5GzGYgWJw

Marius Baer, Pat Burgener: Waiting On the World to Change

https://www.youtube.com/watch?v=HXFnm63nDeE

Blumentopf: Warten

https://www.youtube.com/watch?v=ML7TOM0ccZc

AKA AKA, Thalstroem: Warten auf Krog

https://www.youtube.com/watch?v=cjzH8aLCQiE

Faun: Warte auf mich

https://www.youtube.com/watch?v=tPxL0No7H04

Bonaparte (feat. Bop de Narr): Warten

https://www.youtube.com/watch?v=2AsFiMLhpQw

Ben Harper: Waiting On An Angel

https://www.youtube.com/watch?v=9Ro3OYiIERA

Sportfreunde Stiller: Wie lange sollen wir noch warten

https://www.youtube.com/watch?v=gIJCmnfTMEE

Lo & Leduc: Wart schnäu

https://www.youtube.com/watch?v=JLU5VXrTTM8

OK KID: Warten auf den starken Mann

https://www.youtube.com/watch?v=Pmx7yu0tPlU

Mike Williams: Wait Another Day

https://www.youtube.com/watch?v=n18g4bRJDCY

Avicii: Waiting for Love

https://www.youtube.com/watch?v=cHHLHGNpCSA

Deepend, Graham Candy: Waiting for the Summer

https://www.youtube.com/watch?v=oT6uGR1yL04

Linkin Park: Waiting for the End

https://www.youtube.com/watch?v=5qF_qbaWt3Q

Nickelback: What Are You Waiting For?

https://www.youtube.com/watch?v=w-Ng5muAAcg

Sum 41: Still Waiting

https://www.youtube.com/watch?v=qO-mSLxih-c

Slipknot: Wait and Bleed

https://www.youtube.com/watch?v=B1zCN0YhW1s

 


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