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Covid-19: Zentrale Rolle von Kindern und Jugendlichen

DMZ – POLITIK ¦ Anton Aeberhard ¦      

KOMMENTAR

 

In einer Prognose für Lancet mahnen 34 Wissenschafter zu einer höheren Impfquote. Viele Experten plädieren auch für eine Impfung der Jungen. Seit Beginn der Pandemie gelten Kinder als weniger anfällig für einen schweren Covid-19-Verlauf. Das befeuert die Diskussion, ob eine Impfung bei den Schützlingen sinnvoll ist. Im Klassenverbund und in der Kitagruppe steckt es sich besonders leicht an, gerade dann, wenn keine Symptome im Spiel sind. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ganz unerheblich, in etwa abschätzen zu können, wie schlimm ein Corona-Fall bei Kindern eigentlich werden kann. Derweil breitete sich das Virus unter Schülern in Grossbritannien einem Bericht der «Sunday Times» zufolge rasant aus. Die Zahl der infizierten 5- bis 9-Jährigen stieg teilweise um 70 Prozent an, bei den 10- bis 14-Jährigen sei es ein Plus von 56 Prozent, berichtete die Zeitung unter Berufung auf Zahlen der Gesundheitsbehörde Public Health. Fakt ist: Ein Prozent der erkrankten Kinder und Jugendlichen muss ins Krankenhaus. Auch Todesfälle sind möglich.

 

Mittelfristigen Ausblick 34 führender Experten im Fachjournal "The Lancet Regional Health Europe"

Vor der Wiederholung von Fehlern im Umgang mit der Covid-19-Pandemie im vergangenen Sommer und Herbst warnen Wissenschafter in einer Prognose im Fachjournal "The Lancet Regional Health Europe". 34 führende Experten versuchen sich darin an einem mittelfristigen Ausblick. Sie betonen die Möglichkeit von grösseren Wellen ab Herbst, sollte auf Eindämmungsmassnahmen verzichtet, die Impfquoten nicht erhöht werden und es kein europaweit abgestimmtes Vorgehen geben.

 

Der Blick der Analyse liegt auf den Zeiträumen Sommer 2021, dem kommenden Herbst und Winter 2021–2022 und auf der Perspektive für die kommenden drei bis fünf Jahre. Die Basis bilden Überlegungen zur Immunität durch den Impfschutz, zu weiteren Virusmutationen (besorgniserregenden Varianten oder gar Immunfluchtvarianten) sowie zur Einstellung und Bereitschaft in Europas Bevölkerung, nichtpharmazeutische Massnahmen weiter mitzutragen.

 

Kinder

Kinder mit Corona-Symptomen sind im Schnitt nach sechs Tagen wieder gesund – das berichten die Forscher in der Studie. In die Auswertung flossen die Krankheitsverläufe von 1734 positiv getesteten Kindern zwischen 5 und 17 Jahren ein. Deren Symptome hatten Erziehungsberechtigte über eine App gemeldet. Heraus kam: Häufig litten die Kinder unter Müdigkeit, Kopfschmerzen und dem Verlust von Geschmacks- oder Geruchssinn. Bei Fünf- bis Elfjährigen dauerten die Symptome im Mittel fünf Tage. Ältere waren im Schnitt sieben Tage krank. Selten kam es vor, dass Kinder auch noch vier Wochen oder länger Symptome zeigen.

Das seltene Pädiatrische Inflammatorische Multiorgan-Syndrom (PIMS) trat bei keinem der teilnehmenden Kinder auf. Diese schwerwiegende, vom Immunsystem ausgelöste Entzündungsreaktion tritt typischerweise rund drei Wochen nach der akuten Coronavirus-Infektion auf und ist mit Fieber, starken Bauschmerzen und Entzündungen von Gefäßen und Geweben verbunden. Unbehandelt kann PIMS zum Kreislaufkollaps führen, es lässt sich aber mit Antibiotika, Cortison und Immunglobulinen gut behandeln. (The Lancet Child & Adolescent Health, 2021; doi: 10.1016/S2352-4642(21)00198-X)

 

Massnahmen zur Eindämmung

Es brauche aller Voraussicht nach auch weiter Massnahmen zur Eindämmung, wie gute Risikokommunikation und das Testen, Tracen und Isolieren (TTI). Man gehe allerdings nicht davon aus, "dass wir jeden Winter Lockdowns brauchen werden". Die Pandemie werde uns jedoch weiter vor Herausforderungen stellen, da einer der einhelligen Punkte unter den an der Arbeit beteiligten Experten war, "dass wir es nicht mehr schaffen werden, das Virus auszulöschen". Daher brauche es möglichst niedrige Fallzahlen und europaweit "eine klare, evidenzbasierte und kontextrelevante Strategie sowie konzertierte Anstrengungen und Massnahmen", so die Experten.

 

Die Impfung spielt die zentrale Rolle in der Überlegung der Wissenschafter. Nur so gelinge es, die Risikogruppen und das Gesundheitssystem zu schützen. Über eine allgemeine Impfpflicht werde in Europa künftig sicher diskutiert, wenn die zu erwartende Welle in nicht geimpften Bevölkerungsgruppen Richtung Herbst ansteigt.

 

Die Wirksamkeit einer Impfpflicht auch über bestimmte Berufsgruppen hinaus bleibe aber "umstritten, da die Durchimpfung von einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Faktoren abhängt", heisst es in dem Papier.

 

Nun gilt es die Fehler des vergangenen Herbstes und Winters nicht zu wiederholen

Gehen die Fallzahlen – wie schon aktuell beobachtet – weiter nach oben, werde es die Aufgabe der Regierungen sein, die Fehler des vergangenen Herbstes und Winters nicht zu wiederholen. Die Erfahrung lehre, "dass die Wiedereinführung der notwendigen Gesundheitsmassnahmen zu spät kommen könnte, um eine weitere Welle im Herbst erfolgreich zu verhindern", warnen die Wissenschafter.

 

Sehr interessant werde sein, wie langfristig eine durch Impfung oder durchgemachte Krankheit aufgebaute Immunität auch angesichts neuer Varianten bestehen bleibt. Unter anderem deshalb sollten mühsam aufgebaute Infrastrukturen beibehalten werden.

 

Zentrale Rolle von Kindern und Jugendlichen 

Die Rolle von Kindern und Jugendlichen bei der COVID-19-Pandemie spielte immer schon eine zentrale Rolle. Dafür gab es nicht bloss Anzeichen, sondern unumstössliche Beweise aus diversen Studien. Dass dieses Thema vehement seit Monaten stillgeschwiegen wird, war unserer Zeitung stets ein Dorn im Auge. Deshalb berichten wir seit Anfang der Pandemie regelmässig über die Rolle der Kinder, Jugendlichen und Schulen im Zusammenhang mit Covid-19. Nun endlich berichtet, wenn auch verspätet, die Swiss National COVID-19 Science Task Force, die Behörden in der aktuellen COVID-19-Krise berät, detaillierter darüber und veröffentlicht Daten aus einer neueren Studie. Lange spielte vor allem auch die Schweiz eine unrühmliche Rolle bei der Frage, welche Rolle Kinder und Jugendliche in dieser Pandemie spielen. So wurde sogar monatelang gelogen. Daniel Koch, der umstrittene ehem. Covid-19-Delegierte des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit, hatte nebst der Aussage, das Masken nichts bringen, ebenfalls immer wieder unterstrichen, wie wenig Kinder Überträger des Coronavirus seien. Koch sagte bei einer der Pressekonferenzen in Bern sogar: "Kinder erkranken nicht und infizieren sich auch nicht. Sie sind wirklich keine Überträger des Virus." Gesundheitsminister Alain Berset stimmt der Aussage zu, Kinder seien "keine Treiber des Coronavirus".

 

"Wenn der Grenzwert in der Gesellschaft bei 100 liegt, hat er gefälligst in der Schule auch bei 100 zu liegen."

Lange beteuerten denn auch viele (vor allem aus Politik und Wirtschaft), dass die Schulen keine Corona-Hotspots seien und deren „strengen Hygiene- und Infektionsschutzmassnehmen“ wirkten. Aktuelle Daten von den Gesundheitsämtern zeichnen allerdings seit Pandemiebeginn ein ganz anderes Bild: Danach gehören Schulen durchaus zu den relevanten „Infektionsumfeldern“. Studien und Fakten, sowie Zahlen wurden bisher leider von den Verantwortlichen unter den Tisch gekehrt oder Inzidenzenwerte höher angesetzt als für den Rest der Gesellschaft. Der deutsche Lehrerverband forderte deshalb auch, die geplante Corona-Notbremse des Bundes noch einmal nachzuschärfen und Schüler früher in den Distanzunterricht zu schicken als bisher vorgesehen. Es sei zwar ein Fortschritt, dass der massgebliche Inzidenzwert für Schulschliessungen von 200 auf 165 gesenkt worden sei, sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Doch auch eine Inzidenz von 165 ist noch deutlich zu hoch."

 

Wechsel in den Distanzunterricht bei einer Inzidenz von 165: So sieht es die aktuelle Fassung der "Bundesnotbremse" vor. Zu spät, kritisiert der Lehrerverband und drängt auf eine Verschärfung des Entwurfs.

 

Entwicklung, aktuelle Lage: Schulöffnungen sogar der Treiber der hohen Corona-Fallzahlen 

Nach Ansicht verschiedener Wissenschaftler spielen die Schulen eine zentrale Rolle bei der zweiten und dritten Pandemie-Welle. Z.B. in Israel sei die Schulöffnungen sogar der Treiber der hohen Corona-Fallzahlen gewesen, sagt Eran Segal in einem Bericht der Zeitung «Times of Israel». Segal ist Forscher am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot, und er gilt als einer der führenden Covid-19-Statistiker Israels.

Der Berliner Virologe Christian Drosten sieht in seiner Studie zur Infektiosität von Kindern keinerlei Hinweise darauf, dass Kinder in Bezug auf Sars-CoV-2 nicht genauso infektiös seien wie Erwachsene. Zu einer Öffnung von Kitas und Schulen heisst es in seiner Studie: "Die uneingeschränkte Öffnung dieser Einrichtungen sollte sorgfältig mit Hilfe von vorbeugenden diagnostischen Tests überwacht werden."

 

Die Massnahmen zur Eindämmung von Corona sorgen grundsätzlich immer für Diskussionsstoff. Schweizer Forscher haben ermittelt, welche Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus am besten helfen. Diese Corona-Studie eines ein Forscherteams der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich zeigt, welche Massnahmen gegen das Coronavirus am effektivsten helfen sollen.

 

„Jugendliche Schüler sind ganz starke Treiber der Pandemie“

Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle, Prof. Alexander S. Kekulé

 

Es wurden mit Telekommunikationsdaten insgesamt 1,5 Milliarden Bewegung der Nutzerinnen und Nutzer registriert und diese mit in die Studie einbezogen. Das Team aus Zürich um den leitenden Forscher Stefan Feuerriegel (Mitglied in der Covid-19-Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation WHO) kam nach der Auswertung der gesamten Datenmenge zu dem Schluss, dass vor allem drei Massnahmen in besonderem Masse gegen die Ausbreitung des Coronavirus helfen.

 

Demnach helfen am besten gegen Corona

  • Schulschliessungen
  • Schliessungen von Restaurants, Bars und Geschäften
  • sowie die Kontaktbeschränkungen auf maximal fünf Personen

Klar und transparent zeigen auch die RKI-Zahlen, dass die Inzidenz bundesweit in der letzten Woche bei den 15- bis 19-Jährigen sowie den 20- bis 24-Jährigen Am höchsten gewesen ist!

 

Prof. Christian Drosten, Chef-Virologe der Berliner Charité, sagt in einem NDR-Podcast klar: „Im Moment ist das in den Schulen so: Jeder weiss das aus dem eigenen Umfeld, aus dem Bekanntenkreis, es gibt Fälle in Schulen und die werden mehr.“ Er hat schon im Frühling im Gegensatz zu den meisten Virologen und Infektiologen die Meinung vertreten, die Ansteckungsgefahr in Schulen sei gross. 

 

„Kinder stecken keine Lehrer an, das sind immer nur die Lehrer‘ – das ist Quatsch“

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität

 

Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt sowie Professorin für Medizinische Virologie an der Goethe-Universität, die im Wechsel mit Drosten im NDR-Podcast auftritt, hatte in der Folge zuvor bereits in eine ähnlich argumentiert. „Schulen spielen eine Rolle, klar“, sagte sie. „Was wir wissen, ist: Kinder können natürlich eine Infektion bekommen. Sie können daran auch schwer erkranken und sie können das Virus weitergeben, auch an Lehrer und Mitschüler. Eine Aussage, wie ich sie in der letzten Woche gehört habe: ‚Kinder stecken keine Lehrer an, das sind immer nur die Lehrer‘ die ist Quatsch. Das muss man klar sagen.“

 

Bereits 2020 klare Zeichen

Die Massnahme aus dem Frühjahr 2020, die Schulen zu schliessen und den Unterricht weitgehend über Homeschooling stattfinden zu lassen, habe die Mobilität um 21,6 Prozent verringert. Dies führte laut der Studie der ETH Zürich zu einer deutlichen Senkung der Fallzahlen und somit zu einer Eindämmung des Coronavirus.

 

Die Dunkelziffer in Bezug auf Infektionen mit dem Coronavirus gerade bei Kindern und Jugendlichen sei enorm hoch, da der Krankheitsverlauf in diesem Alter häufig ohne Symptome verläuft. Auch dazu nahm der Forscher der ETH Zürich, Stefan Feuerriegel, Stellung: „Unsere Analyse belegt, dass Schulschliessungen ein Mittel sind, die Verbreitung zu verlangsamen, indem sie die Mobilität verringern.“

 

Kontaktbeschränkungen helfen das Coronavirus einzudämmen

Sogar einen etwas höheren Beitrag zum Schutz vor Corona leistete der Studie zufolge die Entscheidung, Bars, Geschäfte des Einzelhandels und Restaurants zu schliessen. Damit sorgte die Massnahme der Schliessung aller Geschäfte, die für den täglichen Bedarf nicht notwendig sind, zu einer Reduzierung der Mobilität um 22,3 Prozent und damit ebenfalls zu einer Senkung der Infektionen mit dem Coronavirus.

 

Den grössten Effekt auf die Pandemie hatte aber laut der Studie die strikte Kontaktbeschränkung auf maximal fünf Personen. Diese Massnahme soll die Mobilität der Probanden um 24,9 Prozent verringert haben und der Ausbreitung des Coronavirus somit am effektivsten entgegengewirkt haben.

  

Christian Drosten erwähnte vor Monaten ausserdem eine Studie aus England, welche die Raten der Coronavirus-Erkrankten vor Weihnachten und nach Weihnachten bereits klar aufzeigt hat. Er wies darauf hin, dass in dieser englischen Region vor Weihnachten bei offenen Schulen die Covid-Rate bei den Schülern höher war. Während der Weihnachtsferien ging diese Prävalenz bei den Schülern zurück, während bei den Erwachsenen, also den Eltern, die Rate der Erkrankten anstieg. "Bestehen immer noch Zweifel an der Rolle des Schulbetriebs bei der Verbreitung von Sars-CoV-2?", fragt Drosten rhetorisch in seinem Tweet.

Studie - Massnahme zur Eindämmung von Corona Verringerung der Mobilität in Prozent

  • Kontaktbeschränkung auf maximal fünf Personen 24,9 Prozent
  • Schließung von Restaurants, Bars und Geschäften 22,3 Prozent
  • Schulschließungen 21,6 Prozent

Die Ergebnisse decken sich weitgehend mit einer Studie zu den Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus*, die von der britischen Oxford University durchgeführt wurde. Auch diese Erhebung zeigt, dass Schulschliessungen und Versammlungsverbote im Kampf gegen Corona am effizientesten helfen. 

 

Weitere Artikel und Studien:

Kinder und Jugendliche können sich mit SARS-CoV-2 anstecken und das Virus verbreiten. Ihre Symptome sind im Allgemeinen milder als bei Erwachsenen. Die derzeit verfügbare wissenschaftliche Literatur erlaubt keine präzise Bestimmung des Zusammenhangs zwischen dem Alter einer Person und der Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus zu infizieren oder es zu übertragen. Es ist wichtig, zwischen verschiedenen Altersgruppen zu unterscheiden: Kleinkinder (0-5 Jahre), Schulkinder (6-12 Jahre) und Jugendliche (13-17 Jahre).

 

Verspätet und etwas zurückhaltend berichtet nun auch die Swiss National COVID-19 Science Task Force

Nun endlich berichtet, wenn auch verspätet, die Swiss National COVID-19 Science Task Force, die Behörden in der aktuellen COVID-19-Krise berät, detaillierter darüber und veröffentlicht Daten aus einer neueren Studie. In der Zusammenfassung ist zu lesen: "Kinder und Jugendliche können sich mit SARS-CoV-2 infizieren, krank werden und das Virus übertragen. Im Allgemeinen weisen sie weniger und weniger schwere Symptome auf als Erwachsene, und schwere Verläufe von COVID-19 treten weniger häufig auf. Sie können an Long-COVID leiden, und können ein schweres Krankheitsbild entwickeln, das sogenannte Pädiatrische multisystemische inflammatorische Syndrom, das zeitlich mit COVID-19 assoziiert ist (PIMS-TS). Die Merkmale dieser beiden Krankheitsverläufe, einschliesslich ihrer Häufigkeit, sind noch nicht geklärt."

 

Entzündungssyndrom bei Kindern nach Infektion mit SARS-CoV-2: Schweizer Kinderspitäler verfassen nationale Richtlinien

 Die Kinder-Intensivstationen in der Schweiz haben vermehrt Fälle des Pädiatrischen multisystemischen inflammatorischen Syndroms PIMS festgestellt. Dieses tritt nach einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 auf. Fachpersonen aus den Schweizer Kinderspitälern unter der Leitung des Universitäts-Kinderspitals Zürich und des Universitätsspitals Genf haben deshalb  Richtlinien erlassen, wie PIMS diagnostiziert und behandelt werden soll.

 

Bei wenigen Kindern kann mehrere Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 eine Entzündungsreaktion auftreten, das Pädiatrische multisystemische inflammatorische Syndrom PIMS. Es kommt dabei zu einer Überreaktion des Immunsystems. Die betroffenen Kinder haben tagelang hohes Fieber, häufig begleitet von Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall und Ausschlägen. Manchmal verschlechtert sich ihr Allgemeinzustand so rasch, dass die Kinder in ein Spital eingewiesen werden müssen und lebenswichtige Unterstützung in der Intensivstation benötigen.

 

Dank frühzeitiger Behandlung werden Betroffene wieder gesund

Die ersten Kinder mit dieser Krankheit wurden in der Schweiz im Mai 2020 beobachtet, im Anschluss an die erste Corona-Welle. Im Zuge der zweiten Welle stellten die Kinder-Intensivstationen in der Schweiz dann eine Zunahme der Fälle fest. Insgesamt wurden dieses Jahr landesweit mehr als 60 Kinder mit PIMS behandelt, die meisten in den letzten Wochen. Kann frühzeitig mit einer anti-inflammatorischen Behandlung begonnen werden, erholen sich die Patientinnen und Patienten in der Regel rasch und vollständig.

 

Richtlinien sollen gleiche Therapie für alle sicherstellen

Eine dringliche Arbeitsgruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin SGI, geleitet durch Prof. Dr. med. Luregn Schlapbach (Leiter Intensivmedizin & Neonatologie am Kinderspital Zürich) und Prof. Dr. med. Peter Rimensberger (Leiter pädiatrische Intensivmedizin & Neonatologie am Universitätsspital Genf) hat heute Mittwoch, dem 30. Dezember 2020, nationale Richtlinien zur Diagnose und Therapie von PIMS publiziert.

 

Diese Schweizer Empfehlungen haben sie mit infektiologischen, immunologischen und anderen Spezialistinnen und Spezialisten aller universitären Kinderspitäler erarbeitet. Dadurch soll sichergestellt werden, dass alle betroffenen Kinder dieselbe Therapie erhalten, welche auf dem neuesten Stand des Wissens beruht. 2/2 Auch wenn die Schweizer Kinderspitäler in den letzten Wochen mehrere Kinder pro Woche mit PIMS behandelt haben, bleibt die Krankheit insgesamt sehr selten. Bei Verdacht auf PIMS sollten Kinder unbedingt zur Kinderärztin, zum Kinderarzt oder in eine Notfallstation gebracht werden. Die Schutzmassnahmen für Kinder gegen SARS-CoV-2 gelten unverändert weiter. 

 

Bestimmung des Zusammenhangs zwischen dem Alter einer Person und der Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus zu infizieren

Dies ergebe sich laut der Swiss National COVID-19 Science Task Force aus einer Kombination von Faktoren: "Dazu gehören die Anfälligkeit einer Person für SARS-CoV-2 (die insbesondere von biologischen Faktoren beeinflusst wird), ihre Umgebung, und zwar insbesondere das Ausmass der Verbreitung des Virus in der Gemeinschaft, und die bestehenden Präventionsmassnahmen. Studien, die das Zusammenspiel dieser Faktoren entflechten können, sind schwierig durchzuführen, insbesondere weil die Umgebungen von Kindern und Erwachsenen sehr unterschiedlich sind. Eine systematischere Darstellung der Faktoren wäre für die Interpretation der Ergebnisse jedoch hilfreich. Darüber hinaus weisen Kinder weniger Symptome auf und werden seltener getestet als Erwachsene, was die Abklärung ihrer Infektionsanfälligkeit verfälscht. In Studien zur haushaltsinternen Exposition steigt der Anteil der Infizierten mit dem Alter."

 

"Studien deuten darauf hin, dass die Viruslast bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die zum gleichen Zeitpunkt nach Auftreten der Symptome getestet wurden, ähnlich zu sein scheint."

Swiss National COVID-19 Science Task Force

 

Weitere Studien seien erforderlich, um die Rolle von Kindern und Jugendlichen bei der COVID-19-Epidemie genauer zu ermitteln, insbesondere in Ermangelung detaillierter epidemiologischer Informationen zur Übertragungsdynamik der neuen Varianten. Längsschnittstudien in Schulen und Haushalten wären hilfreich. Geeignete Präventionsmassnahmen müssten in den Schulen systematisch umgesetzt werden.

 

Die Pandemie sucht immer jüngere Opfer – wir dürfen das nicht laufen lassen

 

Dirk Specht (Redaktor DMZ) findet es gänzlich inakzeptabel, wie einige Mediziner mit Zahlen und Risiken für Kinder hantieren. "Seit einem Jahr hören wir insbesondere von zwei Verbänden, DGKJ und BVKJ sowie einzelnen Kinderärzten unerträgliche Beschwichtigungen. Unterstützt wurde das durch unhaltbare „Studien“ zum Geschehen in Kitas und Schulen – die berühmten „keine Treiber“-Papiere.

 

Vor allem im letzten Jahr wurde das Geschehen in und um Schulen vor allem kaum getestet, weshalb diese Aussagen sich auf angeblich niedrige Zahlen stützen konnten. Der aktuelle Lagebericht des RKI – siehe folgendes Bild – zeigt aber, welchen Sprengstoff selbst diese verkürzten Daten eigentlich beinhalten: Demnach sind nämlich von den Infizierten Kindern 1% ins Krankenhaus gekommen und 2,4 pro 100.000 sogar verstorben. Das sind für unseren Nachwuchs dramatische Zahlen, denn das lässt nicht nur auf schwere Verläufe, sondern auch auf viele LongCovid-Fälle schliessen.

 

"Wie man bei diesen Zahlen als Mediziner auf die geringe Fallzahl schauen kann, ist für mich nicht nachvollziehbar. Natürlich stimmt die Fallzahl nicht, gerade bei Kindern und Jugendlichen ist die Dunkelziffer erheblich, weshalb auch die genannten Quoten so nicht stimmen. Aber ich kann als Mediziner kaum mit der Fallzahl argumentieren, diese also als zutreffend ansehen und dann diese Quoten ignorieren. Mindestens wäre eine Warnung vor der Gefährlichkeit angezeigt gewesen!"

Dirk Specht, Redaktor DMZ Mittelländische Zeitung

 

Dirk Specht: "Nun hat aber bekanntlich das RKI dem Thema zuletzt mehr Aufmerksamkeit gewidmet, dazu eigene Studien gemacht und der sowohl wissenschaftliche als auch gesellschaftliche Druck ist gewachsen, das Geschehen bei Kindern und Jugendlichen nun besser zu erfassen. Dadurch ist die Testmenge endlich wenigstens auf demselben Niveau wie das der Erwachsenen angekommen. Wir erleben also Jahr zwei einer Pandemie und wir widmen unserem Nachwuchs erstmals dieselbe Aufmerksamkeit wie dem Rest der Gesellschaft.

 

Wie das Geschehen an Kitas und Schulden im vergangenen Jahr tatsächlich war, wird vermutlich erst die nachträgliche Forschung wirklich ergeben. Die nun besseren Testungen zeigen jedenfalls, dass wir in der Generation des Nachwuchses sowie bei deren Eltern momentan Schwerpunkte haben – und das sollte für eine einigermaßen gesunde Gesellschaft nun wirklich ein Alarmsignal sein. Wir erleben gerade eine Ausbreitung in exakt den Teilen unserer Gesellschaft, die nach hoffentlich noch existierenden Wertvorstellungen den allerhöchsten Schutz erwarten darf!"

 

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Was man bisher wusste

Auch Kinder können sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 anstecken und es verbreiten. Bisherigen Daten zufolge ist jedoch der Krankheitsverlauf von COVID-19 selbst bei Babys und Kleinkindern häufig geringer ausgeprägt und verläuft milder als bei Erwachsenen.

Kranke Kinder sollen zu Hause bleiben und bei Bedarf ärztlich behandelt werden.

 

Um zu wissen, wer mit dem Coronavirus infiziert ist, sind Antikörpertests eher weniger relevant. Sie eignen sich aber umso mehr in der Forschung, um bereits genesene Personen auf eine vergangene Infektion zu testen – oder deren Blutproben. Die Schulen blieben weiterhin offen, ebenso die Kindertagesstätten. Bislang wurden Kinder nicht als Pandemietreiber gesehen. Ein neues Analyseverfahren im Antikörpertest deckt nun eine deutlich höhere Infektionsrate auf.

 

Sechsfache höhere Ansteckungsrate bei Kindern

Die neue Methode ergab im Vergleich zu den vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung (LGL) gemeldeten Fällen nun eine um das sechsfache höhere Ansteckungsrate bei Kindern. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Kinder mit Antikörpern zeigten keine Symptome. Rund ein Drittel (35 Prozent) der Kinder, die mit einem auf das Virus positiv getestetem Familienmitglied zusammenlebten, wiesen Antikörper auf. Dies deutet laut den Wissenschaftlern auf eine höhere Übertragungsrate hin als in bisherigen Studien beschrieben - und damit auch auf eine höhere Dunkelziffer bei Kindern. Da viele Personen - bei Kindern knapp die Hälfte - keine Covid-19-typischen Symptome entwickeln, werden sie nicht getestet. Um verlässliche Daten über die Ausbreitung des Virus zu bekommen, reicht es also nicht aus, nur auf das Virus selbst zu testen.

Es ist also wahrscheinlich, dass Kinder wie bei anderen Infektionskrankheiten wie der Grippe als Treiber "funktionieren". Einige Untersuchungen sprechen dafür, andere dagegen. Die neuste Studie aus Bayern spricht klar dafür.

 

 

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Ergebnisse des SARS-CoV-2-Antikörper-Screenings

Zwischen Januar 2020 und Juli 2020 untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler knapp 12.000 Blutproben von Kindern in Bayern im Alter zwischen 1 und 18 Jahren (Teilnehmende der Fr1da-Studie) auf SARS-CoV-2-Antikörper. Zwischen April und Juli wiesen im Schnitt 0,87 Prozent der Kinder Antikörper auf (zweifach-positiv). Im Vergleich zu den vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Ernährung (LGL) gemeldeten Fällen von Kindern in Bayern (zwischen 0 und 18 Jahren), die zwischen April und Juli positiv auf das Virus getestet wurden, war die Antikörperhäufigkeit damit sechsmal höher.   

Die Ergebnisse machten keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern sichtbar. Knapp die Hälfte (47 Prozent) der Kinder mit Antikörpern waren asymptomatisch. Rund ein Drittel (35 Prozent) der Kinder, die mit einem auf das Virus positiv getestetem Familienmitglied zusammenlebten, wiesen Antikörper auf. Dies deutet auf eine höhere Übertragungsrate hin als in bisherigen Studien beschrieben. Zudem zeigten die Ergebnisse innerhalb Bayerns deutliche geographische Unterschiede („Hot-Spots“). Am meisten positive Antikörpertests gab es im Süden Bayerns.

Darüber hinaus wurden die Kinder auch auf Typ-1-Diabetes-Autoantikörper getestet. Diese dienen als Früherkennungsmerkmal für präsymptomatischen Typ-1-Diabetes. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konnten keine Zunahme dieser Antikörper feststellen. Dies lässt darauf schliessen, dass COVID-19 und Typ-1-Diabetes bei Kindern nicht miteinander assoziiert sind.

 

Bedeutung für COVID-19-Massnahmen

„Unsere Studie liefert wichtige Ergebnisse, die die Diskrepanz zwischen gemeldeten Virusinfektionen und Antikörperaufkommen offenlegen“, sagt Markus Hippich, Erstautor der Studie und Postdoc am Helmholtz Zentrum München. „Da viele Personen, bei Kindern knapp die Hälfte, keine COVID-19-typischen Symptome entwickeln, werden sie nicht getestet. Um verlässliche Daten über die Ausbreitung des Virus zu bekommen, reicht es also nicht aus, nur auf das Virus selbst zu testen.“

Studienleiterin Prof. Anette-G. Ziegler ergänzt: „Nationale Programme, die mit hoher Spezifität und Sensitivität auf Antikörper testen, könnten den Ländern zuverlässige Daten liefern, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Sie könnten ihnen dabei helfen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und die Auswirkungen regionaler und landesweiter COVID-19-Massnahmen zu überprüfen.“

 

Dashboard

Die Studienergebnisse sind gemeinsam mit einer Übersicht zur geografischen Verteilung der Antikörperhäufigkeit in einem Online-Dashboard verfügbar: covid-dashboard.fr1da-studie.de/app_direct/covid-dashboard/. Die Zahlen werden monatlich aktualisiert.

 

Einschränkungen der Studie

Antikörper gegen SARS-CoV-2 sind erst nach einer bis vier Wochen nachweisbar. Deshalb können diese Messwerte nicht dafür genutzt werden, um Aussagen über das aktuelle Infektionsgeschehen zu treffen. Bisher gibt es keine Belege dafür, dass SARS-CoV-2-Antikörper zu einer Immunität gegen das Virus führen. Falls dies belegt werden sollte, könnten die Ergebnisse wichtige Informationen zur Immunitätslage der Kinder in Bayern liefern.

 

Über die Studie

Diese Studie wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) unterstützt. Förderer der Fr1da-Studie sind die LifeScience-Stiftung, JDRF und The Helmsley Charitable Trust.

Mehr zu Fr1da: www.helmholtz-muenchen.de/en/aktuelles/latest-news/press-information-news/article/47571/index.html

 

 

Quellen: 

 


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